Neun Fragen an Jennifer Mallmann

Doreen Kaltenecker
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Jennifer Mallmann im Filmgespräch zu “Moria Six” beim 67. DOK Leipzig

Interview: Im Gespräch mit der deutschen Regisseurin und Journalistin Jennifer Mallmann konnten wir mehr über ihren Dokumentarfilm „Moria Six“ erfahren, der seine Weltpremiere auf dem 67. DOK Leipzig 2024 feierte und dort auch den DEFA-Förderpreis und den Filmpreis Leipziger Ring gewinnen konnte, wie es zu dem initialen Briefkontakt kam, wie es war sich selbst in den Film einzubauen und wie sie die Filmbilder für ihre Dokumentation, die oft, das eigentliche Thema nicht zeigen kann, fanden. 

Warum hast Du Dich dafür entschieden, einen Film über dieses Thema zu machen?

Nachdem 2020 das Camp Moria abbrannte, wurde es in der medialen Öffentlichkeit sehr still rund um das Thema Migration in Europa. Ich hatte das Gefühl, dass wenig bis fast gar nichts darüber berichtet wurde. Im Sommer 2021 las ich in einer griechischen Zeitung über die Verhaftung der sechs Jugendlichen. Keine Zeugen, keine Beweise, und alle sechs beteuerten ihre Unschuld. Das Resultat der Verhandlung: schuldig und für bis zu zehn Jahre Haft.

Durch meine jahrelange Recherche und Erfahrung an den Außengrenzen Europas wusste ich, dass dieser Fall nur einer von vielen ist. Ein Fall, der mehr Fragen aufwarf als Antworten gab. Ein Fall, der einen Teil des Systems aufgedeckt hat, in dem wir leben. Und hinter solchen Fällen stecken Menschen, die weder gesehen noch gehört werden. 

Warum hast Du Dich als Filmemacherin mit dem Voice-Over selbst in den Film eingebracht?

Der Anfang meiner Recherche begann damit, dass ich Hassan und den anderen Jugendlichen Briefe ins Gefängnis geschickt habe und sich daraus ein Briefwechsel über mehrere Jahre entwickelte. Mir war es wichtig, den Jugendlichen eine Stimme zu geben. Daher wollte ich die Briefe in das Zentrum des Films stellen, und so kam es dazu, dass wir uns entschieden, Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Hassan und mir zu nutzen.

Über welchen Zeitraum habt ihr gedreht?

2021 begann ich mit der Recherche. Der erste Recherchedreh fand im Frühjahr 2022 statt. Im Herbst 2022 und im März 2023 folgten dann zwei Drehblöcke.Im Herbst 2023 hatten wir noch einen Nachdreh, da Hassan kurzzeitig Hafturlaub genehmigt bekam.

Was lag euch visuell am Herzen? Nach welchen Kriterien habt ihr die Bilder ausgesucht, gerade wenn man das Voice-Over oder den Briefkontakt hört?

Ich habe mit der Kamerafrau Sina Diehl sehr viel über die Thematik, den Film und unsere Perspektive gesprochen. Wir haben die Briefe, die zwischen mir und den Jugendlichen entstanden sind, als Inspiration für die Bilder genommen. Während des Drehs haben wir abends gemeinsam das Material gesichtet und viel über die Kameraarbeit gesprochen – darüber, was die Bilder mit uns machen, welche Gefühle sie wecken und welche Rolle wir darin haben. Vor jedem Dreh war ich meist 2-3 Wochen vor Drehstart vor Ort, habe viele Gespräche geführt und mir viele Orte angesehen.

Im Schnitt habe ich mit Maxie Borchert, der Editorin, viel über die Dreharbeit gesprochen. Auf ihren Wunsch habe ich eine Art Tagebuch geschrieben. An manchen Tagen habe ich nur Wörter wie „Stagnation“ aufgeschrieben. Das hat uns im Schnitt extrem weitergeholfen.

Was war euch auf der Sound-Ebene wichtig?

