Zehn Fragen an Frederik Sølberg

Interview: Im Gespräch mit dem dänischen Filmemacher Frederik Sølberg erzählt uns mehr über „Doel“, wie er die Stadt fand und wie er sich visuell und im Erzählrythmus den Bewohner anpasst.

The original english language interview is also available.

Obwohl ich schon persönlich viel in Belgien unterwegs war, habe ich von der Stadt Doel noch nichts gehört. Wie bist Du als Däne auf diese Stadt aufmerksam geworden?

Ich denke, Doel ist in Belgien ziemlich berühmt, aber niemand in Dänemark weiß davon.

Ich stolperte darüber, als meine Ex-Freundin 2012 in Antwerpen lebte. Mein belgischer Freund Johan wollte mich auf eine Autofahrt mitnehmen und fragte, ob ich etwas über die Stadt wüsste. Ich sagte nein, und er brachte mich dorthin.

Wie bist Du an die verbliebenen Bewohner herangetreten und wie haben sie auf die Filmidee reagiert?

Nachdem ich Doel besucht hatte, begann ich zu recherchieren und fand Doel2020, die Aktivistengruppe, die sich für die Erhaltung von Doel einsetzt. Ich kontaktierte sie und fragte, ob ich zu einem Besuch kommen könnte. Sie sagten ja, und ich traf Brian, der mich durch die Gegend führte und mir die Leute vorstellte. Brian wurde schließlich zu einer der Figuren in meinem Film.

Kannst Du erklären, warum sie (auch die Jüngeren) diese Stadt nicht verlassen wollen?

Mein Eindruck ist, dass es mehrere Gründe gibt. Der eine ist, dass sie glauben, dass Doel ihre Heimat ist. Sie sind in der Gegend aufgewachsen und emotional damit verbunden.

Ein weiterer Grund könnte sein, dass sie eine starke Gemeinschaft haben, in der jeder jeden kennt und sich gegenseitig hilft.

Du hast Dich vor allem auf die Seite der Bewohner konzentriert. Hattest auch intensivere Kontakte zu Menschen, die Doel als Geisterstadt besuchen? Kannst Du auch diese Menschen verstehen, da Du ja in irgendeiner Weise zumindest etwas Ähnliches mit ihnen gemacht hast?

Ich verstehe, warum die Leute neugierig auf Doel werden, aber abgesehen davon, glaube ich nicht, dass mein Ansatz mit dem der Eindringlinge vergleichbar ist. Die meisten Menschen, die nach Doel kommen, kümmern sich nicht um die Bewohner und behandeln den Ort wie einen Vergnügungspark im Freien, in dem man tun kann, was man will. Sie zerstören die Häuser, brechen ein, machen Techno-Parties und Autorennen und malen Graffitis.

Mein Ansatz war anders. Ich verbrachte vier Jahre damit, die Bewohner und die Stadt kennenzulernen, bevor wir mit den Dreharbeiten für den Film begannen. So habe ich mit ihnen zusammengelebt, in ihren Häusern geschlafen, die lokalen Bräuche kennengelernt, dokumentiert und an ihren Festen und Veranstaltungen teilgenommen, und ich habe Vertrauen und Verlässlichkeit aufgebaut. Ohne das wäre es unmöglich gewesen, den Film zu machen.

Was denkst Du wie es mit der Stadt weitergehen wird?

Das ist eine schwierige Frage. Seit Ende der 60er Jahre gibt es einen anhaltenden Kampf zwischen der Hafenbehörde, die Doel räumen will, und den restlichen 24 Einwohnern. Der Hafen ist bestrebt, neue Expansionspläne vorzuschlagen, und die Bewohner wehren sich, indem sie vor Gericht ziehen. Das scheint sich fortzusetzen. Ich persönlich hoffe, dass die Bewohner es aushalten und Doel eines Tages wieder zu einer lebendigen Stadt machen können.

Kannst Du mir mehr von den Dreharbeiten erzählen. Hast Du selbst in Doel für diese Zeit gelebt?

