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Interview: Im Gespräch mit dem aus Georgien stammenden Regisseur Giorgi Gago Gagoshidze konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Graft versus Host“ erfahren, der auf der 76. Berlinale 2026 im Rahmen des ‚Berlinale Shorts‘-Programm seine Weltpremiere feierte, wie er Historie mit der eigenen Krankheitsgeschichte darstellbar machte und welche verschiedenen Techniken und Stile dafür zum Einsatz gekommen sind.
The original english language interview is also available.
Mitten in deiner Recherche für einen Film bist du erkrankt. Wie schnell war die Idee da, diese beiden Themen miteinander zu verbinden? Welche Wechselwirkung ergibt sich daraus?
Während meiner Forschungsphase war ich nie davon überzeugt, dass dieses Forschungsmaterial für die Fertigstellung eines Films ausreichte. Mir fehlte eine Geschichte, ein Element, das die historischen Ereignisse, die im Mittelpunkt meiner Forschung standen, wieder zum Leben erwecken konnte.
Nachdem bei mir Krebs diagnostiziert worden war, gab ich alle anderen Arbeiten auf und konzentrierte mich voll und ganz auf die bevorstehende Behandlung. Die Ärzte hatten mich gewarnt, dass die Behandlung sehr hart werden würde. Die Behandlung war in drei Phasen unterteilt: 1. Beseitigung der Krebszellen aus dem Körper. 2. Ausschaltung meines Immunsystems und Implantation eines neuen Spenderimmunsystems. 3. Anpassung an das neue Immunsystem.
Erst als ich in die Erholungsphase eintrat, wurde mir klar, dass meine Behandlung das Potenzial hatte, als Gerüst für eine umfassendere Erzählung zu dienen. Es ging nicht nur um die Behandlung selbst, sondern auch um die Erinnerung an einzelne Gespräche mit Ärzten und Krankenschwestern – die Sprache, mit der sie meinen Zustand beschrieben und mich auf die nächste Phase der Behandlungen, Medikamente und zu erwartenden Nebenwirkungen vorbereiteten. Diese Sprache und die Struktur, die sie vorgab, ließen mich erkennen, dass sie als Rahmen dienen könnte, um den komplexen geopolitischen Wandel der letzten Jahrzehnte zu erfassen, der zum aktuellen politischen und wirtschaftlichen Klima geführt hat.
Wie kamen die Interviews mit Dr. Blau dazu und was war Dir dabei wichtig?
Dr. Blau absolvierte Anfang der 1980er Jahre sein Medizinstudium in St. Petersburg und arbeitete bereits Ende des Jahrzehnts an der Charité in Berlin. Dadurch gewann er Erfahrungen aus erster Hand über die historische Epoche, auf die sich der Film konzentriert. Als ich ihn um ein Interview bat und ihm das Konzept des Films erläuterte, willigte er sofort ein.
Dr. Blaus Fachwissen ist für den Film absolut unverzichtbar. Er bringt die medizinische Fachsprache souverän und klar ein. Meine Absicht war es, ihm eine Hauptrolle im Film zu geben, um von einer persönlichen, dramatischen Lesart des Films abzulenken und eine übersentimentale Wahrnehmung meines Zustands zu vermeiden.
Auf visueller Ebene arbeitest Du mit verschiedenen Medien und Techniken. Kannst Du mir mehr zu deinem visuellen Ansatz erzählen?
Ich begann mein Studium als Maler und begann später, im Rahmen der Bildenden Kunst mit bewegten Bildern zu arbeiten. Diese Art von Ästhetik – die Vermischung von Medien und verschiedene Arten von Filmmaterial – ist in diesem Bereich gängige Praxis.
