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Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur Kilian Armando Friedrich konnten wir mehr über seine und Tizian Stromp Zargaris Dokumentation „Atomnomaden“ (OT: „Nomades du Nuclaires“), die in der Reihe ‚MOP Watchlist‘ auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024, lief. Er erzählt davon wie Fahrradausflüge zu dem Themen brachten, wie die Protagonist:innen auf das Filmteam reagiert haben und wie sie durch das Projekt selbst zu Filmnomaden wurden.
Wie ist die Idee zu dem Projekt entstanden – ich habe gehört, eine Fahrradtour hat Dich sozusagen hingeführt?
Ich bin an der französischen Grenze aufgewachsen, 30 km entfernt vom viertgrößten Atomkraftwerk Europas in Cattenom. Das Schönste an dem Leben an der Grenze ist, dass man über die Grenze fahren kann und in einer anderen Kultur, Gesellschaft, Sprache ankommt. Aus dem Grund bin ich häufig mit dem Fahrrad nach Frankreich gefahren. Besonders die vielen ,,vergessenen“ Dörfer und das sehr dünn besiedelte Lothringen haben mich da fasziniert. Ein Dorf war besonders spannend, Cattenom, welches durch die kilometerhohen Dampfformationen schon von weitem zu erkennen war. Cattenom war oft das Ende dieser kleinen Erkundungstouren, und das riesige Atomkraftwerk faszinierte und schreckte gleichzeitig ab. Eines Tages waren dann auf einmal ganz viele Camper vor dem Kraftwerk. Das war ein beeindruckendes Bild. Der Camper, klein und bescheiden, steht vor diesen riesigen Türmen – absurd – und ich wollte herausfinden, warum. In diesem Moment lernte ich die Atomnomaden kennen.
Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit und in welchem (auch finanziellen) Rahmen konntet ihr das Projekt realisieren? War euch immer klar, dass es ein Langfilm werden soll?
Tizian und ich lebten zu dieser Zeit zusammen. Und wir sind beide Filmemacher. Tizian verbrachte seine Jugend in Frankreich, in einer ländlich geprägten Gegend nahe der Pays-de-la-loire mit vielen Bauern und auch Industrie. Tizian kannte also schon Teile der französischen Arbeiterklasse und ihn interessierte das Thema genauso wie mich. Er brachte zudem eine französische Perspektive mit rein und hatte sich auch theoretisch schon viel mit den Klassen und Arbeitswelten des Kapitalismus auseinandergesetzt. Wir haben uns also ein Auto gemietet, packten Zelt und Schlafsack ein – und fuhren zusammen zu den französischen Atomkraftwerken, um mit den Wanderarbeiter*innen ins Gespräch zu kommen. Als deutsch-französisches Team hatten wir einen guten Zugang und die Arbeiter*innen schenkten uns ihr Vertrauen – manchmal blieben wir auch allein länger und lernten unabhängig voneinander einzelne Arbeiter*innen kennen. Der Film ist im Rahmen des Studiums entstanden – viel Geld gab es nicht. Wir haben sparsam gelebt und die Routen ausgerechnet, damit wir nicht zu viel Spritgeld ausgeben. Von Beginn an war uns klar, dass dieses Thema zu groß ist, um es in einen Kurzfilm zu packen.
Wie verlief eure Zusammenarbeit? Worauf habt ihr Wert gelegt und wie seid ihr auf eure Gesprächspartner zugegangen?
Wir sind beide sehr gute Freunde, aber unterschiedliche Filmemacher. Eine gemeinsame Idee zu entwickeln und Co-Regie zu führen ist immer auch ein sich einstellen auf den anderen, einen Kompromiss finden, und sich im besten Fall gegenseitig zu inspirieren. Wir haben also einen gemeinsamen Nenner finden müssen, und sehr viel gelernt über Gruppenarbeit. Gemeinsam mit dem Kameramann Jacob Kohl sind wir drei Monate im Camper unterwegs gewesen – ein gruppendynamisches Experiment, das uns einiges abverlangte. Uns war von Anfang an eine Sache wichtig: Nähe. Dieses Wort beschreibt für uns das Erstrebenswerte am Kino, nämlich, dass es Empathie erzeugen kann und uns die Sichtweise eines anderen verstehen lässt, wenn wir sie fühlen. Diese Fähigkeit des Films war der Motor hinter dem visuellen Konzept und der Arbeitsweise, die wir anstrebten. Wir wollten uns Zeit lassen. Beobachten. Unsere Aufnahme nicht abbrechen. Durchlaufen. Uns auf eine Figur konzentrieren, kleine, feine Handlungen suchen, deren Beobachtung einen Gefühlszustand offenbaren.
In unserem Vorhaben, zu beobachten, ging es uns darum, zu lernen, genau zu schauen. So genau, bis wir eine innere Verbindung herstellen können, in der unser Protagonist als Mensch gesehen wird, als Identifikationsfigur. Das funktioniert zum Beispiel durch den sogenannten Schulterblick – die Kamera schaut über die Schulter des Protagonisten und wir sehen die Welt auf ihn einwirken – dadurch entsteht Nähe. Aufbauend auf dieser beobachtenden Nähe schrieben wir eine Drehbuchskizze, um einen dramaturgischen Bogen für jede Figur herauszuarbeiten. Aber wie so oft kommt es beim Filmemachen anders als man denkt, am letzten Drehblock wurde das Team krank und wir mussten mit dem Material umgehen, das wir bis dahin hatten. Ein weiteres Drehen war finanziell nicht möglich.
