- Sechs Fragen an Gaël Kamilindi - 26. Juni 2026
- „TAXI MOTO“ (2026) - 26. Juni 2026
- Sieben Fragen an Giorgi Gago Gagoshidze - 2. Juni 2026
Filmkritik: Der Spielfilm „Heldin“ (ET: „Late Shift“, Schweiz, Deutschland, 2025) begleitet genau eine Spätschicht der Krankenpflegerin Floria Lind, gespielt von Leonie Benesch. Der Film der schweizerischen Regisseurin Petra Biondina Volpe feierte seine Weltpremiere im Programm ‚Berlinale Special Gala‘ auf der 75. Berlinale 2025.
Die Station ist unterbesetzt. Patient:innen, Angehörige und Kolleg:innen wollen etwas von Floria (Leonie Benesch), oft gleichzeitig. Isoliert gesehen sind viele Wünsche nachvollziehbar, die Arbeitsschritte überschaubar. Es geht nicht um unlösbare medizinische Fälle oder ausgefallene Krankheiten, keine Lebensrettung in letzter Sekunde. Es geht eher darum, wie es ist, die Summe all dieser Aufgaben zu bewältigen, während Floria sich um Menschen kümmert, die selbst mit ihrer eigenen Krankheit kämpfen.

Mit seinem engen Fokus erzeugt der Film ein intensives Stressgefühl. Die zu bewältigenden Aufgaben fühlen sich unmöglich an und Floria bewältigt sie trotzdem. Jedes Klingeln des Telefons lässt die Herzrate steigen, jede Patientin und jeder Patient, die oder der seinen Unmut äußert, will man als Zuschauer:in entnervt zu mehr Verständnis raten – wir wissen ja, was Floria gerade zu bewältigen hat – Floria bleibt aber (fast) immer souverän, nimmt sich auch Zeit für ihre Patient:innen, wenn diese vielleicht gerade nicht in besonderer medizinischer aber doch seelischer Not sind.
Daneben nimmt sich der Film genug Zeit, um sowohl Floria als auch ihren Kolleg:innen und Patient:innen Raum zu geben. Zu allen Patient:innen wird eine kleine Geschichte erzählt – wir lernen sie kennen. Die Zeit reicht nicht aus, um eine enge emotionale Bindung zu den Patient:innen aufzubauen – Florias eigene mal mehr oder weniger starke Bindung wird auch nur angedeutet – das passt aber zum Fokus des Films auf den Stress. Schließlich führt Stress gerne dazu, dass die Menschen hinter den zu bewältigenden Aufgaben verschwinden.

Die Kamera bleibt dabei die ganze Zeit über nah an Floria. Wir folgen ihr durch die Station, dabei wirken die Aufnahmen dokumentarisch. Zu Beginn nimmt sich der Film Zeit, jeden einzelnen Arbeitsschritt, jeden einzelnen Handgriff zu zeigen, auch um zu verdeutlichen, wie viel Arbeit hinter jeder noch so klein erscheinenden Aufgabe stecken kann. Das sind genau die richtigen Mittel, die dabei helfen, das Stressgefühl zu steigern.

Am Ende der Schicht sind alle Konflikte gelöst, alle Probleme bewältigt. Ist das der richtige Schluss für einen solchen Film? Wie der Titel schon verrät, hat Floria – auch wenn sie sich selbst sicher nicht so sieht – alles heldenhaft gemeistert und trotz kleinerer Fehler alles irgendwie hinbekommen. Sie hat sogar die verschollene Lesebrille einer ehemaligen Patientin gefunden. Die Texteinblendung am Ende weist aber auf ein drohendes oder bereits stattfindendes Systemversagen hin, bei dem wir besser nicht Held:innen in einen Kampf schicken sollten, den sie gar nicht gewinnen können. Der Film zeigt eine Krankenpflegerin, die es hinbekommt, dass nicht alles zusammenbricht. Vielleicht müssten wir aber gerade sehen, wie alles zusammenbricht? Andererseits zeigt der Film trotzdem eindrücklich – obwohl am Ende alles wieder gut ist – dass für einen Zusammenbruch nicht viel fehlt. Gleichzeitig setzt er durch die Darstellung alltäglicher Heldentaten Pflegerinnen ein Denkmal.
Kinostart: 27. Februar 2025
Trailer zum Film „Heldin“:
geschrieben von Michael Kaltenecker
Quellen:
- 75. Internationale Filmfestspiele Berlin 2025 – Katalog (Programm ‚Berlinale Special Gala‘)
- Wikipedia-Artikel über den Film „Heldin“
- Anke Sterneborg: „Ich bin die Farbe, mit der ein Gemälde gemalt wird“, Interview mit Leonie Benesch, in EPD Film, Ausgabe 2/25, S. 10-15.
- Anke Sterneborg: Heldin, in EPD Film, Ausgabe 3/25, S. 46.
- Susanne Burg: Vollbild. Die ganze Sendung, in Podcast: Deutschlandfunk Kultur Vollbild, 23.02.2025.