Fünf Fragen an Jonas Riemer

Jonas Riemer beim Filmfest Dresden

Interview: Auf dem 30. Filmfest Dresden 2018 lief der Kurzfilm “Mascarpone” des jungen Filmemachers Jonas Riemer. Im Interview erzählt er uns mehr zur Entstehung, seiner Genreverhaftung und wie es jetzt nach dem Studium weitergehen wird.

Dein Film “Mascarpone” ist eine klassische Gangstergeschichte in einer Welt aus Pappe. War zuerst die Idee für die Gangsterromanze da und die Pappe war Mittel zum Zweck oder war von Anfang klar, ihr wollt was mit Pappe machen?

Ich würde sagen Story und Stil gehen Hand in Hand. Die Geschichte des verträumten Filmvorführers, der auf den Gangsterboss Mascarpone trifft, ist nicht nur eine Gangsterhommage, sondern auch eine Ode an den Film selbst, der mit der Realität und der Fantasie der Zuschauer spielt. Daher war es naheliegend, dass die Ästhetik des Films kulissenartig wirkt. Mir war während der Storyentwicklung schon klar, dass ich eine skurrile Welt kreieren möchte, die offensichtlich künstlich ist und so den Film als solchen entlarvt.

So entstand nach und nach das Konzept, alles im Film aus Pappe zu bauen. Von Modellhäusern, lebensgroßen Autos, Möbeln, Requisiten, bis hin zu ganzen Räumen im Maßstab 1:1. So konnten wir vieles im Film vereinfachen, abstrahieren und dem Zuschauer das Gefühl vermitteln hinter die Kulissen blicken zu können.

Eure Geschichte ist klassisch im Genre verhaftet. Munter und mit viel Augenzwinkern scheint ihr Vorbilder zu zitieren. Wen hattet ihr alles im Kopf?

Es gibt tatsächlich sehr viele Filme, die uns inspiriert haben und auf die wir direkt oder indirekt im Film Bezug nehmen. Während „Scarface“ [Anm. d. Red. 1932, Regie: Howard Hawks, Richard Rosson] und „Little Caesar“ [Anm. d. Red. 1931, Regie: Mervyn LeRoy] sich in der Story widerspiegeln, kann man King Kong und Charlie Chaplin tatsächlich auf der Leinwand sehen.

Vorbilder für den Look waren unter Anderem Klassiker wie „Das Kabinett des Dr. Caligari“ [Anm. d. Red. 1920, Regie: Robert Wiene] und „Metropolis“ [Anm. d. Red. 1927, Regie: Fritz Lang], aber auch „Dick Tracy“, „Sin City“ [Anm. d. Red. 2005, Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez] oder das großartige Musikvideo „Otherside“ von den Red Hot Chili Peppers.

Die Herstellung der Kulissen und das Zusammenfügen der unterschiedlichen Stile hat bestimmt viel Zeit in Anspruch. Erzähl doch mal was von der Produktion und wieviel Pappe ihr so gebraucht habt?

Mit der Pappe, die wir verbraucht haben, hätte man wahrscheinlich ein ganzes Fußballfeld bedecken können. Wobei etwa 99% recycelte Pappe war, die wir gesponsert bekommen haben.

Der Bau der Miniaturstadt und Requisiten hat circa drei Monate gedauert. Dabei haben nicht nur Szenografen und Kommilitonen sondern auch Freunde und Verwandte mitgewirkt. Jede/r konnte sich austoben und sein oder ihr ganz eigenes Haus gestalten. Sogar meine Mutter war mit an Bord und hat Francis zotteligen Hund Farfalle als Puppe gebastelt. Große Sets, wie der Balkon, der Projektorraum und das Krankenhauszimmer wurden von meiner Szenografin Jenny Sonnenschein am Reißbrett entworfen und schließlich in 1:1 gebaut.

Eines der Highlights waren drei lebensgroße Oldtimer, die Max Schönborn entworfen und gebaut hat. Das größte von ihnen wurde in zwei Hälften gebaut damit der hünenhafte Mascarpone alias Jörg Moukaddam hinter das Lenkrad passte.

Auch wenn der Film eine analoge Anmutung hat und so ziemlich alles handgefertigt wurde, gab es eine sehr umfangreiche Postproduktion, in der die einzelnen Bestandteile digital zusammengesetzt wurden. So wurden Schauspieler, die am Set vor einer grünen Leinwand standen in die Miniaturwelt gestellt, Autos durch Straßen animiert, Papierschnipsel als Mündungsfeuer eingesetzt, Mascarpone dicker gemacht oder Wattehaufen zu Gewitterwolken. Insgesamt hat der Film 144 Visual Effects Shots, die 6 Monate digital nachbearbeitet wurden.

Den Großteil haben Kommilitonen und ich an der Filmuni selbst umgesetzt. Wir hatten aber auch externe Unterstützung vom Berliner VFX Studio Cine Chromatik, einigen Artists aus ganz Deutschland und sogar in London haben Studenten der Escape Studios an Mascarpone gearbeitet.

Warum habt ihr euch dafür entschieden, dass alles so offensichtlich künstlich aussieht?

Je mehr sich ein Film vom Realismus entfernt, desto kreativere Wege eröffnen sich einem als Filmemacher in der Umsetzung und man regt die Fantasie der Zuschauer an.
Der Charme vieler alter Filmtricks besteht für mich darin, dass man aus heutiger Sicht leicht erkennen kann, wie sie gemacht wurden. „King Kong“ ist ein gutes Beispiel. Während der Blockbuster 1933 das Publikum in Angst und Schrecken versetzt hat, schmunzelt man heute eher über seine Machart, da der Riesenaffe offensichtlich nur eine kleine Puppe ist. Und trotzdem ist er immer noch ein Kultfilm, weil er er sehr liebevoll und charmant gemacht wurde. Dieses Prinzip wollte ich auch in Mascarpone aufgreifen. So haben wir uns vieler Filmtricks der alten Schule bedient, wie Stop Motion oder Rückprojektion, aber auch 2D- und 3D Animationen kamen zum Einsatz um diesen Stil zu erzeugen. Pappe ist dabei ein fantastisches Bindemittel, da es die verschiedene Techniken miteinander verknüpft und visuelle Einheitlichkeit schafft.

Für drei von euch war es der Abschlussfilm. Wo geht jetzt die Reise hin und wie werdet ihr das Preisgeld, das ihr für den DEFA-Förderpreis bekommen habt, ausgeben?

Momentan arbeiten wir alle an verschiedenen Projekten. Ich selbst arbeite gerade in einem Animationsstudio in Berlin und entwickle parallel meinen nächsten animierten Kurzfilm. Den DEFA-Förderpreis werden wir in das neue Projekt und weitere Festivaleinreichungen investieren.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Fotografien von Michael Kaltenecker

Lies auch die Kurzfilmkritik zu „Mascarpone“

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