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Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemacher:innen und Künstler:innen Mila Zhluktenko und Daniel Asadi Faezi konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „rückblickend betrachtet“ erfahren, der im Programm der ‚Berlinale Shorts‘ der 75. Berlinale 2025 lief, wie der Film aus einer Installation und der Beschäftigung eines filmischen Erbes heraus entstand und wie sie dies in dem Film mit einer klaren Botschaft zusammenbringen.
Euer Film ist aus einer Installation hervorgegangen, richtig? Wie habt ihr diese in einen Film umgesetzt? Was war die Ausgangsidee?
„rückblickend betrachtet“ entstand zum einen daraus, dass wir uns für eine Installation im NS-Dokumentationszentrum München mit verschiedenen politisch motivierten Gewalttaten in der Stadt auseinandersetzten. Zum Anderen organisierten wir letztes Jahr eine Screening-Reihe über iranische Autoren und den Regisseur Sohrab Shahid Saless. Er emigrierte 1974 aus dem Iran in die BRD und machte dort 13 Langfilme. Somit gehört er sowohl in der iranischen „New Wave“, wie auch im „Neuen Deutschen Film“ zu einem der prägenden Akteure.
In der Filmreihe zeigten wir u.a. auch „Empfänger Unbekannt“, dessen Ausschnitte auch bei „rückblickend betrachtet“ eine tragende Rolle spielen. Durch die Beschäftigung mit diesen unterschiedlichen Themen entstanden Verbindungen, die wir versuchten, in eine filmische Form zu übersetzen. Dadurch wollten wir politische Kontinuitäten von Marginalisierung und Rassismus in Deutschland sichtbar machen.
Auf visueller Ebene wechseln Momentaufnahmen einer Kreuzung mit Archivaufnahmen – was war euch da wichtig? Wie habt ihr die Balance dazwischen gefunden?
Die Aufnahmen an der Kreuzung entstanden teils schon im Laufe der Recherche. Es ist der Ort, an dem das rechte Attentat am Olympia Einkaufszentrum 2016 unter anderem stattfand. Wir fingen den Ort zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten ein. Es entstand die Idee, die Bewegungen des Ortes in Mehrfachbelichtungen zu filmen. Diese Aufnahmen wurden mehrfach auf 35mm analogem Filmmaterial belichtet.
Dadurch entsteht der Eindruck von Gleichzeitigkeit. Menschen aus verschiedenen Zeiten, die sich an dem Ort treffen und überlagern. Die Gebäude sind zugleich klar umrissen und wirken wie stumme Zeugen. Diese Gleichzeitigkeit wollten wir auch in der Baugeschichte des Ortes erzählen. Da kamen die Archivaufnahmen ins Spiel. Sie zeigen verschiedene Dokumente und Aufnahmen aus der Nachkriegszeit, als der Bauschutt des Zweiten Weltkrieges an die Ränder Münchens gebracht wurde. Derselbe Schutt wurde dann zum Olympiaberg und zur hügeligen Olympialandschaft. Andere Archive zeigen die Erbauung des Olympia Einkaufszentrums und die migrantischen Arbeiter auf den Baustellen, die während des Wirtschaftsaufschwungs maßgeblich den Erfolg der deutschen Wirtschaft mitgeprägt haben.
Wie kam der Film von Sohrab Shahid Saless aus dem Jahr 1983 hinzu?
Auch hier floss unsere Recherche direkt in den filmischen Prozess. Der Sichtungsprozess der oben erwähnten Filmreihe fand für uns größtenteils auf einem Telegram-Channel statt, weil dies der Ort war, wo wir die Filme von Saless problemlos (aber in sehr schlechter Qualität) sichten konnten.
Der Zustand des Filmerbes Saless war für uns symptomatisch für den Umgang mit einem migrantischen Regisseur in Deutschland. Wie kann es sein, dass die vielfach ausgezeichneten Filme eines prägenden Regisseurs des „Neuen deutschen Films“ nur in dieser Qualität zugänglich sind? „Empfänger Unbekannt“ wird glücklicherweise gerade restauriert und es entsteht an verschiedenen Stellen ein immer größeres Interesse am Filmerbe von Saless. So setzt sich z.B. das Shahid Saless Archive in München schon seit mehreren Jahren dafür ein, dass Saless´ Filme restauriert und wieder zugänglich gemacht werden.
Inhaltlich hat uns an dem Film die Aktualität fasziniert. Der Film wurde 1982 gedreht und zeigt vor allem, wie die Wirtschaftskrise in Deutschland zu zunehmendem Rassismus führt. Migrant:innen wurden zu Sündenböcken und Schuldigen erklärt. Auch das beobachten wir heute, als migrantische Regisseur*innen, mit großer Sorge.
Was ist im Film zu hören und wie geht es mit den Bildern zusammen?
In unseren Arbeiten spielt der Ton immer eine wichtige Rolle. Bei „rückblickend betrachtet“ wollten wir den archivarischen Charakter auf der Tonebene beibehalten. Zudem reicherten wir die Ebene mit Field Recordings vom Ort heute, aber auch mit Baugeräuschen und Lärm an. Diese Töne nutzte unser Komponist Hora Lunga wiederum für seine Arbeit an seinem Score, der viel mit Flächen und Verfremdung der Originaltöne arbeitet. Dadurch konnten wir Akzente setzen, um den Inhalt der Bilder zu unterstützen, zu kommentieren oder zu brechen. So beginnt der erste Track mit langen Saxophon Flächen, die uns stark an den Ton von Signalhörnern vor Sprengungen erinnern. Dazu werden Aufnahmen gezeigt, die kurz nach dem zweiten Weltkrieg die Sprengungen der Ruinen in der Münchner Innenstadt zeigen.
Könnt ihr mir noch ein bisschen mehr von euch erzählen und wie eure Zusammenarbeit entstand?
Wir haben uns im Studium der Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München kennengelernt. Über mehrere Jahre hinweg unterstützten wir uns gegenseitig bei Projekten, indem wir verschiedene Positionen von Produktion, Tonaufnahme und Schnitt bei den Projekten des/der jeweils andere*n übernahmen. 2021 setzen wir das erste Projekt „Aralkum“ in Co-Regie um. Seitdem haben wir drei Kurzfilme und eine Installation umgesetzt. Zudem sind wir im Moment in der Produktion eines Kino-Dokumentarfilms.
Sind bereits neue filmische Projekte – allein oder zu zweit – geplant?
Mila befindet sich gerade in den Endzügen der Fertigstellung eines szenischen Kurzfilms, den Daniel mit ihr geschnitten hat. Unsere Installation „overexposed/underexposed“ wird vom 08.05.–19.10.2025 im NS-Dokumentationszentrum München zu sehen sein.
Außerdem arbeiten wir an unserem Debütfilm „Lagerkontinuität“, der unsere Arbeit am Kurzfilm „waking up in silence“ (2023) weiterführt und die Geschichte eines Kasernenareals untersucht, welches von der Wehrmacht errichtet, nach dem zweiten Weltkrieg von der US Army genutzt, und heute in eine Unterkunft für Geflüchtete umfunktioniert wurde. An diesem Film werden wir noch bis Anfang 2026 arbeiten und danach eine Festival- sowie Kinoauswertung planen.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „rückblickend betrachtet“
