Sechs Fragen an Samuli Salonen

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Interview: Im Gespräch mit dem finnischen in Leipzig lebenden Filmemacher Samuli Salonen erzählt er uns mehr über seinen ersten Dokumentarfilm „About Finnish Manhood“ (feierte seine Weltpremiere auf dem 62. DOK Leipzig), warum er sich für dieses Thema und gegen einen klassischen Erzählstil entschied. 

The original english language interview is also available.

Wie hast Du Dein Thema für Deinen Kurzfilm „About Finnish Manhood“ gefunden? Entstand aus einem persönlichen Standpunkt? 

Idee und Thema für meinen Kurzfilm kamen aus einem Gespräch mit einem guten Freund von mir, ebenfalls ein Mann aus Finnland. Wir sprachen über die Kommunikation und den Austausch von Emotionen in unseren Familien und darüber, wie besonders schwer es ist, mit unseren Vätern zu sprechen. Wir beide hatten ähnliche Erfahrungen, dass wir nicht in der Lage waren, uns auszudrücken und uns mit unseren Vätern zu verbinden. Und natürlich haben beide eine gewisse Frustration in uns. Von diesem Ausgangspunkt und dieser Perspektive aus wollte ich die finnische Männlichkeit untersuchen, um herauszufinden, wie andere Männer in Finnland über die “Männlichkeit” denken, was für eine Bedeutung die Männlichkeit hat, lernen wir eine bestimmte Art und Weise, ein Mann zu sein?

Wie ging es dann weiter? Wie hast Du Deine Gesprächspartner gefunden?

Dieses Gespräch fand Anfang Juni 2019 statt und von da an begann ich, die Idee zu entwickeln. Ich wusste auch, dass ich später im Sommer einen Kurzfilmworkshop in Helsinki besuchen würde, wo ich die Möglichkeit haben würde, den Film zu drehen. Es gibt ein tolles Workshopkonzept namens Kino Kabaret, das 20-100 Teilnehmer versammelt, um in kurzer Zeit gemeinsam Kurzfilme zu drehen, und ich nahm an, dass ich dort einige Interviewpartner finden würde, mit denen ich den Film in dem super kurzen Zeitrahmen von 3 Tagen realisieren könnte. Schon bald stellte ich mir vor, dass dieser Film auf der Grundlage von Interviews in der kurzen Form erstellt werden sollte, und dennoch wollte ich ein lebendiges Bild des Themas erfassen. Ich bin kein großer Fan von sprechenden Köpfen in Dokumentarfilmen und ich wusste, dass ich schnell das Vertrauen meiner Protagonisten gewinnen musste, und da würde das Fehlen der Kamera sehr helfen.

Deine visuelle Gestaltung ist außergewöhnlich – erzähl mir bitte mehr zu dem dahinterstehenden Konzept. Und sind die abgebildeten Personen auch Deine Interviewpartner?

Ich fing an, von verschiedenen visuellen Konzepten und Ideen der Darstellung zu träumen. Durch das Schlendern durch die goldene Ära der finnischen Malerei (ca. 1880-1910) kam ich auf die Idee eines Bilderrahmens in einem Film. Diese Epoche wird in der finnischen Kultur als ein nationales Erwachen angesehen und ich habe das Gefühl, dass wir immer noch in diesen mythologischen Vorstellungen verwurzelt sind. Zunächst wollte ich diese Bilder nachstellen, diese Bilder in das moderne Finnland umsetzen, aber ich dachte, es würde die alten Ideen der Finnen noch verstärken und wäre zu kitschig für dieses Thema. Ich war immer noch begeistert von der Idee der im Rahmen eingefrorenen Menschen, die immer noch in Bewegung ist: sie gibt den Interviews Raum, aber auch anderen Ideen auf subtile Weise Raum. In einigen Bildern wollte ich mit dem Fokus, dass das Motiv verschwommen ist, experimentieren, um einen leinwandähnlichen Effekt zu erreichen. Einige der Personen in den Rahmen erscheinen auch in den Interviews und andere nicht. Ich gab die Möglichkeit, ihre Gesichter in der Dokumentation nicht zu zeigen, obwohl man die Person auf vielen Aufnahmen nicht erkennt. 

Wie haben Männer – speziell finnische aber auch international – auf Deinen Film reagiert?

Samuli Salonen

Die Reaktion in Leipzig war positiv und rief einige interessante Diskussionen hervor. Das eine Mal, als ich es in Finnland gezeigt habe, direkt nach dem Workshop, war ganz anders, weil die Zuschauer emotional reagierten. So hatte ich das Gefühl, dass der Film eine stärkere Wirkung auf das finnische Publikum hatte, weil es ähnliche Geschichten und Gefühle mit den Protagonisten teilt. Mir gefällt die Tatsache, dass die Leute im Allgemeinen denken, es sei ein feministischer Film, unabhängig von ihrem Hintergrund.

Erzähl mir mehr von Dir – wie bist Du selbst zum Film gekommen? Kannst Du Dir auch fiktionale Stoffe vorstellen?

Samuli Salonen beim 62. DOK Leipzig

Während meines Besuchs einer musischen Schule musste ich mich entscheiden, was ich nach meinem Abschluss machen werde, und ich entschied, dass ich entweder Regie führen oder Musik machen werde. Ich war vorher nicht wirklich ein Kinoliebhaber, aber während dieser Jahre bin ich einer geworden und habe herausgefunden, dass Film für mich eine Form ist, durch die ich meine Gedanken und Gefühle mitteilen kann. Obwohl mir Film und Video am nächsten sind, liebe ich es immer noch, Musik zu machen. Ich habe in Helsinki audiovisuelle Medien mit dem Schwerpunkt Postproduktion studiert und arbeite seit 2010 als freiberuflicher Cutter und Kameramann in TV, Film, Dokumentation, Werbung, sozusagen in fast allen Formen und auch in verschiedenen Positionen. 2014 bin ich nach Leipzig gezogen, um mit meinem Partner zu leben, etwas anderes auszuprobieren und zu versuchen, mehr im Independent Film zu arbeiten.