Um unsere Idee umzusetzen, hatten wir einen hands-on-Ansatz: Wir klopften an den Türen der Camper und stellten uns vor. Wir legten Flugblätter aus. Wir sprachen mit Menschen, die rund um die Kraftwerke lebten. Wir lebten mit unseren Protagonist*innen, kochten für sie, rauchten und betranken uns mit ihnen – unsere Präsenz war nicht abhängig von der eingeschalteten Kamera.
Wie verlief eure Arbeit vor Ort? Wie lange und wie oft habt ihr gedreht?
Für den Dreh lebten wir selbst nomadisch in einem Campingwagen. Ein Witz während der Dreharbeiten war oft, dass wir die Filmnomaden sind, und unsere Protagonist*innen die Atomnomaden. Der Dreh richtete sich nach der Arbeitszeit der Protagonist*innen. Sie arbeiten in Wechselschicht, morgens, mittags und abends. Oft sind sie völlig fertig – durch körperliche Anstrengung und Verstrahlung – weshalb es auch unbequem wurde. Das Respektieren von Grenzen, sich nicht aufdrängen, Geduld haben und bescheiden sein, waren wichtige Verhaltensweisen, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. Besonders anstrengend war die Unsicherheit, wo sich unsere Protagonist*innen gerade befanden. Oder ob sie noch an dem Ort sein werden, wenn wir ankommen. Unsere Protagonist*innen wechseln die AKWs manchmal über ein Wochenende, was für uns eine ständige Eingewöhnung an neue Orte verlangte.
Haben die Portraitierten den Film bereits gesehen und wie geht es ihnen jetzt?
Unsere Protagonist*innen haben den Film teilweise schon gesehen. Sie sind sehr stolz auf das Ergebnis und kommen auch mit zu den Screenings. Wir wollen aber nochmal eine Abschlusstour machen und sie in Frankreich besuchen, mit Film und Projektor im Gepäck. Am liebsten würde ich den Film auf einen riesigen Kühlturm projizieren – aber eine Campingwagenwand macht es auch. ;) Es ist uns sehr wichtig, dass wir jeden unserer Protagonist*innen nochmal finden und auf den Film anstoßen.
Wie verlief eure Zusammenarbeit am Set – ihr sprecht beide auch französisch, richtig? Gab es eine Aufgabenteilung?
Wir dachten lange und viel darüber nach, was wir drehen wollen. Zuerst ging es darum, zu beobachten, was spannend ist – dann teilten wir uns Szenen auf. Allerdings waren wir beide in Personalunion und das hieß es vor allem Aufgaben aufzuteilen. Wer fährt den Camper? Wer kocht? Wann ist Zeit, die Szene vorzubereiten? Wer spricht mit den Protagonist*innen? Wer spricht mit dem Kameramann? Wo schlafen wir heute? Wer fängt etwaige Störenfriede ab, die ins Bild laufen? Wer telefoniert mit der Produzentin Elsa Storms in Deutschland? Wir wurden zu einem sehr eingespielten Team, welches sich bedingungslos gegenseitig unterstützen musste, um das Projekt vor Ort zu dritt zu stemmen.
Wann wird man euren Film nochmal in den deutschen Kinos sehen können? Habt ihr vor, einen Kinostart zu realisieren?
Unser Film wird vom Weltvertrieb Rise and Shine vertrieben – sie kümmern sich um diese Angelegenheiten. Bisher läuft er nur in kleinen ausgewählten Programmkinos im Saarland, Rheinland Pfalz und hatte schon eine kleine Programmkinoreihe in Holland.
Am Schluss noch die Frage: Wie seid ihr beide zum Film gekommen?
Ich hatte das Glück, als Jugendlicher einen guten Freund zu haben, der anti-autoritär erzogen wurde. Wir hatten immer das Gefühl einer gewissen Freiheit zusammen und nutzten diese, um nächtelang Filme zu schauen, zu Unzeiten auf den Straßen zu sein und die Welt als einen großen Spielplatz wahrzunehmen. Wir schauten seltsame Filme. Von „Irréversible“ bis zum „Club der toten Dichter“ erinnere ich mich an viele tiefe Filmerlebnisse, die mich nachhaltig prägten und forderten. Es ist etwas besonderes, Filme mit Gleichaltrigen zu schauen – besonders in der Jugend. Es entstand eine Filmpraxis, da wir auch selbst anfingen, Filme zu drehen und mit der Kamera zu spielen. Zudem nahm mich mein Vater immer wieder mit auf das Filmfest MOP, wo ich auch eine Kinokultur kennenlernen konnte, womit ich Filmgespräche und ausverkaufte Vorstellungen meine, die es in Deutschland außerhalb von Festivals ja kaum noch gibt.
Sind bereits neue Projekte – allein oder zusammen – geplant?
Zur Zeit arbeiten wir beide getrennt an unseren Abschlussfilmen. Das sollen beides Langfilme werden – die in ihrer Haltung an unseren Film 03 anknüpfen. Was ich aber für uns beide sagen kann: Wir wollen gerne Filme machen, die kritisch sein dürfen, die zum Nachdenken anregen, und ungesehene Ecken mit persönlichem Blickwinkel behandeln. Wir wünschen uns, dass in Deutschland ein Kino existieren kann, das Film nicht als Ware und Produkt sieht, sondern über Statistiken und Zahlen hinaus als einen Ort, an dem poetische Versuche gezeigt werden, sich mit der Welt auseinanderzusetzen.
Am 25. April 2024 läuft „Atomnomaden“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte und am 27. April 2024 im Kino 8 1/2 in Saarbrücken.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Atomnomaden“
