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Interview: Im Gespräch mit der chinesischen Regisseurin Lin Yihan konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Sojourn to Shangri-La“ (OT: „是日訪古“ / „Shi ri fang gu“) erfahren, der auf der 74. Berlinale 2024 im Rahmen des ‚Berlinale Shorts‘-Programm seine Internationale Premiere feierte. Sie erzählt wie verschiedene reale Erlebnisse die Geschichte formten, wie mit diesem Film ein Lebensabschnitt von ihr beendet ist und warum sie sich für einen Schwarzweißfilm entschieden hat.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?
Als ich 2021 meinen Abschluss an der Filmhochschule machte, arbeitete ich in der Werbeproduktion und verbrachte viele Stunden in einem großen und oft düsteren Studio. Inmitten dieser kontrollierten Umgebung fand ich Trost in Momenten der Ruhe, in denen ich nach draußen gehen und die atemberaubende Schönheit eines ungetrübten Sonnenuntergangs in der Vorstadtlandschaft erleben konnte. Doch trotz der tiefen Wirkung, die diese Momente auf mich hatten, schien es, als ob niemand im Studio meine Faszination teilte. Es entstand ein tiefes Gefühl der Zerrissenheit zwischen zwei Räumen.
Während einer dieser einsamen Betrachtungen begann die Saat von „Sojourn to Shangri-La“ Wurzeln zu schlagen. Der Wunsch, die Emotionen und Erfahrungen dieser flüchtigen Momente festzuhalten und mit anderen zu teilen, wurde zu meiner treibenden Kraft. Es ging nicht nur darum, einen Sonnenuntergang zu dokumentieren, sondern auch darum, das Gefühl der Ehrfurcht und der Ruhe zu vermitteln, das die Natur während einer vom Kapital gesteuerten menschlichen Aktivität auslöst.
Der Auslöser für die Geschichte des Films kam aus einer unerwarteten Quelle – einer zufälligen Begegnung mit einer Freundin, Meimei, die später die Produktionsdesignerin für „Sojourn to Shangri-La“ wurde. Sie erzählte, dass bei den Dreharbeiten zu einem Werbefilm, bei dem sie als künstlerische Assistentin arbeitete, eine massive Installation von der Flut weggespült wurde.
Fasziniert von den subtilen Konflikten, die diesem Ereignis innewohnen, und inspiriert von der emotionalen Resonanz, die es in mir hervorrief, wusste ich, dass ich den perfekten Rahmen für „Sojourn to Shangri-La“ gefunden hatte. Ausgehend von dieser wahren Erfahrung und meinen eigenen Emotionen entwickelte ich eine Erzählung, die die Themen Vergänglichkeit, Schönheit und die menschliche Erfahrung vor dem Hintergrund dieses unerwarteten Ereignisses miteinander verwebt.
Was ist für Dich der Kern der Handlung? Ging es Dir um eine Bestandsaufnahme oder auch Kritik des Business oder noch mehr?
Im Mittelpunkt des Films steht ein Team aus der Modewerbung, das sich für Dreharbeiten an einen Strand begibt und dort feststellt, dass eine riesige Installation, die sie im Vorfeld vorbereitet hatten, aufgrund der Flut verschwunden ist. Die Protagonistin, eine Kunstassistentin, leiht sich eine Drohne von der Kameraabteilung aus, um über dem Meer nach der Installation zu suchen. Während die Drohne sie und den Zuschauer ins Ungewisse führt, entfaltet sich die Geschichte vor dem Hintergrund eines Modeshootings. Meine Absicht war es jedoch nicht, nur die Hintergründe einer kommerziellen Produktion zu zeigen. Vielmehr ging es mir darum, die Störungen zu erforschen, die durch unkontrollierbare Naturgewalten inmitten menschlicher Aktivitäten verursacht werden, symbolisiert durch das kommerzielle Shooting. Durch diese Erzählung wollte ich die sich entwickelnde Machtdynamik zwischen Mensch und Natur ergründen.