Welche weiteren Projekte wird es geben?

In diesen Jahren habe ich mehr fiktionale Kurzfilme und Musikvideos als Dokumentarfilme gemacht. Dieser Film war mein erster richtiger Versuch im Bereich des Dokumentarfilms, obwohl ich seit einigen Jahren eine Spielfilmdokumentation entwickle. Es gibt immer neue Ideen und Projekte in meinem Kopf, aber ohne Finanzierung bleiben die meisten von ihnen in der Welt der Ideen. Höchstwahrscheinlich werde ich dieses Jahr zwei fiktive Kurzfilme drehen, einen etwas längeren über eine Frau mittleren Alters, die Deutschland verlassen will, aber nicht kann, und einen über einen nigerianischen Jungen, der in Deutschland bleiben will, aber nicht darf. Es ist eine Geschichte, wie sich diese gegensätzlichen Charaktere begegnen und versuchen, sich gegenseitig zu helfen. Die andere ist eine einfachere Geschichte und noch in sehr früher Entwicklung. Hoffentlich werde ich auch in einem Dokumentarfilmprojekt arbeiten, als Kameramann oder als Regisseur. Ich schätze die dokumentarische Form sogar noch mehr, nachdem ich dieses kurze Stück gemacht habe.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „About Finnish Manhood


Interview: In conversation with the Finnish filmmaker Samuli Salonen, who lives in Leipzig, he tells us more about his first documentary film “About Finnish Manhood” (that celebrated its world premiere at the 62nd DOK Leipzig), why he chose this topic and why he decided against a classical narrative style. 

How did you find the theme for your short film “About Finnish Manhood“? Did it develop from a personal point of view?

Idea and theme for my short film came from a conversation with a good friend of mine, a male from Finland too. We were talking about communication and sharing emotions in our families and how especially hard it is to talk with our fathers. Both of us had similar experiences of not been able to express ourselves and connect with our fathers. And sure, both have a certain frustration within us. From that starting point and perspective I wanted to examine the Finnish manhood, to find out how do other men in Finland feel about “manhood”, what sort of meanings manhood has, do we learn a certain way of being a man?

What were the next steps after that? How did you find your interview partners?

This conversation happened early June 2019 and from there on I started to develop the idea. I also knew I was going to attend a short film workshop in Helsinki later in the summer, where I would have the possibility to shoot the film. There is a great workshop concept called Kino Kabaret, which gathers 20-100 participants to make short films together in a short period of time and I assumed I could find some interview partners there to realise the film with in the super short time frame of 3 days. Quite soon I envisioned this film needs to be based on interviews given the short form and still I wanted to grasp a vivid image of the topic. I’m not a big fan of talking heads in documentaries and I knew I had to get the trust of my protagonist quite quick, and there, absence of camera would help a lot. 

Your visual language is extraordinary – please tell me more about the concept behind it. And are the people shown in the film also your interview partners?

I started to dream of different visual concepts and ideas of representation. Through strolling through the golden era of Finnish painting (ca. 1880–1910) I got this idea of a painting frame in a film. This era in Finnish culture is seen as a national awakening and I have the feeling we are still rooted in these mythological ideas. First, I wanted to re-enact these paintings, to convert these paintings into modern Finland but I thought it would still reinforce the old ideas of Finns and would be too kitschy for this topic. I was still fond of the idea of people frozen in frame which is still moving: it gives space to the interviews but also communicates other ideas in a subtle way. In some pictures I wanted to experiment with the focus, that the subject is blurry, to reach a canvas-like effect. Some of the people in the frames appear too in the interviews and some not. I gave the possibility not to show their faces in the documentary, although in many shots you don’t recognise the person. 

How did men – especially Finnish but also international – react to your film?

The reaction in Leipzig was positive and evoked some interesting discussions. The one time I have shown it in Finland, right after the workshop was very different, because the viewers reacted emotional. So, it felt the film has a stronger impact on Finnish audience, because they share similar stories and feelings with the protagonists. I like the fact that in general people think it is feminist film, regardless of their background.

Tell me more about yourself – how did you come to film? Could you also imagine doing fiction films?

During my studies in music high-school I needed to choose what I will do after my graduation and I decided that either I will direct films or make music. I wasn’t really a cinephile before but during these years I’ve become one and found out that film is a form for me through which I can communicate my thoughts and feelings. Although film and video are closest to me I still love to make music. I studied audio-visual media in Helsinki focusing on post-production and since 2010 I have been working as a freelance editor and cameraperson in TV, films, documentaries, advertisement, almost in all forms so to say and in various positions too. 2014 I moved to Leipzig to live with my partner, to try out something else and to try to work more in independent film.

Do you already have other projects in mind?

These years I have been making more fictional short films and music videos than documentaries. This film was my first real attempt in the field of documentary, though I’ve been developing a feature documentary for some years now. There is always new ideas and projects in my mind, however without funding majority of them stay in the world of ideas. Most probably this year I will shoot two fictional short films, one which is a bit longer story about a middle-aged woman who wants to leave Germany but cannot and a Nigerian boy who wants to stay in Germany but is not allowed. It is a story how these opposite characters meet and try to help each other. The other one is a simpler story and still in very early development. Hopefully I will work some way in a documentary project too, as a cinematographer or as a director. I appreciate the documentary form even more after making this short.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “About Finnish Manhood” 

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