Acht Fragen an Tomás Pichardo-Espaillat

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem dominikanischen Filmemacher und Animator Tomás Pichardo-Espaillat konnten wir mehr über seinen ersten Langfilm „Olivia & the Clouds“ (OT: „Olivia & Las Nubes“), der auf dem 67. DOK Leipzig 2024 seine Deutsche Premiere feierte, erfahren. Er erzählt, welchen Stellenwert der Magische Realismus hier einnimmt, wie er die Geschichte in unterschiedlichen Stilen umgesetzt hat und was der Film von seinem Land erzählt. 

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir mehr zu der Entstehung Deiner Geschichte erzählen?

Die Geschichte bestand ursprünglich aus ein paar Kurzfilm-Ideen, die nie verwirklicht wurden und bei denen ich mit der Zeit merkte, dass sie sich auf dieselben Figuren bezogen. Mit der Zeit fügte ich weitere Elemente hinzu und ließ Ideen aus meinem eigenen Leben und von den Menschen um mich herum einfließen.

Welche Rolle spielt der magische Realismus für diesen Film?

Ich glaube, das kommt durch die Art, wie ich die Welt sehe und wie ich aufgewachsen bin. Ich war ein sehr naives Kind mit viel Fantasie und viel Zeit für sich selbst. In diesen Jahren habe ich meinen Alltag immer wieder neu interpretiert. Ich fügte Elemente und verschiedene Sichtweisen hinzu und verstand, was geschah. Als ich erwachsen wurde, hat sich das auch in meiner eigenen Arbeit niedergeschlagen, besonders in diesem Film. Die Metaphern, die ich verwende, sind die Art und Weise, wie ich diese spezifischen Gefühle ausdrücke und verstehe.

Du hast mit mehrere Animatoren zusammen gearbeitet? Mit wie vielen? Und wie verlief ihre Zusammenarbeit?

Für die visuelle Gestaltung hatten wir ein Team von elf Animatoren, drei Illustratoren, ein Grafikdesigner und ein Kameramann.

In meinem Land (Dominikanische Republik) ist die Animationsszene noch sehr klein. Als ich vor zehn Jahren mit der Arbeit an diesem Film begann, war die Szene noch kleiner, und ich musste damit beginnen, neue Animateure an einer Filmschule zu unterrichten und auszubilden. Die meisten der Animatoren in unserem Team sind ehemalige Schüler von mir. Da ich sie gut kenne und weiß, wozu sie fähig sind und wozu nicht, wusste ich, was ich jedem von ihnen zuweisen musste. Und in diesen Sequenzen, in denen ihre Arbeit involviert ist, habe ich in gewisser Weise die Rolle eines Skulpteurs übernommen. Ich nehme Material von ihnen, einige dieser Bilder sind narrativ und folgen genau dem, was im Animationsfilm oder im Storyboard steht. Andere Sequenzen oder Elemente waren eher nicht-narrativ oder abstrakt, und es war meine Aufgabe, beides zu kohärenten Szenen zusammenzufügen. 

Durch die verschiedenen Hände gibt es viele Stile – gab es eine Richtschnur für sie oder lag Dir die Vielfalt am Herzen? Haben sie die anderen Animationen gesehen oder aber sie unabhängig voneinander gearbeitet?

Joery Santos Gomez im Filmgespräch zu “Olivia & the Clouds” beim 67. DOK Leipzig

Da es in meinem Land nur eine sehr kleine Szene von Animationskünstlern gibt, kommen alle verfügbaren Animationskünstler aus unterschiedlichen Bereichen oder mit unterschiedlichen Arbeitsweisen. Daher war es zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, einen Spielfilm in einem bestimmten Stil mit ausschließlich einheimischen Animateuren zu drehen. Was wir uns ausgedacht haben, war, dass jeder Animator und Illustrator seine eigene Arbeitsweise, seinen eigenen Stil mitbringt. Ich fand, dass dies sehr gut mit dem Konzept der Erinnerung und den verschiedenen Sichtweisen der Figuren zusammenpasste. Also haben wir uns das noch mehr zu eigen gemacht. Wir begannen, bestimmte Techniken oder Stile zu definieren, die auf den Persönlichkeiten der Figuren basieren oder darauf, was wir in jedem Moment des Films ausdrücken wollten.