Beim Dreh waren Elemente wie Wasser, Wind und Feuer immer präsent – und dazwischen eine beklemmende Stille, die Vincent Egerter [Anm. d. Red. Toningenieur] eingefangen hat. Mit diesem großen Angebot an Tönen konnten wir im Schnitt, vor allem im Sounddesign, viel ausprobieren und spielen. So war es uns möglich, die Bilder schon im Rohschnitt lange stehen zu lassen, weil die atmosphärischen Töne so vielschichtig und reich an Variationen waren.

Das Ende lässt einen resigniert zurück – wie geht es jetzt weiter? Was muss getan werden?

Ganz klar: Hinsehen und darüber sprechen.

Das bedeutet, dass wir auch die unbequemen Fragen stellen müssen. Fragen, die unser Weltbild und vielleicht auch unsere Weltordnung infrage stellen. Das ist oft schmerzhaft, aber unabdingbar.

Denn das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir unsere Empathie verlieren – und damit einhergehend die Gleichgültigkeit eintritt.

Wann wird es das nächste Mal die Gelegenheit geben, Deinen Film zu sehen? Und ist ein Kinostart geplant?

Dazu kann ich dir leider im Moment noch nichts sagen.

Wir würden uns sehr freuen, „Moria Six“ 2025 in den Kinos zu sehen, um der Thematik die nötige Sichtbarkeit zu geben. Doch bisher gibt es noch keine Neuigkeiten zu einem Kinostart.

Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Maximilian Färber, Esra Laske und Jennifer Mallmann, Editor und die Regisseurinnen von „Hunger“

Ich habe schon früh angefangen zu fotografieren. In der Schulzeit habe ich die ersten Kurzfilme gedreht. Nach dem Abitur habe ich an der Hochschule Darmstadt „Motion Pictures“ studiert. In meiner Zeit in Darmstadt habe ich mich vorwiegend als Kamerafrau ausprobiert.

Während des Studiums habe ich mich Soup and Socks, einer humanitären Organisation, angeschlossen. 2015 und 2016 haben wir Menschen auf der Flucht unterstützt. Wir sind nach Griechenland gefahren und haben dort Suppe verteilt. Nach ein paar Monaten haben wir beschlossen, eine neue Organisation mit dem Namen Habibi Works zu gründen.

In der Gründungsphase habe ich intensiv mitgestaltet und war für längere Zeit in Griechenland. Habibi Works ist ein Makerspace – ein Raum des gegenseitigen Lernens. Über die Jahre haben wir verschiedene Arbeitsbereiche eröffnet, die für Menschen auf der Flucht zur freien Verfügung stehen. Diese Arbeitsbereiche unterstützen jede Person dabei, ihre eigenen Visionen und Ideen zu verwirklichen. Dazu gehört auch der freie Zugang zu Materialien, Werkzeugen und fachkundiger Anleitung durch ein bunt gemischtes Team aus internationalen Besuchern, Einheimischen und Menschen auf der Durchreise. 

2017 habe ich begonnen, Regie im Dokumentarfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg zu studieren. Ich fokussierte mich in meinem künstlerischen Schaffen auf Menschenrechtsthemen. Oft werfe ich einen Blick auf die Menschen, die in der postmodernen Welt unsichtbar erscheinen.

2020 erhielt ich ein Stipendium für die Summer School des Global Campus of Human Rights in Venedig, die im Zusammenhang mit der La Biennale di Venezia stattfindet.

2022 wurde ich als Stipendiatin des Deutschlandstipendiums ausgewählt. Mit dem Film „The Battle for Our Voices“ wurde ich für den von ARTE initiierten Kurzdokumentarfilm-Wettbewerb ausgewählt. Neben meinem Studium habe ich als freie Journalistin für die Sendungen SWR Aktuell und Landesschau gearbeitet.

Mein Abschlussfilm „Moria Six“ wurde 2024 für den First Steps Award nominiert und feierte seine Premiere auf der Dok Leipzig. Dort gewannen wir den DEFA-Förderpreis sowie den Preis Leipziger Ring.

Sind schon neue Projekte geplant?

Lange kann ich nicht nichts tun. Ich bin schon fleißig am Recherchieren. Aber wie das so im Dokumentarfilm ist, sind die Recherchen oft unbezahlt und ziehen sich über mehrere Jahre.

Ich freue mich aber schon sehr auf die nächsten Projekte.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Moria Six

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