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Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher und Animationskünstler Frederic Siegel konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „TV oder Die Ruhestörung an der Waldbergstraße“, gesehen im Genre-Programm des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026, erfahren, wie die eigene Kindheit ihn zu der Geschichte inspiriert, welchen klaren visuellen Leitlinien erfolgte und wie er seine animierte Welt erschuf, die zwar um die Jahrtausendwende angesiedelt ist, aber viel auch über die heutige Zeit erzählt.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden – fing alles mit den viereckigen Augen an?
Tatsächlich fing eigentlich alles mit den viereckigen Augen an. Als Kind haben mir meine Eltern oft gesagt: „Schau nicht zu viel fern“ oder „Du bekommst viereckige Augen.“ Natürlich war das eher scherzhaft gemeint und nicht als ernstzunehmende Drohung. Trotzdem hat mich dieses Bild nicht mehr losgelassen. Was wäre denn so schlimm daran wirklich viereckige Augen zu bekommen? In den folgenden Jahren habe ich immer öfter daran gedacht und auch die tatsächlichen Gefahren erkannt, vor allem als ich als Erwachsener mit eigenen Augen gesehen habe, wie stark die Sogwirkung von Bildschirmen auf Kinder sein kann. Viele Kinder sind so stark von Screens absorbiert, dass sie kaum ansprechbar sind. Ich denke zum einen kann die frühe Bildschirmimmersion eindeutig die Kreativität anregen, zum anderen kann es auch zu Aufmerksamkeits- und Entwicklungsstörungen führen. Für mich persönlich aber war Fernsehen primär ein Abtauchen in fantastische Welten, in welchen alles möglich schien. Gleichzeitig war es aber auch eine Flucht aus dem Alltag, wenn zuhause nicht immer alles rund lief. Aus all diesen Gedanken habe ich dann noch während meiner Schulzeit die erste Idee zur Handlung von „TV oder Die Ruhestörung an der Waldbergstraße“ entwickelt, welche als Hommage an die mysteriöse Macht von Bildschirmen zu verstehen ist und meine Faszination gegenüber komplexen, fiktiven Bildwelten unterstreicht.
Zu welcher Zeit spielt dein Film – was war Dir wichtig für das Setting und die Zeit?
Der Film spielt Ende der 90er / Anfang 2000er Jahre, als ich selbst im Alter des jungen Protagonisten war. Mein Ziel war es, die Technologie und die Medien dieser Zeit, meinen Erinnerungen entsprechend darzustellen. So basieren alle medialen Inhalte auf Content, den ich als Kind im Fernsehen konsumiert habe. Die Zeichentrickserie „Dante, der Hundedetektiv“ basiert zum Beispiel auf einer Kombination von diversen animierten Serien aus dieser Zeit, etwa „Spongebob Schwammkopf“, „Darkwing Duck“ und „Oggy & die Kakerlaken“. Auch Kochshows und Naturdokumentationen gehörten zu den gängigen Fernsehinhalten, die ich unter anderem auch zusammen mit meinen Eltern geschaut habe. Auf der narrativen Ebene war es dann extrem spannend für mich, die verschiedenen Fernsehwelten mit der realen Welt zu verflechten. So folgt auch die gesamte Handlung des Kurzfilms der narrativen Struktur einer TV-Episode von „Dante der Hundedetektiv“. Durch die parallelen Handlungsstränge probiere ich, die mediale Immersion auf die Spitze zu treiben.
Wichtig für die Handlung und die Verortung in den 1990ern waren auch die Designs der technischen Apparate. Ich wollte ein analoges Gefühl vermitteln mit klassischen Röhrenfernseher, Discmans und großen Desktop-Computern. Wichtig war mir auch die Abwesenheit von Smartphones, weil diese auch in dieser Zeit nicht vorkamen.
Auch die Nachbarschaft, in welcher die Geschichte spielt, ist an meine Kindheitserinnerungen angelehnt. Alle Personen und Schauplätze sind aber zu 100% fiktiv.
Auf visueller Ebene arbeitest Du stark mit Farben – kannst Du mir mehr zu Deinem visuellen Konzept erzählen?