In den ersten drei Jahren besuchte ich Doel mehrmals im Jahr. Ich tat das, um eine Verbindung aufzubauen, aber auch, um herauszufinden, welche Art von Film ich machen wollte. Im Jahr 2015 erhielten wir einen kleinen Produktionszuschuss, der es uns ermöglichte, mit den Dreharbeiten zu beginnen. Ich beschloss, eine belgische Filmcrew bestehend aus mir, einem Kameramann, einem Toningenieur und einem Regieassistenten einzubinden, die mir bei der Übersetzung helfen konnte.

Damals kannte ich die Charaktere so gut, dass ich ein loses Drehbuch entwickeln konnte, das auf ihrem normalen Alltag basiert. Wir verwendeten das als Struktur der narrativen und gemischten Szenen, die zusammen mit allen relevanten Situationen inszeniert wurden, die sich ergeben würden. Wir haben aktiv daran gearbeitet, die Szenen mit den Figuren irgendwie ruhig, präsent und intim zu gestalten – und die Szenen mit Eindringlingen abrupter und verwirrender zu gestalten. Wir haben den Film in 15 Tagen von April bis November 2016 gedreht.

Du hast eine wunderbare Bildsprache gewählt. Kannst Du mir mehr zu Deinem visuellen Konzept erzählen?

Ich danke dir.

Es war mir wichtig, das Paradoxon zwischen der verschlafenen Geisterstadt und den lauten Eindringlingen darzustellen und zu betonen. Dieser Unterschied ist sehr absurd und um ihn zu verdeutlichen und zu entfalten, habe ich mich entschieden, mit einem Stil zu arbeiten, der hauptsächlich auf inszenierten Tableaus und einem langsamen Tempo basiert.

Gleichzeitig haben wir daran gearbeitet, gegen unsere eigenen Regeln zu verstoßen – zum Beispiel durch abrupte Schnitte, die Einführung von tragbaren Tracking-Aufnahmen mitten im Film oder die Verwendung von nicht-diegetischer Musik während des Fackelmarsches. Wir haben das getan, um die Absurdität der Situation in Doel zu betonen und um unsere Zuschauer ein wenig zu erschüttern. Wir wollen nicht, dass sie einschlafen.

Ästhetisch bin ich hauptsächlich von Art House-Spielfilmen, Fotografie und moderner Kunst inspiriert und ich schätze, das zeigt sich auch in der Bildsprache.

Du wählst eine ruhige Inszenierungsart und lässt den Bildern viel Raum ohne Worte. Was stand dahinter?

Wenn Sie Doel an einem normalen Wochentag besuchen, gibt es viel freien Platz und nicht so viele Worte. Nichts passiert. Die Zeit vergeht. Ich mischte das mit meinen ästhetischen Vorlieben und meinem Stil und so wurde es zu einem langsamen Kinofilm, in dem es Platz für Raum und nicht so viele Worte gibt.

Kannst Du mir von Dir erzählen? Wie bist Du zum Filmemachen gekommen und welche anderen Themen reizen Dich?

Ich wusste, dass ich Filmemacher werden wollte, seit ich 12 Jahre alt war. Ich denke, ich kam auf die Idee, nachdem ich „Wild At Heart“ [David Lynch, 1990], „Europa“ [Lars von Trier, 1991] und „M.“ [Fritz  Lang, 1931] gesehen hatte.

Zur gleichen Zeit interessierte ich mich auch sehr für Musik. Ich kam nicht auf die Filmschule, also verbrachte ich meine 20er Jahre damit, Musik zu spielen, Musikvideos zu drehen und als Regieassistent zu arbeiten. Vor zehn Jahren habe ich meinen ersten kurzen Dokumentarfilm mit einem Freund gemacht und von dort aus begann ich mich in diese Richtung zu bewegen.

Auf welche nachfolgenden Projekte kann man sich freuen?

Ich arbeite an einem hybriden Dokumentarfilm, der in Südkorea spielt. Es wird ganz anders sein als „Doel“- nur ein Protagonist und viele handgehaltene Nahaufnahmen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Doel


Interview: In our conversation with the Danish filmmaker Frederik Sølberg we learn more about „Doel„, how he found the city and how he adapts visually and in narrative rhythm to the inhabitants.

Although I’ve been travelling a lot in Belgium personally, I haven’t heard of the city of Doel yet. How did you become aware of this city as a Dane?

I think Doel is quite famous in Belgium but noone in Denmark knows about it. I stumbled upon it when my ex girlfriend lived in Antwerp in 2012. My Belgian friend Johan wanted to take me on a car ride and asked if I knew about the town. I said no, and he took me there.

