Neun Fragen an Chris Gude

Doreen Kaltenecker

Interview: Im Gespräch mit dem kolumbianischen Regisseur Chris Gude konnten wir mehr über seine Dokumentation „Morichales“ erfahren, die auf dem 67. DOK Leipzig 2024 ihre Weltpremiere feierte, warum er sich dafür entschied, auf 16mm-Filmmaterial zu drehen und ein anachronistisches Voice-Over einzubauen. Außerdem erzählt er uns, wie er mit diesem Film eine Trilogie zum Abschluss bringt.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu Deinem Film entstanden?

Die Geschichte des Goldes in Venezuela habe ich 2009 kennengelernt, als ich mit einem Freund in einer der größten Minen des Landes ankam, um in einem Spirituosenladen zu arbeiten. Ich fand mich in einer Gemeinschaft von Menschen wieder, die in einem Fieber vereint waren, das durch Adrenalin und die Sucht, die die Jagd nach Schätzen begleitet, genährt wurde, und diese Erfahrung hat mich in den folgenden Jahren geprägt. Ich drehte meine ersten beiden Filme in Kolumbien – einen in der Unterwelt der kleinen Drogenhändler in Medellín und einen weiteren über den Schmuggel von Benzin und Whiskey an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze -, aber mit der Idee, einen dritten Film über Gold zu drehen, um eine Trilogie über den illegalen Handel mit verschiedenen Waren zu vervollständigen, die ebenfalls mit Risiko, Magie und Verführung aufgeladen sind.

Über welchen Zeitraum hast Du gedreht?

Zwischen 2009 und 2019 habe ich auf verschiedenen Reisen ein wenig Material gefilmt, aber erst 2022 hatte ich endlich die Ressourcen, um den Großteil des Materials für das Projekt über einen Zeitraum von fast neun Monaten zu drehen. Im Jahr 2023 entwarfen und drehten wir dann den größten Teil der illustrativen Komponente des Films.

Du hast auf 16mm gedreht – welche Herausforderungen hat das mit sich gebracht?

Die wichtigsten Einschränkungen der 16-mm-Kamera waren, dass sie keine synchronisierten Tonaufnahmen erlaubte und dass die maximale Aufnahmedauer nur 28 Sekunden betrug, zwei Faktoren, welche die Struktur des Projekts vollständig beeinflussten. Weitere Herausforderungen bei den Dreharbeiten mit Film waren der monatelange Transport durch heiße und feuchte Bedingungen, die das Material beschädigen, und die weite Entfernung zu den Labors, in denen ich den Film entwickeln und sehen konnte, was ich gefilmt hatte. Die Durchquerung des venezolanischen Bergbaugürtels mit einer handbetriebenen Kamera ohne Tonausrüstung war die einzige Möglichkeit, diesen Film zu drehen, denn die verwendete Bolex-Kamera hat einen anachronistischen Aspekt, der es mir ermöglichte, in Gegenden zu reisen und zu filmen, in denen eine moderne Kamera als Bedrohung angesehen worden wäre, obwohl sie in vielerlei Hinsicht einschränkend war.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Es gibt zwei Hauptelemente im Goldminengebiet von Venezuela, die mein visuelles Interesse geweckt haben: die beeindruckende Landschaft, in die der Bergmann eingetaucht ist, und die mühsame Arbeit, die er verrichtet. Ich fühlte mich sowohl von der Betrachtung der Schönheit und des Wertes der Schöpfung angezogen – deren Ursprung ein unvorstellbares kosmologisches Ereignis ist – als auch von der physischen Anstrengung des Bergarbeiters, der mit seiner Arbeitskraft und alchemistischen Technik die Elemente der Schöpfung manipuliert.

Dein Off-Kommentar wird von einem Sprecher eingesprochen, der nicht nur rein sachlich die Fakten erzählt, sondern auch dramatisiert. Kannst Du mir dazu erzählen?

Mir ist klar, dass ein wissenschaftliches Voice-Over heutzutage ein sehr anachronistischer Ansatz für einen Film ist, aber ich war daran interessiert, die autoritäre Stimme des Erzählers im Allgemeinen in Frage zu stellen. Und ich war fasziniert von einem Erzähler, der beginnt, seine eigenen Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu hinterfragen, und der schließlich nach einer Form des Wissens strebt, die über die Wissenschaft hinausgeht.

Ich fand das Sounddesign großartig. Was war Dir dabei wichtig?

Ich danke dir! Da es keinen mit dem Bild synchronisierten Ton gab, hatten wir mehr Freiheit bei der Gestaltung der Klanglandschaft des Films. Mein Bruder und der Komponist Max Gude entwarfen schon sehr früh ein komplexes musikalisches Gerüst aus Tönen, Melodien und Schwingungen, das dem spiralförmigen Auf und Ab des Bergbaus ähnelt, nicht nur in seinen technischen Methoden, sondern auch in der Natur, die ihn beherrscht.

