Acht Fragen an Eva Cvijanovic

Interview: Auf dem 30. Filmfest Dresden lief der außergewöhnliche Stop-Motion-Film „Hedgehog’s Home“ von Eva Cvijanovic. Im Gespräch erzählt uns die im ehemaligen Jugoslawien geborene Filmemacherin wie sie ihre Geschichte fand und warum sie sich für drei verschiedene Vertonungen und Filzanimationen entschieden hat.

The original english language interview is also available.

Dein Animationsfilm „Hedgehog’s Home“ wirkt wie ein modernes Märchen. Kannst du mir mehr zu den Ursprüngen der Geschichte erzählen?

Der Film basiert auf einem Gedicht [Anm. d. Red: „Ježeva kućica“ (ET: „The House of the Hedgehog“)] von Branko Ćopić, das in den frühen 50er Jahren geschrieben wurde. Diese Geschichte hat sich inzwischen zu einem der bekanntesten Kinderbücher auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens entwickelt. Meine Eltern haben es mir immer vorgelesen, als ich noch sehr jung war, und ich kannte es vom Hören, bevor ich lesen konnte, also ist es eine Geschichte, die mir all die Jahre über erhalten blieb.

Der Film ist für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gut geeignet – welche Botschaften lagen Dir am Herzen und was wolltest Du mit der Geschichte transportieren.

Für mich ist es wirklich das Gefühl von Heimat, das in dieser Geschichte über Alter und Kultur hinausgeht. Die Vorstellung, dass Heimat ein Akt der Liebe, der Fürsorge und des Kultivierten ist, geht über einen bestimmten physischen Ort hinaus und wird dann zu etwas, das wir überall erschaffen können, wo wir hingehen. Durch die Schaffung eines gemütlichen, komfortablen Raumes innerhalb des Films hatte ich gehofft, dem Publikum das Gefühl zu geben, was meine Vorstellung von Heimat ist.

Begriffe wie Heimat und Zuhause betreffen Dich persönlich auch selbst durch Deine recht bewegte Vergangenheit – wie weit hat das mit reingespielt?

Die Art und Weise, wie die Idee des Heimatlandes mit dem Gefühl der Heimat in dieser Geschichte verbunden ist, ist für mich einer der problematischsten Aspekte. Da es in einem Moment geschrieben wurde, in dem Jugoslawien seine Identität als multiethnische, multinationale, bündnisfreie Einheit aufbaute, gibt es in dem Buch sicherlich Aspekte politischer Allegorie. Igel, der ehrenwerte Außenseiter, der sich bei Mobbing gegen größere und stärkere Tiere stellt, lässt sich leicht mit der Vorstellung vergleichen, dass sich das damalige Jugoslawien auf einer einschüchternden politischen Bühne behauptet. Wie du jedoch sagst, bin ich ein Produkt der turbulenten Vergangenheit dieses Landes: Meine Eltern, meine Schwester und ich wurden aus unserem Haus vertrieben und leben seit über 20 Jahren in Kanada. Ich fühle mich nicht mit der Idee des Heimatlandes verbunden, das macht mir eigentlich Unbehagen, aber da es „Hedgehog’s Home“ gelungen ist, die Spaltung Jugoslawiens zu überleben und immer noch von Kindern und Erwachsenen in der ganzen Region geliebt wird, wusste ich, dass diese Geschichte über ihren politischen Kontext hinauswächst und dass sie in erster Linie eine universelle Geschichte für sensible Seelen ist.

Du hast bisher 2D-Animationen realisiert. Warum hast Du Dich diesmal für die Stop-Motion-Technik entschieden? Spielten da auch die ursprünglichen Illustrationen des Kinderbuchs mit rein?

Ja, das war der Hauptgrund. Die Original-Illustrationen von Vilko Gliha Selan sind für mich so ikonisch und schön, dass ich in eine andere Dimension eintreten musste, um mich von ihnen zu lösen. Ich habe mich für die Nadelfilztechnik für meine visuellen Elemente entschieden, weil Wolle eine schöne volkstümliche Textur und Farben sowie eine natürliche Wärme hat, die alle zu dem Gefühl beitragen, das ich gesucht habe.  

Du hast auch mit einem Animationsteam zusammengearbeitet. Kannst Du mir mehr zur Aufgabenteilung erzählen.

Ich hatte ein kleines, aber tolles Team! Die gesamte Produktion wurde im Bonobostudio in Zagreb durchgeführt. Die Requisiten wurden von einem Team von etwa fünf von uns hergestellt, darunter die Stop-Motion-Animatoren Ivana Bošnjak und Thomas Johnson, die mir auch bei der inneren Struktur von Marionetten geholfen haben. Ich entwarf und filzte die Marionetten und war jeden Tag mit Ivana und Thomas am Set, während sie animierten. Das unglaubliche Auge und der Sinn für Licht unseres DP Ivan Slipčević brachten eine entscheidende Ebene der Magie in den Film.

Was mich schon immer interessiert hat: Was passiert nachdem der Film fertiggestellt ist mit den Puppen und Sets?

Wir planen derzeit, einige der erhaltenen Requisiten und Sets in Vitrinen zu packen, von denen ich hoffe, dass wir sie hier in Montreal und hoffentlich auch in Zagreb präsentieren können.