Sie arbeiteten alle unabhängig voneinander, jeder in seinem eigenen Atelier. Ich war der verbindende Faktor zwischen ihnen allen. Die Bar/Bachata-Sequenz wurde zum Beispiel von sechs Animatoren gemacht, ohne Animationsplan oder Storyboard. Keiner von ihnen wusste, was die anderen taten. Ich wusste im Vorfeld nicht einmal, wie diese Sequenz am Ende aussehen würde. In diesen Sequenzen habe ich die Animateure wie Schauspieler oder Performer behandelt. Für einige von ihnen beschrieb ich die Szenarien in allen Einzelheiten, für andere erwähnte ich nur ein bestimmtes Gefühl oder einen Ausdruck, den ich in dieser Szene vermitteln wollte. Und als ich ihre endgültigen Arbeiten erhielt, wurde es für mich zu einem Prozess, in dem ich herausfinden musste, wie ich ihre Arbeit zu einer kohärenten Erzählung kombinieren konnte.

Wenn Du Deinen Film mit Deinem Land verknüpfst – was sagt der Film über die Gesellschaft und die Menschen vor Ort aus?

Meine Arbeit wird immer von meiner Umgebung beeinflusst. Ich habe in verschiedenen Ländern gelebt, und ich habe gemerkt, dass sich das direkt auf die Art und Weise auswirkt, wie ich meine Geschichten animiere und erzähle. Bei diesem Film habe ich die meiste Zeit in Santo Domingo, meiner Heimatstadt, verbracht. Und dieser Einfluss ist im ganzen Film zu sehen. Das Chaos in der Stadt, die gegensätzlichen Gebäude und Geschäfte, der ständige Lärm. Das prägt das Gefühl der Stadt und die Bilder und Töne des Films. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es viel über uns Dominikaner aussagt. Wir sind nicht direkt und drücken uns viel in Metaphern aus. Wir fügen auch unseren schrecklichsten Momenten einen Hauch von Komik hinzu.

Ich bin total verliebt in die tolle Musik. Kannst Du mir mehr darüber erzählen?

Cem Mısırlıoğlu, der Komponist, ist einer meiner ältesten und besten Kollaborateure. Wir haben schon bei mehreren Projekten zusammengearbeitet. Wir haben uns in New York bei einem Kombinationskurs kennengelernt, bei dem Animatoren und Jazzmusiker zusammengekommen sind, und durch Zufall wurden wir ausgewählt, um als Duo an dem Projekt des Kurses zu arbeiten. Von da an haben wir an allem gearbeitet, von Musikvideos über Auftragsarbeiten bis hin zu Kurzfilmen und jetzt mit „Olivia & the Clouds“. Ich habe das Gefühl, wir arbeiten wie in einem Gespräch. Ich erschaffe etwas, und er reagiert darauf, und mit dem, was er erschafft, reagiere ich wieder drauf, oder umgekehrt. Unsere Arbeit ist eng mit der des Anderen verbunden. Sie verändert und beeinflusst den anderen. Für diesen Film wollte ich, dass er sich anhört, wie Santo Domingo klingt. Also reiste er in das Land, um Musik- und Klangforschung zu betreiben. Ich wollte, dass er den Fluss hört, an dem ich aufgewachsen bin, dass er den Markt in der Nähe meiner Wohnung hört. Und er sollte die Erfahrung machen, einheimische Instrumente zu spielen. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich arbeite an Animationen, seit ich 15 Jahre alt bin. Anfangs sah ich mich nicht als Animator, ich wollte Realfilme machen. Das echte Leben filmen. Während der Schulzeit hatte ich keine Kamera, und ich war zu schüchtern, um mit Schauspielern zu arbeiten oder Freunde zu bitten, in meinen Filmen mitzuspielen. Also habe ich Animationen gemacht, in der Hoffnung, dass ich diese Geschichten später durch Filme ersetzen könnte. Nach ein paar Jahren dieser Arbeit wurde mir klar, dass ich ein Animator geworden war. 

Aber schon seit meiner Jugend war die Idee, einen Spielfilm zu machen, ein Traum. Daraus wurde ein Lebenstraum. Für diesen Film habe ich zehn Jahre gebraucht, und selbst wenn ich 20 Jahre gebraucht hätte, würde ich immer noch mit Freude daran arbeiten. Denn ich hatte immer das Gefühl, dass ich diesen Traum verwirklichen würde. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich entwickle einen neuen Film, in dem es darum geht, die Liebe am Ende der Welt zu finden. Dieses Mal arbeite ich als Duo und teile mir alle Rollen in dem Film. Wie ich bereits erwähnt habe, bin ich immer noch ein wenig schüchtern, daher sind die Filme, die ich mache, meine Art, mit Menschen in Kontakt zu treten und meine eigenen Gefühle auszudrücken. Die Idee, die Entstehung eines Films mit jemandem zu teilen, ist für mich die höchste Form der Verbindung.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Olivia & the Clouds


Interview: In our conversation with Dominican filmmaker and animator Tomás Pichardo-Espaillat, we were able to find out more about his first feature film „Olivia & the Clouds“ (OT: „Olivia & Las Nubes“), which celebrated its German premiere at the 67th DOK Leipzig 2024. He talks about the importance of magical realism here, how he realized the story in different styles and what the film tells us about his country.