How did you approach the remaining inhabitants and how did they react to the film idea?

After visiting Doel I started researching and I found Doel2020 which is the acitivity group working for the preservation of Doel. I contacted them and asked if I could come for a visit. They said yes, and I met Brian who showed me around the area and introduced me to people. Brian ended up being one of the characters in my film.

Can you explain why they – even the younger ones – don’t want to leave this city?

It is my impression that there are several reasons. One being that they feel that Doel is their home. They grew up in the area and they are emotionally attached to it. Another reason might be that they have a strong community where everyone knows everone and help each other out.

You concentrated mainly on the side of the inhabitants. Did you also have more intensive contacts with people who visit Doel as a ghost town? Can you understand these people as well … since in some way you did something at least somewhat similar to them?

I do understand why people get curious about Doel but besides that I don’t think my approach can be compared with the intruders‘. Most people who come to Doel don’t care about the inhabitants and treat the place like an open air amusement park where you can do what you want. They trash the houses, break in, do techno parties and car races, and paint graffiti.

My approach was different. I spent four years to get to know the inhabitants and the town before we started shooting the film. So I have been been hanging out with them, sleeping in their houses, learned the local customs, documented and taken part in their celebrations and events, and I have built up trust and confidence. WIthout that it would have been impossible to make the film.

What do you think the future holds for the city?

That’s a difficult question. Since the late 60ies there has been an ongoing struggle between the port authortiy that wants to evict Doel and the remaining 24 inhabitants. The port contiues to propose new expansion plans and the inhabitants fight back by taking them to court. That seems to continue. Personally I hope that the inhabitants will endure and one day be able to turn Doel into a vibrant town again.

Can you tell me more about the shooting? Did you yourself live in Doel for this time?

The first 3 years I visited Doel several times a year. I did that to built up a connection but also to find out what kind of film I wanted to make. In 2015 we got a small production grant that made it possible to start shooting. I decided to bring in a Belgian film crew consisting of me, a DOP, a sound recordist, and an assistant director that could help me translate. At that time I knew the characters so well that I could develop a loose shooting script based on their normal everyday lives.

We used that as the structure of the narrative and blended scenes that were staged with whatever relevant situations that would pop up. We worked actively making the scenes with the characters somehow calm, present, and intimate – and making the scenes with intruders more abrupt and confusing.

We shot the film in 15 days spread out from April to November 2016.

You have chosen a wonderful visual language. Can you tell me more about your visual concept?

Thank you.

It was important for me to depict and emphasize the paradox between the sleepy ghost town and the noisy intruders. This difference is very absurd and in order to clarify and unfold that I decided to work with a style mainly based on staged tableaux and a slow pace.

At the same time we worked on breaking our own rules – for instance by making abrupt cuts, introducing hand-held tracking shots halfway through the film or use non-diegetic music during the torchlight march. We did that to emphasize the absurdity of the situation in Doel – and to shake our viewers a bit. We don’t want them to fall asleep.

Aesthetically I’m mainly inspired by art house fiction film, photography, and modern art and I guess that also shows in the visual language.

You chose a calm way of staging and leave the pictures a lot of space without words. What was the idea behind that?

When you visit Doel on a regular weekday there is a lot of empty space and not so many words. Nothing happens. Time passes.I mixed that with my aesthetic preferences and style and in that way it became a slow cinematic film where there is space for space and not so many words.

Can you tell me about yourself? How did you come to filmmaking and which other themes appeal to you?

I knew I wanted to be a filmmaker since I was around 12. I think I got the idea after watching „Wild At Heart“ [David Lynch, 1990], „Europa“ [Lars von Trier, 1991] and „M.“ [Fritz Lang, 1931]. At the same time I was also very much into music.

I didn’t get into film school so I spent my 20ies playing music, directing music videos, and working as an assistant director. 10 years ago I did my first short documentary with a friend and from there I started moving in this direction.

Which following projects can you look forward to?

I’m working on a hybrid documentary film that takes place in South Korea. It’s going to be quite different than „Doel„- only one protagonist and a lot of hand-held close ups.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the movie „Doel

Ein Gedanke zu “Zehn Fragen an Frederik Sølberg

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