„Lange nicht gesehen“ (2023)

Doreen Kaltenecker

Kurzfilm / Deutschland / Fiktion / 2023

Filmkritik: Der deutsche Kurzfilm „Lange nicht gesehen“ (ET: „Long Time no See“) von Kevin Biele, der seine Deutsche Erstaufführung auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 hatte, ist nicht nur sein Bachelor-Abschlussfilm, sondern auch eine präzise Beobachtung der Berufswelt.

Silvia (Ruzica Hajdari) kommt nach langer, krankheitsbedingter Abwesenheit zurück auf ihre Arbeit in einem Pharmaunternehmen. Doch sie kann sich nicht nur nicht mehr auf ihrem Rechner anmelden und die IT dabei hilft ihr nicht weiter, auch das Unternehmen ist nicht mehr dasselbe. Durch neue Chefs hat sich das Berufsklima geändert, Englisch ist als Betriebssprache wichtiger und ein zwischenmenschlicher Austausch ist deutlich schwieriger geworden.

Kevin Biele („Mona & Parviz“) baute in seinem 21-minütigen Abschlussfilm an der Internationalen Filmschule Köln (ifs) nicht nur die Erfahrungen seiner Mutter ein, die aufgrund von Krankheit auch lange nicht in ihren Beruf zurückkehren konnte, sondern fängt auch treffsicher strukturelle Veränderungen in Unternehmen ein. Denn diese schleichen sich bei allen Firmen, die mit der Zeit gehen wollen oder müssen, beinahe automatisch ein. Englisch wird als Firmensprache immer wichtiger und eine hohe Bereitschaft, Flexibilität und Eigenständigkeit von Mitarbeiter:innen werden ganz automatisch angenommen.

Petra Rösch, Anja Stange und Ruzica Hajdari

Auch dass dabei ein gewisses Miteinander unter Kolleg:innen und vor allem zur dauergestressten Führungsriege, die immer neue Zielvorgaben erhalten, verloren geht ist dabei selbstverständlich. All das fängt Biele authentisch, aber auch mit etwas Humor ein, und zeigt einen Menschen, der versteinert ist, aufgrund all dieser Veränderungen. Wunderbar wird Silvia von Ruzica Hajdari gespielt, die bereits in dem Kurzfilm „Balkan, Baby“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Auch die Location ist perfekt gewählt und hergerichtet und spiegelt so vieles wieder, was für die Ungemütlichkeit solcher Firmenbüros steht.

Fazit: „Lange nicht gesehen“ ist ein Kurzfilm von Kevin Biele, in dem er, inspiriert von Schilderungen aus der eigenen Familie, vom modernen Arbeitsleben und dem beruflichen Miteinander erzählt. Mit hoher Authentizität und Treffsicherheit, aber auch mit dem Gespür für einen gewissen Humor machte er hiermit seinen Abschluss an der Filmhochschule, so dass man gespannt sein darf, wie es danach weitergehen wird.

Der Film läuft als Nächstes bei den Shorts Offenburg ab 11. April 2024

Bewertung: 7,5/10

geschrieben von Doreen Kaltenecker

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