Can you tell me more about the origins of your story?

The story was originally a few short-films ideas that never came to be, that with time I realized they were referring to the same characters. With time I started adding more elements, and incorporating ideas from my own life and the people around me.

What role does magical realism play in this movie?

I feel it comes from the way I see the world and also the way I grew up. I was a very naïve kid with a lot of imagination and alone time. During those years I did a lot of reinterpretations of my day to day. Adding elements and different ways of seeing and understanding what was happening. As I grew up, that also got translated into my own work, especially with this film. The metaphors I use are the way I express and understand those specific feelings.

Did you work with several animators? How many? And how did their collaboration work?

For the visuals we had a team of 11 animators, 3 illustrators, 1 graphic designer and 1 cinematographer.

In my country (Dominican Republic) the animation community is still very small. When I started creating this movie 10 years ago, the community was even smaller and I had to start teaching and forming new animators at a film school. Most of the animators in our team are former students of mine. Because I know them well, in what they were capable of doing or not doing, I knew what to assign to each of them. And in these sequences where their work is involved, I assumed the role of a sculptor in a sense. I’m taking material from them, some of those images are narrative and were following exactly what the animatic or the storyboard said. Other sequences or elements were more non-narrative or abstract in nature, and it became my role to mix both together into cohesive scenes. 

The different involved people had many different styles – was there a guiding principle for them or was the variety important to you? Did they see the other scenes or did they work independently?

Having a very small community of animators in my country means that all of the animators available come from different backgrounds, or different ways of working. Therefore, the idea of making a feature film in just one specific style using only local animators was not possible at that particular time. What we came up with was for each animator and illustrator, to bring their own way of working, their own style. I found that it worked really well with the concept of memory and characters having different points of views. So we embraced that even more. And started defining particular techniques or styles based on the personalities of the characters or what we wanted to express at each moment of the film.

They all worked independently from each other, each in their own studios. I was the connecting factor among all of them. For example the bar/bachata sequence was made by six animators, with no animatic nor storyboard. None of them knew what the others were doing. I didn’t even know beforehand what that sequence was going to look like at the end. In these sequences, I treated the animators as actors or performers. For some of them I described scenarios in full detail, for others I just mentioned a particular feeling or expression I wanted to get across in that scene. And when I got their final work, it became a process for me of understanding how to combine the work they did into a cohesive narrative.

When you connect your film to your country, what does it say about the society and the local people?

My work is always influenced by my surroundings. I lived in different countries, and I noticed it directly affects the way I animate and tell my stories. With this film, I spent most of my time in Santo Domingo, my hometown. And I can see its influence all over the film. The chaos of the city, the contrasting buildings and business, the constant loud noises. That is in sense of how the city feels and the visuals and sounds of the film. But I also feel it tells a lot about us Dominicans. We’re not direct and express a lot in metaphors. We also add flavors of comedy to our most terrible moments.

I am totally in love with the great music. Can you tell me more about it?

Cem Mısırlıoğlu, the composer, is one of my oldest and greatest collaborators. We’ve been working together for several projects. We met in NYC during a combine class, mixing animators and jazz musicians, and by chance we got selected to work as a duo on that class project. From there forward we have worked on everything, from music videos, to commission work, to short-films and now with „Olivia & the Clouds„. I feel we work like if it was a conversation. I create something and he reacts to it, and with what he creates, I react back to it, or vice-versa. Our work is deeply connected one to the other. It changes and affects the other. For this film, I needed for him to listen to the way Santo Domingo sounds. So he came to the country to do music and sound research. I wanted him to listen to the river that I grew up in, to listen to the market near my apartment. And to experience playing local instruments. 

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to make the movie?

I’ve been working on animation since I was 15 years old. At first I didn’t see myself as an animator, I wanted to make live-action films. Filming real life. During high-school I didn’t have a camera and I was too shy to work with actors or to ask friends to act in my films. So I did animations in the hope that later on in my future I could replace those stories with film. After a few years of working this way I realized I had become an animator. 

But ever since very young the idea of making a feature length film was a dream. It became a dream of a lifetime. Making this film took me 10 years to make, and even if it had taken me 20 years, I would still be there happily working on it. Because it always felt I was making this dream come true. 

Are there any new projects planned?

I’m developing a new film, about finding love at the end of the world. This time around working as a duo, sharing all my roles in the film. As I mentioned before, I’m still a bit shy, so the films I make are my way to connect with people, to express my own feelings. The idea of sharing the making of film with someone else, is for me the highest form of connection.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Olivia & the Clouds

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