Sieben Fragen an Leila Fatima Keita und Felix Klee

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemacher:innen Leila Fatima Keita und Felix Klee konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Accidental Animals“ erfahren, der auf dem 67. DOK Leipzig 2024 seine Premiere feierte, wie sie ihre Google-Maps-Aufnahmen gefunden haben, warum sie sich für einen Desktop-Film entschieden haben und was ihnen beim Voice-Over am Herzen lag. 

Wie ist die Idee zu eurem Kurzfilm-Essay entstanden? 

Als erstes stand fest, dass wir gemeinsam einen Film machen wollten. In der Vergangenheit haben wir uns gegenseitig immer wieder bei Filmprojekten geholfen und Ideen ausgetauscht. Wir beide haben bereits unabhängig voneinander an Desktop-Filmen gearbeitet und so stand schnell die Filmform fest. 

Aufgrund von körperlicher Einschränkung ist das Internet für uns immer wieder zum einzigen Raum geworden, in dem wir uns frei bewegen können und Google Maps ist dafür natürlich das ultimative Tool. Felix beschäftigt sich bereits seit längerem mit nichtmenschlichen Lebensformen. Als wir dann zufällig in Google Maps die ersten Tiere gefunden haben, sind wir beide in das Rabbit Hole hinabgestiegen und haben dabei entdeckt, wie viele wichtige Fragen sich bei der zufälligen Begegnung von Tieren und der Google-Maps-Kamera eröffnen. 

Wie habt ihr die passenden Bilder gefunden? Wie lange wart ihr selbst dort unterwegs? 

Wir sind auch abseits des Filmes viel in Google Street View unterwegs und wussten daher, wie wir die richtigen Orte finden, an denen sich Tiere verstecken könnten. Zudem waren wir viel in Foren unterwegs, in denen andere Menschen die “Glitches” und Besonderheiten von Google Maps dokumentieren und sammeln. Da wir remote an dem Film gearbeitet haben, können wir keine genaue Zeitspanne angeben. Außerdem hat uns das Rabbit-Hole verschlungen. Da drin verliert man jegliches Zeitgefühl. 

Welche Botschaft liegt euch besonders am Herzen? 

Die zentrale Frage, um die sich in unserem Film letztlich alles dreht, ist: Wie kann es sein, dass ein fehlerhafter Algorithmus Tieren Persönlichkeitsrechte zugesteht, die wir Menschen ihnen nicht gewähren? 

Tiere werden systematisch als minderwertig betrachtet, um ihre Ausbeutung zu rechtfertigen. Werden Tiere als minderwertig angesehen, kann dies darüber hinaus eine kulturelle Grundlage für die Herabsetzung von Menschen schaffen. Umgekehrt führt die Achtung von Tieren oft zu einem höheren Bewusstsein für Gerechtigkeit und Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen. Daher ist es notwendig, Tier- und Menschenrechte als miteinander verwoben zu betrachten. Nur durch die Anerkennung dieser Verbindung können Diskriminierung, Gewalt und Ungerechtigkeit auf allen Ebenen wirksam bekämpft werden. 

Als Folge der Terrorangriffe der Hamas reagierte der israelische Verteidigungsminister Yoav Galant folgend: „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere“. 

Die Verzweiflung nach den Massakern und Entführungen der Hamas sind verständlich. Dennoch ist die Bezeichnung von Menschen als „Tiere“ in Konfliktsituationen – wie im Fall des Gazastreifens – ein Beispiel für sprachliche Dehumanisierung. Auch Trump und andere rechte Populisten bedienen seit jeher diese Rhetorik. Dies dient oft dazu, Gewalt zu legitimieren und Empathie für die Betroffenen zu reduzieren. 

Diese sprachliche Entwertung sollte auch im Kontext von Tierrechten gedacht werden. Wir glauben, interspezifische Gerechtigkeit führt letztlich zu einer gerechteren Welt. 

Das Voice-Over führt durch die Aufnahmen – wer hat ihn eingesprochen? Was war euch dabei wichtig? 

Mit der Geschichte der sogenannten „Entdecker“ ist auch die Geschichte der kolonialen und rassistischen Unterdrückung in Form des Kolonialsystems verbunden, weswegen es uns wichtig war, das Voice-Over von einer Person sprechen zu lassen, die nicht tonal an den typischen Entdecker (alt, weiß, männlich) erinnert. Wir hatten das Glück, die Tänzerin und Performerin Jana Baldovino für unseren Film zu gewinnen.

Könnt ihr mir noch ein bisschen mehr von Euch erzählen und wie Ihr zum Film gekommen seid? 

Wir studieren beide an der Hochschule für Film und Fernsehen in München und haben schnell gemerkt, dass wir beide auf ähnliche Art nerdig sind, wodurch wir schnell Freunde geworden sind. In unserer Hochschule gibt es ein Seminar namens Film als Experiment, in dem Student:innen die Möglichkeit haben, sich ohne den üblichen Erfolgsdruck auszuprobieren. Das Seminar hat uns geholfen, eine klare zeitliche Struktur zu bekommen. Da das Thema und Google Maps natürlich noch unendlich viele Möglichkeiten bereithält, war es ganz gut, eine feste Deadline durch das Seminar zu bekommen. Sonst wären wir wohl nie wieder aus dem Rabbit Hole aufgetaucht. 

Wie war eure Aufgabenteilung? 

Felix hat für unseren Film eine Menge gelesen und sich daher besonders um den Text/das Voice-Over des Filmes gekümmert, während ich mich mehr in den ganzen Foren und in Maps bewegt habe. Im Schnitt saßen wir die meiste Zeit zusammen, wodurch wir sowohl die ästhetische als auch die intellektuellen Ebenen gut verweben konnten. 

Sind bereits neue Projekte – allein oder gemeinsam – geplant? 

Felix beschäftigt sich in seinem neuen Film mit den Spuren und Zeichen von Tieren, die nicht mehr da sind und sich dennoch in die Geschichte des Bodens und der Zeit eingeschrieben haben. 

In Zukunft haben wir auf jeden Fall vor, erneut miteinander zu arbeiten. Unter anderem haben wir bereits begonnen uns mit dem Hobby der Großwildjagd zu beschäftigen und wenn 2025 nett zu uns ist, gibt es beim nächsten mal „Hunting Humans“ statt „Accidental Animals“.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Accidental Animals

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