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Interview: Im Gespräch mit dem österreichischen Filmemacher Béla Baptiste konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „What’s in your Bag?“ erfahren, der auf dem 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 den ‚Shock Block‘-Publikumspreis gewann. Er erzählt von der Idee einer Reihe von Filme, die das eigentliche Thema auf den Kopf stellen, warum er sich dafür auch der entsprechenden Ästhetik bedient und auf was wir uns als nächstes freuen dürfen.
Wie ist die Idee zu eurem Kurzfilm entstanden?
Wir stolpern ja alle ständig über Dinge auf YouTube, bei denen man sich kurz fragt: „Und das schauen sich also wirklich Menschen an?“ Aus diesem Gefühl heraus entstand der erste Geistesblitz: Was wäre, wenn so ein scheinbar harmloses Celebrity-Format plötzlich kippt? Wenn hinter der glatten Oberfläche etwas viel Unheimlicheres wartet? Aus diesem kleinen „Was wäre wenn?“ wurde dann sehr schnell „What’s in your Bag?“.
Habt ihr mal mit dem Gedanken gespielt, mehr im Film zu erklären oder einzuordnen?
Es gibt mehrere Themen, aber wenn du mit der Frage meinst, was hinter ihrer Gewalt steckt: Ja, natürlich. Aber für uns war relativ früh klar, dass wir gerade nicht erklären wollen, was genau passiert ist oder warum diese Frau tut, was sie tut.
Wenn es darum geht, was er ‚verbrochen‘ hat, wollten wir bewusst keine eindeutige Antwort geben. Das Internet ist voller selbsternannter Richter. Manchmal geht es um einen dummen Post von vor zehn Jahren, manchmal um tatsächlich schreckliche Dinge. Aber die Mechanik ist oft dieselbe: Jemand wird öffentlich verurteilt, bestraft, zur Projektionsfläche gemacht.
Uns interessierte weniger die juristische Wahrheit als dieser Zustand, in dem Empörung, Voyeurismus und Selbstjustiz ineinander übergehen. Sobald man alles erklärt, nimmt man dem Publikum auch die unangenehme Verantwortung, selbst darüber nachzudenken.
Ist das ein Proof-of-Concept für einen längeren Film?
Nicht direkt für einen Langfilm, aber es ist Teil eines größeren Konzepts. Mich interessieren Formate, die zuerst aussehen wie etwas völlig Vertrautes — Werbung, Interview, Pornos, Influencer-Content — und dann plötzlich entgleisen.
Wir haben zum Beispiel eine Fake-Werbung für eine elektrische Zahnbürste gemacht, nur dass statt einer Bürste eine Zunge zu sehen war. Viele Menschen wollten dieses Objekt danach tatsächlich kaufen und landeten auf einer echten Website einer fiktiven Irrenanstalt.
Als Nächstes drehen wir einen Fake-Porno mit einer sehr bekannten Darstellerin aus der Branche. Das Video wird auch über ihre Kanäle veröffentlicht. Kurz bevor es aber „zur Sache“ kommen soll, bricht der Mann emotional zusammen. Er zieht sich dann nicht körperlich, sondern seelisch aus. Aus etwas, das wie harter Porno beginnt, wird plötzlich ein zwanzigminütiger, zarter Dialog.
„What’s in your Bag?“ gehört also zu dieser Familie von Filmen: Formate, die man zu kennen glaubt, bis sie einem entgleiten.
Wo und wie lange habt ihr gedreht?
Wir haben in Hoboken, New Jersey, gedreht. Die Vorbereitung dauerte ungefähr zwei Tage, der Dreh selbst ebenfalls zwei Tage.
Was lag euch visuell am Herzen, und könnt ihr etwas zur Kameraarbeit und zum Schnitt erzählen?
Ursprünglich war der Film als lange Plansequenz inszeniert. Es gab eigentlich nur einen versteckten Schnitt, damit der Schauspieler in die Attrappe schlüpfen konnte. Diese Version war formaler, fast mehr in Richtung Austrian Seidl: unangenehm, beobachtend, mit viel Geduld.