Warum hast Du Dich für einen Schwarz-Weiß-Film entschieden und was lag Dir noch visuell am Herzen?
Die wörtliche Übersetzung des chinesischen Titels des Films lautet „An diesem Tag eine historische Stätte besuchen“. Ich wollte den Zuschauern eine Erfahrung vermitteln, die mit der Lektüre alter chinesischer Reiseberichte vergleichbar ist, in denen spätere Generationen die von ihren Vorgängern hinterlassenen Bilder betrachten. Daher habe ich mich bei vielen meiner visuellen Entscheidungen von diesem Konzept leiten lassen.
Bei der Auswahl der Kamera haben wir uns beispielsweise für eine Digitalkamera mit Super-16-Sensor entschieden, deren Textur an Film erinnert. Diese Entscheidung entsprach unserem Wunsch, ein Gefühl zu erzeugen, das dem Betrachten historischer Bilder ähnelt. Die Wahl der Schwarz-Weiß-Fotografie war ein weiterer Aspekt dieses Ansatzes. Als ich die endgültigen Drehorte festlegte, wurde mir klar, dass eine Aufnahme der Landschaft in Farbe das Risiko mit sich bringen würde, wie typisches touristisches Werbematerial zu wirken, insbesondere angesichts des Einsatzes von Drohnen. Durch die Aufnahme in Schwarz-Weiß konnten wir diese touristische Aura jedoch abschwächen und den Fokus auf die eigentlichen Formen und Texturen innerhalb des Bildes und nicht auf kulturelle Assoziationen lenken.
Kannst Du mir mehr zum Sounddesign erzählen?
Beim Sounddesign war ein entscheidender Aspekt, das Eindringen, die Vermischung und die Auflösung der menschlichen Aktivitäten in der natürlichen Umgebung einzufangen. Mein Sounddesigner und ich haben viel darüber nachgedacht, wie wir die industriellen und modernen Elemente in die ansonsten unberührte natürliche Umgebung einbringen können. Und nachdem die Protagonistin die fantastische Welt betreten hat, hoffen wir, mit Hilfe des Klangs zeigen zu können, dass sie sprachliche Barrieren überwindet und frei mit den Kreaturen darin kommuniziert.
Könntest Du Dir vorstellen, die Geschichte zu einem Langfilm auszubauen?
Ich glaube, dass das Format des Kurzfilms für diese Geschichte am besten geeignet ist, weil ich darin bereits alles vermittelt habe, was ich sagen wollte, und so Raum für die Fantasie des Publikums bleibt. Außerdem hat mir die Fertigstellung dieses Kurzfilms aus emotionaler Sicht die Möglichkeit gegeben, mich mit dieser Erfahrung zu versöhnen. Er markiert das Ende meiner Arbeit in der kommerziellen Produktion und ermöglicht es mir, mich auf persönliche Filmprojekte zu konzentrieren. Daher habe ich nicht in Erwägung gezogen, diese Geschichte zu einem abendfüllenden Film auszubauen.
Gibt es neben deinen fiktionalen Arbeiten noch andere Projekte, die dein Filmemachen beeinflusst haben?
Neben Spielfilmen habe ich auch an Experimental- und Dokumentarfilmen gearbeitet. Diese Erfahrungen haben meine Herangehensweise an das narrative Filmemachen beeinflusst.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Zurzeit arbeite ich an dem Drehbuch für meinen ersten Spielfilm und beginne mit der Suche nach Geldmitteln.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Sojourn to Shangri-La“
Interview: In conversation with Chinese director Lin Yihan, we were able to find out more about her short film „Sojourn to Shangri-La“ (OT: „是日訪古“ / „Shi ri fang gu“), which celebrated its international premiere at the 74th Berlinale 2024 as part of the ‚Berlinale Shorts‚ program. She tells how various real-life experiences shaped the story, how this film marks the end of a period in her life and why she chose to make a black-and-white film.
How did the idea for your short film come about?
