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Filmkritik: Die Dokumentation „Einhundertvier“ (Deutschland, 2022) von Jonathan Schörnig, die ihre Premiere auf dem 66. DOK Leipzig 2023 feierte und gleich vier Preise gewinnen konnte, erzählt von einem Einsatz des Rettungsschiffs „Eleonore“ der Mission Lifeline.
Kapitän Claus-Peter Reisch ist zusammen mit seiner Crew und zwei Reportern mit der Mission Lifeline im Mittelmeer unterwegs. Sein erster Maat Martin Ernst und die Praktikantin Clara Richter, die ihren ersten Einsatz hier fährt, sind in einem Beiboot unterwegs, als sie einen Notruf erhalten. Ein Schlauchboot mit 104 Geflüchteten treibt ohne Motor im Meer und verliert langsam Luft. Sogleich beginnen sie mit dem Austeilen der Schwimmwesten und der Evakuierung des Bootes, bei der aber nur wenige Menschen auf einmal zum Schiff gebracht werden können.
Der Rettungseinsatz, der 2019 erfolgte und der einzige Einsatz dieses Rettungsschiffes bleiben sollte, wird in Echtzeit gezeigt. Der Leipziger Journalist und Filmemacher Jonathan Schörnig und sein Kollege Johannes Filous waren im Auftrag des MDRs an Bord des Schiffes und haben dieses sowie das Beiboot mit mehreren Kameras ausgestattet. So sieht das Publikum durch einen Splitscreen die Ereignisse meist gleichzeitig von vier Standpunkten. Dabei wechseln die Positionen und Kameras und manchmal wird der Blick des Publikums auf eine Aufnahme konzentriert, in dem man nur diese zu sehen bekommt. Der gesamte Einsatz dauert 93 Minuten und wir nehmen die vergehende Zeit durch eine eingeblendete Zeitanzeige stetig wahr. Das Publikum hält bei den Aufnahmen unweigerlich den Atem an. Man erfährt ganz unmittelbar, wie die Einsatzkräfte ihr Leben riskieren, wie sie um das Leben aller kämpfen und wie sehr das alles an den Nerven zehrt. So nah hat man so einen Einsatz als Kinogänger:in noch nie erlebt. Es geht sofort unter die Haut und hallt lange in den Köpfen nach.
So ist es nicht verwunderlich, dass der Film, der im Wettbewerb Dokumentarfilm des 66. DOK 2023 lief, gleich vier Preise gewann: den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, die Goldene Taube Langfilm, den Filmpreis Leipziger Ring sowie den ver.di Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness. Nun startete er in den Kinos und ist eine Film, der nichts erklären muss, sondern mit seinen Bildern die Zuschauer:innen abholt und die Dringlichkeit sowie Notwendigkeit für Veränderungen klar macht. Denn am Ende des Films, eingedampft auf wenige Minuten, erlebt das Publikum noch eine weitere Unverantwortlichkeit. Das Schiff darf acht Tage lang nicht im Hafen von Malta anlegen und zwingt die Menschen noch länger auf dem Boot bei Wind und Wetter auszuharren.
Fazit: „Einhundertvier“ ist eine Echtzeit-Dokumentation, welche mit verschiedenen Kameras mit Hilfe eines Splitscreens die Arbeit der Besatzung eines Rettungsschiff zeigt, wie diese 104 Geflüchtete von einem Gummiboot mitten im Mittelmeer bergen. Dabei überträgt sich die enorme Anspannung der Crew wunderbar auf das Publikum, zeigt die Hürden und Probleme, aber auch die durchdachte Planung und die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Bewertung: 8,5/10
Kinostart war am 23. Mai 2024
Trailer zum Film „Einhundertvier“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- 66. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2023 – Katalog (Programm ‚Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm‘)
- Christine Schäfer, ‚EINHUNDERTVIER: Goldene Taube für Film über Seenotrettung‘, dokumentarfilm.info, 2023
- René Loch, ‚DOK Leipzig: Filme, die wenig Hoffnung machen‘, l-iz.de, 2023
- Ida, Nora, Miriam, Gesine & Lina, ‚Rettung auf der gefährlichsten Fluchtroute der Welt‘, dok-spotters.de, 2023
- Jannek Suhr, ‚Kritik zu Einhundertvier‘, epd-film.de, 2024