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Interview: Im Gespräch mit dem französischen Filmemacher Sebastien Roignant konnten wir mehr über seinen zwei-minütigen Horror Short „Puzzle“ erfahren, der im Genre-Programm des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war, erfahren, dass der Film aus 140 Einzelsekunden besteht und wie das am Set realisiert wurde.
The original english language interview is also available.
Kannst Du mir zum Ausgang Deines Films erzählen? Puzzelst Du selbst gern oder haben Dich soziale Medien inspiriert?
Die Idee stammt von einer App namens „One Second Every Day“, die ich Anfang der 2010er Jahre genutzt habe. Das Prinzip ist einfach: Man filmt jeden Tag ein kurzes Video, wählt dann eine Sekunde pro Tag aus, und am Ende des Jahres erhält man ein sechsminütiges Video aus 365 Sekunden, das das gesamte Jahr zusammenfasst. Ich fand schon immer, dass da etwas dran war. Eine Möglichkeit, dieses Format zu nutzen, um tatsächlich eine Geschichte zu erzählen. Eine Sekunde klingt nach nichts, aber in einer Sekunde kann man viel sagen. Als ich am Nikon Film Festival in Frankreich teilnehmen wollte, durften die Filme maximal zwei Minuten 20 Sekunden lang sein. Das schien mir genau das richtige Format, um das Prinzip von „One Second Every Day“ auszuprobieren. Und in gewisser Weise funktioniert der Film selbst wie ein Puzzle. Man fotografiert viele kleine Teile und setzt sie zusammen, um eine Geschichte zu erzählen. Diese Verbindung war inspirierend. Ich brauchte für die Geschichte auch ein verwunschenes Objekt. Und ich dachte, ein Puzzle wäre wirklich witzig. Denn niemand würde sich jemals vorstellen, dass ein Puzzle verwunschen sein könnte. Also nehmen wir etwas völlig Simples und machen es besessen. Und ja, ich liebe Puzzles. Ich mache sie regelmäßig. Ich habe heute Morgen sogar eines angefangen, ein Scorpions-Album-Poster.
Bist Du selbst Du ein großer Horrorfan? Hast Du Einflüsse, die Du direkt für diesen Film benennen kannst?
Ich bin ein Horrorfan, ja. Nicht der größte der Welt, aber ich kenne das Genre gut. Ich liebe alles, was John Carpenter macht. Ich liebe Slasher. Ein bisschen „Evil Dead“ und Sam Raimi für die blutige Seite eines Teils des Films. Und was den Smartphone- und Found-Footage-Aspekt angeht, definitiv „[Rec]“ (2007) und „Blair Witch Project“ (1999).
Da ist auch noch „Annabelle“. Technisch gesehen ist es kein Einfluss, da ich den Film vor der Produktion von „Puzzle“ noch nicht gesehen hatte. Aber als ich ihn mir danach ansah, wurde mir klar, dass er genau das widerspiegelte, was ich über Horror-Klischees denke, und zwar völlig ernsthaft. Denn „Puzzle“ ist zwar eine Komödie, aber „Annabelle“ traf jedes einzelne Klischee, das ich in „Puzzle“ verwendet hatte. Es war genau das, was ich brauchte. Und das war gut für meinen Film.
Denn „Puzzle“ ist sehr kurz, und die Form ist ungewöhnlich und für den Zuschauer potenziell verwirrend. Deshalb musste ich mich auf das stützen, was die Leute bereits über Horror wissen. All die Klischees des Genres helfen dem Publikum, dem Geschehen zu folgen, selbst bei einem ungewöhnlichen Format.
Warum hast Du Dich entschieden, Deinen Dreiminüter komplett im Smartphone-Stil zu drehen? Welche Herausforderungen brachte das mit sich?
Zunächst brauchte ich einen echten Grund dafür, dass sich jemand ständig selbst filmt. Das durfte nicht willkürlich sein. Das „One Second Every Day“-Konzept musste innerhalb der Geschichte Sinn ergeben. Außerdem wollte ich Bildausschnitte und Aufnahmen, die nicht nur aus Handyaufnahmen bestanden. Also brauchte ich eine Figur, die sich ständig selbst filmt und die auch Kameras um sich herum aufstellt. Eine YouTuberin passt perfekt. Sie dokumentiert alles, sie interagiert mit ihrer Community, und das macht das Selbstfilmen vollkommen plausibel. Der Film ist also nicht komplett im Smartphone-Stil gedreht. Hinzu kommen die Videos, die sie mit ihrer eigenen Kameraausrüstung aufnimmt.
Nun zur Herausforderung. Das „One Second Every Day“-Format ist brutal. 140 Sekunden bedeuten etwa 120 bis 130 Einstellungen. Das sind eine Menge Einstellungen, die entworfen, ausgeleuchtet und inszeniert werden müssen. Jeden Tag im Film trägt sie andere Kleidung. Jeden Tag ändern sich die Requisiten. Jeden Tag muss die Beleuchtung variieren, damit es dem Zuschauer nicht langweilig wird. Das Drehbuch wurde buchstäblich in einer Excel-Datei geschrieben. Aufnahme für Aufnahme, mit Requisiten, Kostümen und Beleuchtung, die für jede einzelne notiert wurden. Es war ein organisatorisches Puzzle.