When I graduated from film school in 2021, I worked in commercial production, spending long hours within the confines of a vast and often gloomy studio. Amidst this controlled environment, I found solace in moments of respite, where I could step outside and witness the breathtaking beauty of an unobstructed sunset in the suburban landscape. Yet, despite the profound impact these moments had on me, it seemed as though no one else in the studio shared my fascination. A deep sense of rupture emerged between two spaces.
It was during one of these solitary reflections that the seed of „Sojourn to Shangri-La“ began to take root. The desire to capture and share the emotion and experience of these fleeting moments became my driving force. It wasn’t merely about documenting a sunset; it was about encapsulating the sensation of awe and tranquility brought by the nature during a human activity driven by capital.
The catalyst for the film’s narrative came from an unexpected source – a serendipitous encounter by a friend, Meimei, who later became the production designer for „Sojourn to Shangri-La.“ She recounted an event where a massive installation was swept away by the tide during a commercial film set, where she worked as an art assistant.
Intrigued by the subtle conflicts inherent in this event and inspired by the emotional resonance it evoked within me, I knew I had found the perfect framework for „Sojourn to Shangri-La.“ Drawn from this true experience and my own emotions, I crafted a narrative that weaved together the themes of transience, beauty, and the human experience, all against the backdrop of this unexpected event.
What is the core of the plot for you? Were you interested in assessing the current state of film production or criticizing the industry, or something more?
The film centers around a fashion commercial crew who ventures to a beach for a shoot, only to discover that a massive installation they prepared in advance has vanished due to the high tide. The protagonist, an art assistant, takes it upon herself to borrow a drone from the camera department to search for the installation over the sea. As the drone leads her and the audience into the unknown, the story unfolds against the backdrop of a fashion shoot. However, my intention was not solely to depict the behind-the-scenes of a commercial production. Instead, I aimed to explore the disruption caused by uncontrollable natural forces amidst human activity, symbolized by the commercial shoot. Through this narrative, I sought to delve into the evolving power dynamics between humanity and nature.
Why did you decide on a black and white film and what else was important to you visually?
Actually the literal translation of the film’s Chinese title is „To Visit a Historic Site on This Day.“ I wanted to evoke an experience for the audience akin to reading ancient Chinese travelogues, where later generations observe imagery left by their predecessors. Hence, many of my visual choices were guided by this concept.
For instance, in selecting the camera, we opted for a Super 16 sensor digital camera with a texture reminiscent of film. This decision was aligned with our desire to create a feeling akin to perusing historical images. Choosing black and white photography was another aspect of this approach. Furthermore, upon finalizing the shooting locations, I realized that capturing the scenery in color would risk resembling typical tourist promotional footage, especially given our use of drones. However, by shooting in black and white, we could diminish this touristy aura, allowing the focus to shift onto the intrinsic forms and textures within the frame, rather than cultural associations.
Can you tell me about the sound design and what was important to you there?
In terms of sound design, a crucial aspect was capturing the intrusion, blending, and dissolution of human activity within the natural environment. My sound designer and I worked a lot on how to inject the industrialized and modern elements into the otherwise pristine natural setting. And after the protagonist enters the fantastical world, we hope to use sound to present that she transcends linguistic barriers, communicating freely with the creatures within.
Could you imagine expanding the story into a feature-length film?
I actually believe that the short film format is the most suitable for this story because I’ve already conveyed everything I wanted to say within it, leaving room for audience imagination. Additionally, from an emotional standpoint, completing this short film has allowed me to reconcile with that experience. It marks the end of my work in commercial production, allowing me to focus on personal filmmaking projects. Therefore, I haven’t considered expanding this story into a feature-length film.
Besides your fiction work, is there any work that influenced your filmmaking?
In addition to fiction films, I’ve also worked on experimental films and documentaries. These experiences have influenced my approach to narrative filmmaking.
Are there any new projects planned?
Currently I’m working on the script for my first fiction feature and starting to look for funds.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Sojourn to Shangri-La„


