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Filmkritik: In „Graft versus Host“ verschwimmt die Betrachtung des Wechsels des Wirtschaftssystems in der Sowjetunion der 1990er Jahre und die Krebsbehandlung des Regisseurs. Eigentlich wollte Giorgi Gago Gagoshidze einen Film zu Ersterem machen, doch dann kam seine Krebsdiagnose dazwischen. Der Film war Teil des Berlinale Shorts-Programm bei der 76. Berlinale 2026.
Die Krebsbehandlung gibt dabei den Rahmen und den Verlauf der Geschichte vor. Der Filmemacher verwendet sie als Analogie. Diese Verbindung erkannte er erst, als seine Behandlung bereits abgeschlossen war. Die Art und Weise, wie Ärzt:innen und Pfleger:innen mit ihm über seine Krankheit und Behandlung gesprochen haben, erinnerte ihn an seine Recherche zum radikalen Wechsel des Wirtschaftssystems und den damit einhergehenden politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in der UDSSR.
Um diese Sprache auch in den Film zu transportieren, konnte er Prof. Dr. Igor Wolfgang Blau für seinen Film gewinnen, der souverän und mit erkennbarer Leidenschaft über die Erkrankung und die Behandlung berichtet. Daneben zeigt Gagoshidze Fernseh-Archivaufnahmen, zu denen er von seinen Recherche-Erkenntnissen berichtet, gleichzeitig aber von seiner Krankheit erzählt, mal persönlich, mal sachlich, und diese in Bezug dazu setzt. Ergänzt wird das ganze durch stilistisch ganz verschiedenen 3D-Scans, Behandlungspläne, Mikroskopaufnahmen und Fotos des Regisseurs selbst während der Behandlung, immer mit gut abgestimmter Musik, Soundeffekten und dem Ton der Originalaufnahmen.
Die Ästhetik – abgefilmte Computerbildschirme, darauf Dokumentenchaos – unterstützt uns beim Hineinfinden in die Perspektive des Krebskranken. Es gibt gerade Wichtigeres als Ordnung und Struktur in so nebensächlichen wie Computer-Dateisystemen. Sein Gehirn ist damit beschäftigt Verbindungen zu finden zwischen dem, was er in der Behandlung erlebt und dem, was ihn vorher intensiv beschäftigt hat.
Der Film ist dabei weit entfernt eine sentimentale Krebsgeschichte zu erzählen, sondern alles ist sehr nüchtern und klar in seiner Darstellung. Durchaus aber stellt sich dabei ein Gefühl der Beklemmung ein, ob der risikoreichen und radikalen Behandlungsmethode, welche der Krebs erfordert und auch, zu welchen zerstörerischen Krankheitsbildern – das im Titel aufgegriffene Graft-versus-Host-Disease – die Behandlung führen kann. Bei der Behandlung kann es passieren, dass sich das neue und transplantierte Immunsystem („Graft“) – nachdem das alte ausgeschaltet wurde – sich gegen seinen neuen Wirt („Host“) auflehnt und für ihn gefährlich wird. Heilung und Erkrankung durch die Behandlung: Beides ist möglich. Dieses Gefühl überträgt der Film durch die Verwebung der beiden Erzählstränge auf seine Erzählung des Wechsels der Wirtschaftsform und nutzt so die Kraft der Analogie, um eine vermeintlich bekannte Geschichte aus neuer Perspektive zu erzählen.
Das ist sehr kurzweilig, einerseits weil man spannende Fakten über die Behandlungsmethode und Gagoshidzes Erfahrung damit erfährt, andererseits weil Analogien immer auch dazu einladen für einen selbst abzuklopfen, wo die Analogie überzeugt und wo sie vielleicht in die Irre führt, wo sie neue Perspektiven eröffnet und wo sie nur mit Mühe anwendbar ist. Zusammengehalten wird das ganze von einer selbstbewussten Ästhetik, die Zuschauende mit nur scheinbar müheloser Coolness in die Gedankenwelt des Filmemachers führt.
Trailer des Kurzfilms „Graft Versus Host“:
geschrieben von Michael Kaltenecker
Quellen:
- Michael Kaltenecker, ‚Sieben Fragen an Giorgi Gago Gagoshidze‘, testkammer.com, 2026
- Eintrag des Kurzfilms „Graft Versus Host“ bei der Berlinale
- Berlinale, ‚Graft versus Host‘, berlinale.de, 2026
- Kunsthochschule Kassel, ‚„Graft Versus Host“ feiert Premiere bei den Berlinale Shorts 2026 – Kunsthochschule Kassel‘, kunsthochschulekassel.de, 2026
- Philip Oltermann, ‚‘A permanent civil war in the body’: how fighting cancer helped an artist understand his Soviet youth‘, theguardian.com, 2026