Im Schnitt haben wir aber gemerkt, dass der Film stärker wird, wenn er sich die Sprache des Internets aneignet. YouTube ist schnell, hungrig und aufmerksamkeitsgeil. Also haben wir den Film so geschnitten, dass er zunächst wirklich wie ein konsumierbares Online-Format funktioniert … eher MrBeast als Kunstleiden.
Das war dann auch spannender: Der Film benutzt die Mechanik des Formats gegen sich selbst. Je schneller und „unterhaltsamer“ es wird, desto unangenehmer wird eigentlich, was man da anschaut.
Die Jazz-Musik ist am Anfang unauffällig im Hintergrund, hört dann aber nie auf und verwandelt sich in sehr aufdringliche Musik. Kannst Du mehr dazu erzählen?
Ursprünglich sollte die Musik mit dem Verlassen des Interview-Raums verschwinden. In einer klassischeren Version hätte man gesagt: Jetzt sind wir nicht mehr im Format, also fällt auch die Format-Musik weg.
Im neuen Schnitt wollten wir aber genau das Gegenteil. Wir wollten, dass der Zuschauer nicht entlassen wird. Die Musik bleibt wie ein Lächeln, das zu lange dauert. Am Anfang ist sie charmant, fast dekorativ. Dann wird sie immer falscher, aufdringlicher, aggressiver.
Jazz war dafür perfekt, weil er etwas Leichtes, Elegantes und Verspieltes haben kann, aber auch schnell nervös, chaotisch und bedrohlich wird. Die Musik wird fast zu einem Komplizen des Films: Sie tut so, als wäre alles noch ein unterhaltsames kleines Interview, während das Bild längst etwas ganz anderes erzählt.
Was lag euch bei der Besetzung am Herzen?
Der Film wurde für Dolly Lewis geschrieben. Sie gab damals viele Interviews, und genau deshalb war es der perfekte Moment, ein Video zu machen, das so tut, als wäre es einfach eines von vielen. Dadurch wurde das Format selbst zu einer Art Falle. Man erkennt sie, man erkennt die Sprache dieser Interviews, und gerade deshalb vertraut man dem Ganzen erst einmal.
Der andere Darsteller ist mein Cousin und Seelenbruder Merlin. Ich wollte unbedingt wieder mit ihm arbeiten und hatte außerdem einen guten Vorwand, ihn nach New York zu holen. Und vielleicht wollte ich ihn auch ein bisschen quälen. Nur ein bisschen.
Kannst Du von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich bin in einer sehr bunten Künstlerfamilie aufgewachsen. Zuerst dachte ich, ich würde Schauspieler werden und habe schon als Kind und Jugendlicher einiges in die Richtung gemacht. Irgendwann habe ich die Schule abgebrochen, eine Vorbereitungsschule in Paris besucht und bin dann nach Wien gegangen, wo ein großer Teil meiner Familie lebt.
Mit neunzehn habe ich dann nach ein paar Drehs plötzlich Panikattacken bekommen. Ich merkte, dass ich die Aufregung beim Spielen nicht in Energie verwandeln konnte. Stattdessen hat sie mich blockiert.
Als ich von der Filmakademie Wien hörte, habe ich mich beworben – trotz fehlender Matura – und wurde aufgenommen. Und seltsamerweise sind die Panikattacken dort verschwunden. Die Filmakademie war für mich wirklich so etwas wie Hogwarts. Ein Ort, an dem diese ganze Nervosität plötzlich eine Form bekommen hat.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ja. Unser nächster Streich heißt „You Deserve More“ und trägt eindeutig dieselbe DNA wie „What’s in your Bag?“ in sich.
Außerdem drehe ich diesen Sommer drei weitere Arbeiten in diese Richtung: Filme, die mit bekannten Formaten spielen, sie verführen und dann kippen lassen. Danach konzentriere ich mich wieder stärker auf meinen nächsten Spielfilm.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „What’s in your Bag?“