Mit Kenneth Welsh konntest Du einen prominenten Sprecher für den englischen Off-Kommentar gewinnen. Doch es gab auch einen französischen und kroatischen Sprecher und du wirst damit allen Produktionsländern gerecht. Diese Internationalität besitzen nicht viele Kurzfilme. Hattest Du das zusätzlich im Sinn?

Der Film sollte von Anfang an in drei Sprachen erzählt werden. Es war für uns alle wichtig, von der Originalversion auszugehen, und da die NFB (National Film Board of Canada) die Mehrheit der Koproduzenten und Kanada ein zweisprachiges Land war, haben wir von Anfang an vereinbart, dass wir drei Versionen des Films haben werden. Es war ein solches Privileg und es erlaubte mir, mit drei unglaublichen Schauspielern zu arbeiten!

Die typische letzte Frage: Wie wird es nun weitergehen? Welche Projekte und in welcher Animationsart wird es als nächstes von Dir geben?

Ich entwickle derzeit ein ganz anderes Projekt, das eine Geschichte in einer spekulativen Zukunft mit computergenerierten Bildern erforscht. Allerdings würde ich gerne irgendwann wieder zu einer gefilzten Stop-Motion zurückkehren. Ich brauche nur die richtige Geschichte dafür.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Hedgehog’s Home


Interview: The extraordinary stop motion film „Hedgehog’s Home“ by Eva Cvijanovic was shown at the 30th Filmfest Dresden. The filmmaker, who was born in former Yugoslavia, tells us in our interview how she found her story and why she chose three different voice-overs and felt animations.

Your animated film „Hedgehog’s Home“ looks like a modern fairy tale. Can you tell me more about the origins of the story?

The film is based on and contains the original poem by Branko Ćopić [„Ježeva kućica“ (ET: „The House of the Hedgehog“)] which was written in the early ‘50s. This tale has since become one of the best-known children’s books on the former Yugoslavian territory. My parents used to read it to me when I was very young, and I knew it by hear before I knew how to read, so it’s a story that stayed with me all these years.

The film seems just as suitable for children as adults. Which messages were close to your heart and did you want to convey with the story?

For me, it’s really the feeling of home that transcends age and culture in this story. The idea that home is an act of love, caring and something that is cultivated goes beyond a specific physical place and then it becomes something that we can create anywhere we go. By creating a cozy, comfortable space within the film, I was hoping to make the audience feel what my idea of home is.

Concepts like homeland and home affect you personally through a rather turbulent past – to what extent did that play into it?

The way that the idea of homeland is linked to the feeling of home in this story is one of its most problematic aspects for me. Since it was written at a moment when Yugoslavia was building its identity as a multi-ethnic, multi-national non-aligned entity, there are certainly layers of political allegory in the book. Hedgehog, the honorable underdog, standing up to bigger and stronger animals when bullied can easily be paralleled with the idea of then-Yugoslavia asserting itself on an intimidating political stage. However, as you said, I am a product of that country’s turbulent past: my parents, my sister and I got bullied out of our home and have lived in Canada for over 20 years. I feel no alliance to the idea of homeland, it actually makes me uncomfortable, but since Hedgehog’s Home managed to survive the split of Yugoslavia and is still beloved by children and adults of all over the region, I knew that this tale transcended its political context and that it is first and foremost a universal story for sensitive souls.

In the past you have realized 2D animations. Why did you choose the stop motion technique this time? Did the original illustrations of the children’s book also play into it?

Yes that was the main reason. The original illustrations by Vilko Gliha Selan are so iconic and beautiful to me that I needed to step into a different dimension to distance myself from them. I chose the needle-felting technique for my visuals because wool has beautiful folksy texture and colors, and a natural warmth which all contribute to the feeling I was looking for.

You also worked with an animation team. Can you tell me about the division of tasks?

I had a small but fantastic team! All of production was done at Bonobostudio in Zagreb. The props were made by a team of about five of us, including the stop motion animators Ivana Bošnjak and Thomas Johnson who also helped me out with the internal structure of puppets. I designed and felted the puppets and was on set with Ivana and Thomas every day while they animated. Our DP Ivan Slipčević’s incredible eye and sense of light brought a crucial layer of magic to the film.

What has always interested me: What happens after the film is finished with the dolls and sets?

We are currently planning to adapt some of the surviving props and sets into display cases that I’m hoping we will be able to showcase here in Montreal and also hopefully in Zagreb.

With Kenneth Welsh you were able to win a prominent narrator for the English voice over. But there was also a French and Croatian narrator. Not many short films have this internationality. Did you also have this in mind?

The film was going to be narrated in three languages from the start. It was important for all of us to start from the original version, and because the NFB (National Film Board of Canada) was the majority coproducer and Canada a bilingual country, we agreed from the start that we would have three versions of the film. It was such a privilege and it allowed me to work with three incredible actors!

The typical last question: What will happen next? What projects and what kind of animation are on the agenda?

I am currently developing a very different project, exploring a story set in a speculative future with computer-generated imagery. However I would love to go back to felted stop motion at some point, I just need the right story for it :)

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Hedgehog’s Home

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