Wir drehten mehr als vier Tage lang mit einer kompletten Crew für einen zwei Minuten und 20 Sekunden langen Film. Zum Vergleich: Bei meinem letzten Kurzfilm drehten wir fünf Tage lang für einen 25-minütigen Film. Das sagt viel darüber aus, wie dicht „Puzzle“ war.
Was lag Dir darüber hinaus noch visuell am Herzen?
Ich wollte, dass es farbenfroh wird. Ich wollte, dass es schön aussieht, selbst wenn es mit einem Handy gefilmt wird. Eine knallige, lebendige Atmosphäre. Etwas, das einen Kontrast zur düsteren Horror-Seite bildet. Die Spannung zwischen der YouTube-Ästhetik und der Besessenheitsgeschichte entsteht zum Teil genau daraus. Wir haben viel Arbeit in die Beleuchtung gesteckt. Bei den düstereren Szenen haben wir uns an Horror-Klischees angelehnt. Das Ziel war es, beide Seiten des Films visuell so weit wie möglich auszureizen.
Magst Du mir noch etwas zur Besetzung Deines Films erzählen?
Die Besetzung war zugleich einfach und schwierig. Ich hatte eine Freundin für die Hauptrolle im Sinn, eine Schauspielerin, aber sie konnte nicht. Doch so habe ich Manoé Richardier entdeckt, die eine großartige Schauspielerin ist. Seitdem hat sie mich bei weiteren Projekten begleitet. Letztendlich war es eine wunderbare Begegnung. In diesem Film war sie unglaublich. In Ein-Sekunden-Einstellungen zu spielen, ist wirklich schwer. Man muss sofort etwas Echtes rüberbringen, ohne Vorlauf.
Ich sage oft, sie hat in zwei Minuten das Äquivalent eines Spielfilms abgeliefert. Es war ein anspruchsvoller Dreh. Auch mit der Freundin und der Nonne hat die Zusammenarbeit super geklappt. Danke an Marie-Caroline (die Freundin) und an Salla Lintonen (die Nonne). Ich habe mich sogar selbst in eine Einstellung eingebaut, weil mir das Spaß macht. Aber das schwierigste Casting waren die Katzen. Es kommen zwei Katzen im Film vor. Sie gehören mir. Sie zum Mitmachen zu bewegen, war ein Abenteuer für sich.
Und ich möchte meinem gesamten technischen Team danken. Nur drei Personen sind vor der Kamera zu sehen, aber hinter den Kulissen steht ein ganzes Team, das den Film möglich gemacht hat. Sie haben sich um die Beleuchtung, die Ausrüstung, die Organisation und sogar das Essen gekümmert. Ein riesiges Dankeschön an alle, die im Abspann genannt werden. Ganz ehrlich.
Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich sage oft, dass das Kino mir in meiner Jugend das Leben gerettet hat. Ich wollte im Bereich der visuellen Effekte arbeiten. Ich habe eine 3D-Schule besucht, diesen Weg aber letztendlich nicht weiterverfolgt. Vor ein paar Jahren habe ich mir gesagt, ich könnte es vielleicht mit der Regie versuchen. Damals habe ich angefangen, Kurzfilme zu drehen. „Puzzle“ ist mein dritter Kurzfilm. Das Kino ist meine größte Leidenschaft.
Es bedeutet mir alles. Durch das Kino kann man alles sagen. Geschichten erzählen, Missstände anprangern, Menschen zum Lachen bringen, ihnen Angst einjagen. Alles ist möglich. Deshalb ist es für mich so kraftvoll.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ja. Ein längerer Kurzfilm befindet sich gerade im Schnitt. Und ich schreibe gerade: Serien, Webserien und einen Spielfilm. Leider gerade nicht im Bereich des Genrekinos, auch wenn ich gerne wieder dorthin zurückkehren würde. Die Komödie hat momentan die Oberhand gewonnen. Aber ich habe immer Genre-Ideen im Hinterkopf: Horrorgeschichten werden wiederkommen.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Puzzle“
Interview: In our conversation with French filmmaker Sébastien Roignant, we learned more about his two-minute horror short “Puzzle,” which was screened in the genre program at the 26th Landshut Short Film Festival in 2026, and discovered that the film consists of 140 individual seconds and how that was achieved on set.
Can you tell me about the concept behind your film? Do you enjoy doing puzzles yourself, or were you inspired by social media?