Wann hat man in Europa nochmal die Gelegenheit Deinen Film zu sehen?

Es gibt noch keine bestätigten Termine, aber haltet Ausschau nach Festivals im Jahr 2025.

Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich bin Amerikaner und ging 2006 nach Medellín, Kolumbien, um in einer Geflüchtetenunterkunft für Binnengeflüchtete zu arbeiten. Dort begann ich eine Freundschaft mit Jorge Gaviria, der Körper und Stimme meiner ersten Filme werden sollte. Gleichzeitig entwickelte ich eine besondere Faszination für die Welt des informellen Goldabbaus, seit ich 2009 mit meinem kolumbianischen Freund David Sánchez zum ersten Mal venezolanische Minen besuchte. Dreizehn Jahre später war ich endlich in der Lage, einen längeren Zeitraum in der Region zu verbringen, um den Film zu Ende zu drehen.

Sind schon neue Projekte geplant?

Ja. Ich möchte weiterhin einige Video-Essays über den Extraktivismus in der Region machen, insbesondere über das Seegurkentauchen in der Karibik.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Morichales


Interview: In our conversation with Colombian director Chris Gude, we were able to find out more about his documentary „Morichales„, which celebrated its world premiere at the 67th DOK Leipzig 2024, why he decided to shoot on 16mm film stock and incorporate an anachronistic voice-over. He also tells us how he is bringing a trilogy to a close with this film.

Where did the idea for your movie originate?

I came to the story of gold in Venezuela in 2009 when I arrived at one of the largest mines in the country with a friend to work at a liquor store. I found myself in a community of people united in a fever fed by the adrenaline and addiction that accompanies the hunt for treasure, and that experience impacted me through the following years. I went on to make my first two films in Colombia – one in the underworld of small time drug traffickers in Medellín and another dealing with gasoline and whiskey smuggling on the Colombian-Venezuelan border – but with the idea of making a third film about gold to complete a trilogy about the illegal trade of different commodities similarly charged with risk, magic and seduction.

Over what period of time did you film?

I filmed a little bit of footage over the course of various trips between 2009 and 2019, but it was in 2022 when I finally had the resources to shoot most of the footage for the project over a period of almost nine months. Then in 2023, we designed and filmed most of the illustrative component of the film.

You shot on 16mm – what challenges did that present?

The main restrictions of the 16mm camera were that it did not allow the recording of synchronized sound and that the maximum shot duration was only 28 seconds, two factors which completely influenced the structure of the project. Other challenges in shooting with film were transporting it for months through hot and humid conditions that damage the stock and being far away from laboratories to develop the film and actually see what I was filming. But although limiting in so many ways, transiting the Venezuelan mining belt with a hand-cranked camera without sound equipment was the only possible way to shoot this film because the Bolex camera that was used has an anachronistic aspect that allowed me to travel and film through spaces where a modern camera would have been seen as a threat.

What was visually important to you?

There are two main elements in the gold mining territory of Venezuela that guided my interest visually: the impressive landscape in which the miner is immersed and the arduous toil of his labor. I was drawn both towards the contemplation of the beauty and value of creation – the source of which is an inconceivable cosmological event – and the physical endeavor of the miner, whose labor power and alchemical engineering manipulates the elements of creation.

Your voice-over commentary is recorded by a narrator who not only tells the facts in a purely factual way, but also dramatizes them. Why did you decide on that approach?

I recognize that a scientific voiceover is a very anachronistic approach to making a film nowadays, but I was interested in questioning the authoritative voice of the narrator in general. And I was fascinated by a narrator that begins to question his own observations and conclusions and who eventually strives for a form of knowledge that transcends science.

I thought the sound design was great. What was important to you?

Thank you! Since there was no synchronized sound with the image, we felt a greater freedom in constructing the soundscape of the film. From very early on in the process, my brother and composer Max Gude conceived a complex musical framework shaped by tones, melodies, and vibrations that resemble the spiral ebbs and flows imbued in mining, not only in its technical methods but in the nature that governs it.

When will people in Europe have the opportunity to see your movie again?

There are no confirmed dates yet, but keep an eye out for festivals in 2025.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to make the movie?

I’m an American who in 2006 went to Medellín, Colombia to work at a refugee shelter for internally displaced persons. There, I started a friendship with Jorge Gaviria, who would become the body and voice of my first films. At the same time, I developed a particular fascination with the world of informal gold mining ever since visiting Venezuelan mines for the first time in 2009 with my Colombian friend David Sánchez. Thirteen years later, I was finally able to spend an extended period in the region to finish shooting the film.

Are there any new projects planned?

Yes. I would like to continue making some video essays about extractivism in the region, in particular one about sea cucumber diving in the Caribbean.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the film „Morichales

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