Es war von Anfang an meine Idee, die Bildschirmwelten und die Realität in zwei verschiedenen Farbtönen darzustellen und somit voneinander zu trennen. Ich denke das Separieren hilft der Verständlichkeit der Geschichte enorm, da man so die verschiedenen Handlungs- und Realitätsebenen besser unterscheiden kann. Die Bildschirmwelten erscheinen in blauem und violettem Licht, welches primär die Wellenlängen sind, welche von Bildschirmen ausgesendet werden. Im Kontrast dazu wollte ich die echte Welt komplementär in eher gelbes und orangenes Licht tauchen, als wäre es das fotografische Negativ davon.
Außerdem wollte ich, dass die Welten im Fernseher hell, faszinierend und traumhaft wirken, die Realität im Gegenzug aber eher trist, dunkel und abschreckend. Der entstehende Kontrast sollte die faszinierende Anziehung des TVs zusätzlich verstärken.
Sind die Animationen am Computer entstanden? Wie lange hast Du für die Umsetzung benötigt und wie groß war Dein Team?
Der gesamte Film ist am Computer entstanden, wobei aber alle Hintergründe, Figuren und Animationen digital von Hand gezeichnet wurden. Der einzige analoge Arbeitsschritt war das Thumbnailing, welches den Zwischenschritt von Script zu Storyboard beschreibt. In diesem Schritt habe ich in hunderten kleinsten Zeichnungen die Textpassagen des Scripts das erste Mal visuell umgesetzt und auf einem großen Notizbrett angeordnet. Damit konnte ich auf einen Blick die Struktur des Films betrachten, anpassen und finalisieren. Dann habe ich die einzelnen Sequenzen digital umgesetzt und für die Animatoren vorbereitet. Während ich die Vorproduktion (Finanzierung, Script, Storyboard, Layout, Backgrounddesign) über ca. drei primär alleine, zusammen mit meinen Produzent:innen und einer Drehbuchberatung umgesetzt habe, konnte ich während der Produktionszeit mit einem Team von acht AnimatorInnen und drei Compositoren den Film in ca. sieben Monaten fertigstellen. Hinzu kommen noch die Arbeit der Sounddesigner und der Filmmusiker, welche mich während des ganzen Prozesses Teilzeit begleitet haben und dem Film den finalen Touch gegeben haben.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Wie bereits erwähnt, bin ich schon früh mit fiktiven Welten und Geschichten in Berührung gekommen und bin mit Filmen und Zeichnen in andere Realitäten geflüchtet. Für mich war also immer schon klar, dass ich auch beruflich in diese Richtung gehen möchte. Nach meiner Matura habe ich dann den einjährigen gestalterischen Vorkurs an der Hochschule Luzern absolviert und habe die Liebe zur Animation entdeckt, welche meine zwei Passionen perfekt vereint: den Film und das Zeichnen. Anschließend habe ich 2D-Animation ebenfalls in Luzern studiert und 2015 mit meinem Abschlussfilm „Ruben Leaves“ abgeschlossen. Glücklicherweise konnte ich mit dem Film einige Erfolge an internationalen Festivals feiern und fand so meinen Weg ins professionelle Kurzfilmschaffen. Zusammen mit Freunden aus dem Studium haben wir 2017 das Animationskollektiv „Team Tumult“ gegründet, mit welchem wir bis heute erfolgreich Kurzfilme und Auftragsarbeiten umsetzen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Im Moment arbeite ich noch nicht an einem neuen persönlichen Projekt. Gerade bin ich kurz davor, ein längeres Auftragsprojekt abzuschließen: einen Kurzfilm für den Native America Tribe der Osage in den USA.
Ich habe aber einige Ideen für zukünftige Projekte, z.B. eine Kurzfilmadaption eines Graphic Novels eines bekannten Schweizer Autors oder ein Expanded Cinema Projekt welches ich als Kurzfilm sowie als Multimedia Installation konzipieren möchte und sich um unser Universum als Simulation und die geologische Entstehung der Erde dreht.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „TV oder Die Ruhestörung an der Waldbergstraße“