The concept came from an app I was using back in the early 2010s called One Second Every Day. The idea is simple. You film a bit every day, then pick one second per day, and at the end of the year you get a six-minute video made of 365 seconds that sums up your whole year. I always thought there was something there. A way to use that format to actually tell a story. One second sounds like nothing, but you can say a lot in one second. When I wanted to enter the Nikon Film Festival in France, the films had to be 2 minutes 20 maximum. It felt like the exact right format to try the One Second Every Day principle. And in a way, the film itself works like a puzzle. You shoot a lot of small pieces, and you assemble them to tell a story. That connection was inspiring. I also needed a haunted object for the story. And I thought a puzzle would be really funny. Because nobody would ever imagine a puzzle being haunted. So let’s take something completely stupid, and make it possessed. And yes, I love puzzles. I do them regularly. I actually started one this morning, a Scorpions album poster.
Are you a big horror fan yourself? Are there any influences you can name that directly inspired this film?
I’m a horror fan, yes. Not the biggest in the world, but I know the genre well. I love everything John Carpenter does. I love slashers. A bit of „Evil Dead“ and Sam Raimi for the gore side of one part of the film. And for the smartphone and found footage angle, definitely „[Rec]“ (2007) and „Blair Witch Project“ (199). There’s also „Annabelle“. It’s not technically an influence, because I hadn’t seen it before making „Puzzle„.
But when I watched it afterwards, I realised it was the exact summary of what I think about horror tropes, played completely straight. Serious horror. Because „Puzzle„ is a comedy. And Annabelle hit every single trope I had used in „Puzzle„. It was exactly what I needed. And that was a good thing for my film.
Because „Puzzle“ is very short, and the form is unusual, and potentially destabilising for the viewer. So I needed to lean on what people already know about horror. All the shortcuts of the genre help the audience follow along, even with a strange format.
Why did you decide to shoot your three-minute film entirely in a smartphone style? What challenges did that present?
First, I needed a real reason for someone to be filming themselves all the time. It couldn’t be arbitrary. The One Second Every Day concept had to make sense inside the story. I also wanted framings and shots that weren’t only phone footage. So I needed a character who films herself constantly, and who would also set up cameras around her. A YouTuber fits perfectly. She documents everything, she interacts with her community, and that makes the self-filming fully plausible. So the film isn’t entirely shot smartphone-style.
There are also the videos she records with her own camera setup. Now, the challenge. The One Second Every Day format is brutal. 140 seconds means around 120 to 130 shots. That’s a lot of shots to design, to light, to stage. Every day in the film, she wears different clothes. Every day, the props change. Every day, the lighting needs to vary so the viewer doesn’t get bored. The script was literally written in an Excel file. Shot by shot, with props, wardrobe, lighting noted for each one. It was an organisational puzzle.
We shot for more than four days, with a full crew, for a 2 minute 20 film. For comparison, on my latest short film, we shot five days for a 25-minute film. That says a lot about how dense „Puzzle„ was.
What else was important to you visually?
I wanted it to be colorful. I wanted it beautiful, even when shot on a phone. A pop, vibrant feel. Something that works against the darker horror side and creates contrast. The tension between the YouTube aesthetic and the possession story comes partly from there. We worked hard on the lighting. We leaned into horror codes for the darker scenes. The goal was to push both sides of the film as far as possible, visually.
Can you tell me a little more about the cast of your film?
The casting was both simple and difficult. I had a friend in mind for the lead, an actress, and she couldn’t do it. But that’s how I discovered Manoé Richardier, who’s an amazing actress. She’s followed me on other projects since. A beautiful encounter in the end. She was incredible on this one. Acting in one-second shots is genuinely hard. You have to deliver something real, immediately, with no build-up.
I often say she performed the equivalent of a feature film in two minutes. It was a demanding shoot. The friend character and the nun were also great to work with. Thank you to Marie-Caroline (the friend) and to Salla Lintonen (the nun). I even put myself in one shot, because I enjoy doing that. But the hardest casting was the cats. There are two cats in the film. They’re mine. Getting them to perform was its own adventure.
And I want to thank my whole technical crew. Only three people appear on camera, but there’s a full team behind the scenes who made the film possible. They handled the lighting, the gear, the organisation, even the food. A huge thank you to everyone in the credits. Truly.
Can you tell me a bit more about yourself and how you got into filmmaking? I’ve been a huge cinema fan since I was a kid.
I often say cinema saved my life when I was young. I wanted to work in visual effects. I went to a 3D school, but I didn’t pursue that path in the end. A few years ago, I told myself I could maybe try directing.
That’s when I started making short films. „Puzzle“ is my third short. Cinema is my greatest passion. It’s everything for me. Through cinema you can say anything. Tell stories, denounce, make people laugh, make them scared. Everything is possible. That’s why it’s so powerful to me.
Are there any new projects in the works?
Yes. A bigger short film is currently in editing. And I’m writing. Series, web series, and a feature film. Unfortunately not in genre cinema right now, even though I’d love to come back to it. Comedy has taken over for the moment. But I always have genre ideas in the back of my head. Horror stories. They’ll come back.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Puzzle„
