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Filmkritik: Das neueste Biopic erzählt aus dem Leben von Bob Dylan: „Like a Complete Unknown“ (OT: „A Complete Unknown“, USA, 2024) von James Mangold mit Timothee Chalamet in der Hauptrolle, der auch selbst gesungen hat, ging mit acht Oscarnominierungen ins Rennen und konnte aber keine der begehrten Trophäen gewinnen.
In den frühen 1960er Jahre kommt der 19-jährige Bob Dylan (Timothee Chalamet), wie er sich selbst nennt, nach New York City. Er besucht sein Idol Woody Guthrie (Scoot McNairy) im Krankenhaus und schenkt dem Schwerkranken seine Bewunderung. Dort trifft er auch auf Pete Seeger (Edward Norton), der sofort dessen Talent erkennt und den jungen Bob in die Folk-Gemeinschaft einführt. Durch ihn erhält er seine ersten Auftritte und wird mit Sänger:innen wie Joan Baez (Monica Barbaro) bekannt gemacht. Gleichzeitig lernt er auch die Aktivistin und Malerin Sylvie Russo (Elle Fanning) kennen und entwickelt sich dann schnell mit Songs wie „Blowin‘ in the Wind“ zum Star der Folk-Szene. Doch Bob ruht sich nicht darauf und entwickelt seine Musik stetig weiter.
Bereits einige Filme und Dokumentationen brachten uns den amerikanischen Musiker Bob Dylan, geboren 1941, näher. Man denke dabei an Todd Haynes „I’m Not There“ (2007), in dem sechs verschiedene Schauspieler:innen den Künstler verkörperten, oder die Doku „No Direction Home“ (2005) von Martin Scorsese. Der US-amerikanische Regisseur James Mangold, der bisher Filme wie „Walk the Line“ (2005), ein Biopic über Johnny Cash, und die traurige Superhelden-Saga „Logan – The Wolverine“ (2017) realisiert hat, hat zusammen mit Jay Cocks das Drehbuch zu dem Biopic geschrieben. Es basiert auf dem Sachbuch „Dylan goes electric! Newport, Seeger, Dylan, and the night that split the Sixties“ (2015) von Elijah Wald. Die 140 Spielminuten erzählen von Bob Dylans Anfangsjahren. Er beginnt mit dem jungen Dylan, der 1961 nach New York kommt, und endet mit dessen Auftritt auf dem Newport Folk Festival 1965, wo er seine neue Musik präsentierte und dafür elektronisch verstärkte Instrumente verwendete. Bis dahin hatte er sich als gefühlvoller Folksänger mit wuchtigen, politischen und einmaligen Texten präsentiert und erfand sich dann mit dem Album „Highway 61 Revisited“ sozusagen neu. Bis heute gilt dieses Album als ein Meilenstein der Musikgeschichte. Diese Reise vom Folksänger zum eigenständigen und genreübergreifenden Künstler erzählt die Geschichte und gibt den Auftritten und der Musik selbst auch viel Raum. Besonders an dem Film ist das Fehlen eines klassischen, sehr dramatischen Verlaufs der Handlung. Die Exzesse und Peinlichkeiten halten sich hier genauso im Rahmen wie die typischen menschlichen Auf und Abs. Auch fehlt logischerweise die Dramatik eines bereits bekannten nahen Todes, was leider in vielen Biopics inzwischen zum festen Kanon gehört. So erzählt der Film einfach sehr stimmungsvoll von dem wohl auffälligsten musikalischen Wechsel in Bob Dylans Karriere.
Ein Nebenstrang sind die Liebesbeziehungen Bob Dylans. Doch diese werden nicht über die Musikgeschichte gestellt. Die beiden Frauen, welche hier an seiner Seite gezeigt werden, repräsentieren zwei Varianten von Beziehungen mit Berühmtheiten: Die Liebe, die bereits vor dem Bekanntwerden des Künstlers entstand, und die Liebschaft im Showbusiness. Diese Nebengeschichten berühren, da sie zeigen, wie man sich von schädlichen Beziehungen lösen kann. Denn obwohl wir hier noch den jungen Bob Dylan sehen, werden bereits seine unangenehmen Züge, wie die fehlende Rücksichtnahme und Verlässlichkeit sowie seine Arroganz herausgearbeitet. So ist das Portrait zwar eine Liebeserklärung an die Musik und die Zeit, aber nicht unbedingt an den Menschen Dylan.
