Acht Fragen an Luka Lara Steffen

Doreen Kaltenecker
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Diana Lim

Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Luka Lara Steffen konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Piecht“ erfahren, der u.a. im Programm des 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 lief, wie sie ihre Geschichte dazu entwickelt hat, ob da noch mehr für eine Langfilmvariante drinsteckt und wie sie den fiktiven Ort Piecht erschaffen haben.

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?

Ich habe mich für die Frage interessiert, wie Mechanismen der Radikalisierung ohne Korrektiv funktionieren. In „Piecht“ geht es unter anderem um die komplizierte Beziehung zwischen der Protagonistin Johanna und ihrer Mutter Ursula. Sie sind in einem Ablösungsprozess, doch ihnen gelingt es nicht, ihre Beziehung auf die nächste Ebene zu bringen. Sich voneinander zu lösen, sich zu verabschieden, um dann wieder zueinander zu finden. Stattdessen wird vor allem auf Ursulas Seite der Trennungsschmerz einfach abgewehrt, sie entzieht sich Johanna und so wird es für Johanna immens schwer, zu gehen. Denn es ist ja niemand da, von dem sie sich verabschieden kann. 

Ursula fühlt sich davon bedroht, dass sich die bekannte Gemeinschaft, die sie mit ihrer Tochter hat, verändert. Doch statt diese Veränderungen anzuerkennen und sich ihnen zu stellen, weicht sie aus und sucht nach einer Ersatzgemeinschaft. Und dieses Versprechen nach einer Ersatzgemeinschaft, nach einer Alternative, wird ihr in Piecht sehr schnell angeboten. 

In welchem Rahmen ist Dein Kurzfilm entstanden? Wie lange hattet ihr für die Realisierung Zeit?

Piecht“ ist mein Diplomfilm an der Kunsthochschule für Medien gewesen und die Realisierung hat tatsächlich sehr lange gedauert. Ich habe das Drehbuch Ende 2019 geschrieben und als dann im März 2020 die Corona-Pandemie ausgebrochen ist, mussten wir das Projekt erst einmal pausieren. Gedreht haben wir dann im Juni 2021, in der Zwischenzeit gab es viele Auf und Abs und wir mussten mehrfach von vorne planen, da sich der Drehzeitraum durch die ständig wechselnden Bedingungen und Inzidenzen verschoben hat. Filme machen ist ja immer etwas sehr gemeinschaftliches und kollaboratives und ohne ein konstantes Team wäre das so unter diesen Bedingungen niemals möglich gewesen. Ich bin sehr glücklich und unendlich dankbar, dass wir unter diesen sehr inkonstanten und komplizierten Bedingungen so zusammenarbeiten konnten und alle trotz der ganzen Wechsel dabei geblieben sind.

Wie hast Du den fiktiven Ort Piecht geschaffen – welche Elemente waren Dir wichtig?

Wir haben Piecht quasi selbst zusammengebaut und an vielen verschiedenen Orten gedreht. Zum Beispiel im Bergischen Land, Solingen, aber auch in Köln. Uns war dabei besonders wichtig, dass es nicht konkret in einem bestimmten Gebiet in Deutschland zu verorten ist, sondern metaphorisch für einen Ort steht, der überall entstehen kann. Und vor allem Gedankengut, das überall existiert und nicht ortsgebunden ist. Dass Piecht als Ort im Film funktioniert, ist vor allem durch die großartige Zusammenarbeit der verschiedenen Departments wie etwa Kostüm und Szenenbild möglich geworden. Dadurch wird eine Ästhetik gesetzt, die dann als verbindendes narratives Element funktioniert. 

Was lag Dir noch visuell und inszenatorisch am Herzen?

Alida Stricker

Hannah Platzer, die die Bildgestaltung gemacht hat und ich haben uns sehr viel über die Ästhetik des Films ausgetauscht und vor allem auch darüber, wie wir Inhalte bildsprachlich übersetzen können. Hannah hatte dann die geniale Idee, den Film 1:1 zu drehen. Mir gefällt dieses Format besonders gut, da es das ausschnitthaft der in Piecht virulenten Weltsicht verdeutlicht. Es gibt keinen ‚Zoom-outs‘, keinen Blick auf das große Ganze und keinen Blick für komplexe Zusammenhänge. Es gibt nur diesen einen, vereinfachten und selbst gewählten Ausschnitt, die Linse, durch die alles betrachtet wird. Durch das Format entsteht außerdem eine Latenz. Wir Zuschauer:innen wissen nicht, was an den Seiten passiert. Genauso wie die Protagonistinnen bekommen wir auch nur einen Ausschnitt präsentiert. Außerdem hat das Format auch etwas latent klaustrophobisches und bedrohliches. Quasi wie der Feinstaub, vor dem die Bewohner:innen in Piecht so manisch warnen. Denn die Lage in Piecht repräsentiert nur eine vermeintlich unsichtbare Gefahr, die die Gesellschaft jedoch so lange hinnimmt, bis die Schäden irreparabel sind. 

Die Besetzung ist sehr gut – wie hast Du Deinen Cast zusammengestellt?

Corinna Nilson

Ich bin auch super glücklich, so einen tollen Cast gefunden zu haben. Coronabedingt habe ich viele Online-Castings gemacht, Agenturen kontaktiert und viele, viele Showreels geschaut. Dann habe ich mich sehr intensiv inhaltlich mit den Schaupieler:innen ausgetauscht und wir haben viel über die Figuren gesprochen. Das war mir sehr wichtig, vor allem im Bezug auf die Beziehungsdynamiken zwischen den Figuren. Wir hatten – auch coronabedingt und budgetbedingt – keine gemeinsamen Proben mit dem Cast untereinander im Vorfeld, aber haben dann jede freie Minute am Set für Besprechungen und zum Proben genutzt. 

Das Ende ist offen – könntest Du Dir vorstellen, die Geschichte nochmal in einer längeren Fassung zu erzählen?

Ja, das könnte ich mir auf jeden Fall vorstellen. Es gibt in der Geschichte viele Aspekte, die im Film nur kurz angeschnitten werden, die sich aber auf jeden Fall lohnen, sie näher zu betrachten. Hätte ich die Möglichkeit, würde ich sie auf jeden Fall nicht ausschlagen. Zumal das Thema leider brandaktuell bleibt. 

Kannst Du mir noch etwas über Dich erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Alida Stricker

Ich bin eigentlich ziemlich zufällig im Filmbereich gelandet. Ich hatte in meinem Freundeskreis einen sehr filmbegeisterten Freund und wir haben damals angefangen, gemeinsam mit anderen Freund:innen, Kurzfilme zu drehen um sie dann beim Kurzfilmfestival in unsere Kleinstadt einzureichen. Als ich dann schon länger in Köln gewohnt habe, habe ich herausgefunden, dass es hier eine Kunsthochschule gibt und mich dann mit einigen dieser Kurzfilmproduktionen dort beworben. Glücklicherweise hat es geklappt und ich bin sehr dankbar, diese Möglichkeit gehabt zu haben. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Zum Glück ja! Aktuell schreiben mein Co-Autor Jacob Diestelhorst und ich den Stoff für einen Langspielfilm. Misogynie ist auch hier wieder ein zentrales Thema. Allerdings geht es in unserem neuen Projekt nicht um eine offen reaktionäre, sondern eine scheinbar hochmoderne Gesellschaft. Es geht um Projektionen und Mystifikationen und die Frage, wie Wahrheiten in einer geschlossenen Gesellschaftsordnung hinterfragt werden können und welche Ambivalenzen autoritäre Rollenbilder bieten.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Piecht

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