Konzeptionell steht dieser Ansatz auch in Zusammenhang mit meiner Erkrankung, da mein Immunsystem mithilfe von Zellen externer Spender rekonstruiert wurde und so ein neues, zusammengesetztes Abwehrsystem bildet. In ähnlicher Weise vereint der Film verschiedene Epochen der vergangenen Jahrzehnte, die jeweils durch unterschiedliche Ästhetiken, Bildformate und Farbcodes geprägt sind, welche für bestimmte Momente in der Zeit stehen. Daher ist es sinnvoll, dieses Filmmaterial mit seinen ursprünglichen visuellen Eigenschaften einzubeziehen, auch wenn es manchmal online gefunden und gesammelt und in stark verpixeltem Zustand wiederverwendet wird.
Die Musik ist uns ebenso aufgefallen. Magst Du ein bisschen mehr zur Auswahl und dem Einsatz der Musik erzählen?
In „Graft versus Host“ spielt die Musik von TeTe Noise eine zentrale Rolle, da ich sie als wichtiges Mittel nutze, um Emotionen zu steuern und einen bestimmten Verlauf des Films anzuregen. Sie schafft eine Ebene, welche die Dichte der Sprache und die Intensität des Voice-Overs aufnimmt und als Stütze fungiert, die dem Publikum hilft, dem Erzählfluss zu folgen. Der letzte / abschließende Teil des Films, in dem ich Musik von L.C. verwendet habe, ist eine sehr persönliche Entscheidung, die ich einfach in den Film einfließen lassen wollte.
Fiel es Dir schwer, so offen über Dich selbst zu sprechen und selbst zum Gegenstand Deines Films zu werden?
Nein. In meiner künstlerischen Praxis habe ich mit verschiedenen Medien gearbeitet, oft unter Einbeziehung meiner eigenen Performance, sei es vor Publikum oder auf der Leinwand. Im Fall von „Graft Versus Host“ ging es mir jedoch einzig und allein darum, eine von Mitleid geprägte Erzählung zu vermeiden. Mir ist völlig bewusst, dass sich das nicht vollständig ausmerzen lässt – und das sollte es auch nicht! Aber wie gesagt, ich habe versucht, meinen persönlichen Gesundheitszustand und meine Behandlung zu nutzen, um sie mit dem größeren Ganzen zu verknüpfen. Im Grunde habe ich meinen Körper als eine Landkarte behandelt, auf der man Metaphern für die geopolitischen Verschiebungen der letzten Jahrzehnte ablesen kann.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Wie ich bereits erwähnt habe, habe ich keine formale Ausbildung als Filmemacher absolviert. Ich habe zunächst Malerei an der Staatlichen Kunstakademie Tiflis studiert und anschließend einige Jahre an der KABK [Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten] in Den Haag verbracht. Später, von 2012 bis 2016, studierte ich im Studiengang Neue Medien (Lensbased) an der UdK Berlin, wo ich meinen Schwerpunkt mehr auf Film und bewegte Bilder verlagerte. Nach meinem Abschluss werden meine Filme meist auf kunstbezogenen Festivals und in Kunstinstitutionen gezeigt, aber manchmal werden sie auch von Filmfestivals ausgewählt. Einfach gesagt: Ich liebe Montage. Den Ort, an dem Musik, Ton, Bild und Text versuchen, eine gemeinsame Basis zu finden, und dabei ihre Dominanz abwechselnd aufgeben, um das Gesamtwerk zu unterstützen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ich möchte beim nächsten Projekt im gleichen Fachgebiet bleiben und meine Forschung im Bereich der Chimären vertiefen. Dabei möchte ich mich näher mit verschiedenen Formen der Immunität, kooperativen Verteidigungsmechanismen in der Biologie und deren Zusammenhang mit sozialen und politischen Dimensionen befassen.
Die Fragen stellte Michael Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Graft Versus Host“
Interview: In our conversation with Georgian director Giorgi Gago Gagoshidze, we learned more about his short film “Graft versus Host,” which celebrated its world premiere at the 76th Berlinale in 2026 as part of the ‚Berlinale Shorts‚ program; how he brought history to life through his own personal medical history; and what various techniques and styles he employed to achieve this.