Die Inszenierung ist dabei ganz auf die Liebeserklärung ausgerichtet. Das New York der 60er Jahre lebt von seinen goldenen Farben, pittoresken Straßen und dem Gefühl der Freiheit. Man sieht dem Film James Mangolds Liebe zur Zeit, der Musik, der Kleidung und dem Künstler-Lebensstil in jeder Szene an. Wie schon in seinem Film „Walk the Line“ legte Mangold Wert darauf, dass die Songs live und von den Schauspieler:innen
selbst eingesungen werden. Das funktioniert so gut, dass man gerade bei Joan Baez davon ausgeht, dass es sich hier um eingespielte Aufnahmen handelt. Der Hauptdarsteller Timothée Chalamet hat sich fünf Jahre lang auf diese Rolle vorbereitet, Instrumente und Gesang geübt. Trotzdem verschwindet er nicht komplett hinter der übergroßen Figur Bob Dylan, sondern lässt seinen Charme durchblitzen und gibt auch der Intonierung der Songs seine eigene Note. Grandios besetzt ist der Film bis in die kleinsten Nebenrollen: Edward Norton als Pete Seeger und Scoot McNairy als Woody Guthrie schließt man sofort ins Herz, aber auch die Frauenrollen sind mit Elle Fanning, die eine fiktive Figur spielt, und Monica Barbaro (nominiert als ‚Beste Nebendarstellerin‘) hervorragend besetzt und tragen viel zum emotionalen Gelingen des Biopics bei. Fantastisch ist, dass sie alle selbst singen und dafür viele Jahre geübt haben. Mangold, der in „Walk the Line“ schon Joaquin Phoenix zu Johnny Cash machte, legt Wert darauf und das zahlt sich meistens aus. Natürlich ist es verständlich, dass nicht alle Schauspieler:innen große Sänger:innen imitieren können, aber wenn sie sozusagen ihre Version, die auch noch gut klingt, liefern, fühlt sich das Biopic immer authentischer und nahbarer an.
Fazit: „Like A Complete Unknown“ ist keine klassische Biopic-Adaption, da sie auf typische Elemente wie dramatische Höhepunkte, Leid und Absturz verzichtet. Doch im Gegensatz zu dem künstlerischen Film von Todd Haynes ist dieser sehr konventionell erzählt und Regisseur James Mangold verbeugt sich vor der Zeit, New York City und der Musik. Das funktioniert sehr gut, man bekommt einen guten Einblick in die Zeit sowie ein Interesse für die Musik und so wird man sehr gut und stimmungsvoll unterhalten.
Bewertung: 8/10
Kinostart: 27. Februar 2025
Trailer zum Film „Like A Complete Unknown“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- 75. Internationale Filmfestspiele Berlin 2025 – Katalog (Programm ‚Berlinale Special Gala‘)
- Wikipedia-Artikel über den Film Like A Complete Unknown
- A Complete Unknown and What’s Making Us Happy, in Podcast: Pop Culture Happy Hour, 27.12.2024.
- Tina Kakadelis: A Complete Unknown, in Podcast: Movies with my Dad, 10.01.2025.
- Susanne Burg: Vollbild – Live von der 75. Berlinale. Die ganze Sendung, in: Podcast Deutschlandfunk Kultur – Vollbild, 15.02.2025.
- Wikipedia-Artikel über den Filme „Like A Complete Unknown„
- Philipp Holstein, ‚Kino: Bob-Dylan-Film „Like A Complete Unknown“ mit Timothée Chalamet‘, rp-online.de, 2025
- Jürgen Ziemer: Ein paar Dinge, die wir über Bob Dylan wissen, in EPD Film, Ausgabe 3/25, S. 22-27.
- Ulrich Sonnenschein: Like a Complete Unknown, in EPD Film, Ausgabe 3/25, S.47.