You fell ill in the middle of your research for a film. How quickly did the idea of combining these two topics come about? What interplay results from this?
In my research period I never was convinced that this research material was enough for completing a film. I was lacking a story, some kind of element that could reanimate historic events that were interests of my research.
After I was diagnosed with cancer, I dropped all kinds of work and fully focused on coming treatment. The treatment that I was given was warned by doctors that it was going to be very harsh. The treatment was divided in 3 stages: 1.remission of cancer cells from the body, 2. Whyping out my immune system and implanting a new donor system. 3. Adapting to the new immune system.
It came to me only after I started the recovery phase, when I started to recognize that my treatment had some potential to function as a backbone to carry a broader narrative. It was not only treatment but recalling individual conversations with doctors and nurses -The language that they used to describe my conditions and prepare me for the next coming phase of treatments, medications and expected side effects.This language, and the structure it imposed, led me to realize that it could serve as a framework for attempting to grasp the complex geopolitical shift of the last few decades that resulted in the current political and economic climate.
How did the interviews with Dr. Blau come about and what was important to you in this process?
Dr. Blau was educated in medicine in early-1980s St. Petersburg and, by the end of the decade, was already working at Charité in Berlin. This gave him first-hand experience of the historical period that the film focuses on. When I approached him for an interview and explained the concept of the film, he immediately agreed.
Dr. Blau’s expertise is absolutely essential for the film. That he brings in medical language in a confident, clear fashion. My intention was to give him a leading character in the film, in order to divert from a personal dramatic reading of the film, avoiding an oversentimental perception of my condition.
On a visual level, you work with different media and techniques. Can you tell me about your visual approach?
I began my studies as a painter and later started working with moving images within the context of fine arts. This kind of aesthetic – mixing media and different types of footage, is a common practice in the field.
Conceptually, this approach also relates to my medical condition as my immune system has been reconstructed using cells from external donors, forming a new, composite system of defense.
Similarly, the film brings together different periods of the past decades, each defined by distinct aesthetics, frame formats and color codes that signify specific moments in time. Therefore it makes sense to include this footage with its original visual qualities, even though sometimes they are found and harvested online and repurposed in a heavily pixelated state.
We also noticed the music. Would you like to tell us a little more about the selection and use of music?
In the Graft versus Host the music from TeTe Noise is playing a dominant role since I am using it as an important tool to regulate emotions and stimulate a certain path of the film. It creates a layer that absorbs the density of the language and the intensity of the voice-over, functioning as a support that helps the audience follow the flow of the narration. The last /ending part of the film where I used music by L.C. is a very personal choice to the film that I just wanted to capture in the film.
Was it difficult for you to talk so openly about yourself and become the subject of your own film?
No. In my practice I have worked across different media, often involving my own performance, either in front of an audience or on screen. But in the case of Graft Versus Host, my only concern was to avoid a narrative shaped by pity. I am fully aware that it cannot be fully eradicated and it should not! but As I said, I tried to focus on utilising my personal medical condition and treatment to connect them to the larger picture. Basically I treated my body as a map on which one could read metaphors of geopolitical shifts of the last decades.
Can you tell me a little more about yourself and how you got into film?
As I mentioned before, I wasn’t formally trained as a filmmaker. I started out studying painting at the Tbilisi State Academy of Arts, then spent a couple of years at KABK in The Hague. Later, from 2012 to 2016, I studied in the New Media (lensbased) class at UdK Berlin, where I shifted my focus more toward film and moving image. After graduation most of the time my films are shown in art related festivals and institutions but sometimes they have been picked up by film festivals. Simply put, I just love montage. The place where music, sound, image and text tries to find common ground, exchanging dominance to support the general cause.
Do you have any new projects planned?
I am trying to remain in the same field for the next project by deepening my research towards Chimeris. Exploring more different forms of immunities, cooperative defence forms in biology and its relation to the social and political dimensions.
Questions asked by Michael Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Graft Versus Host“


