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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher und Animationskünstler Martin Schmidt konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Lines“ erfahren, der auf dem 67. DOK Leipzig 2024 seine Deutsche Premiere feierte, wie der Kampf der Linien ein Ausdruck seiner persönlichen Erfahrungen ist und mit welchen Mitteln er es geschafft hat, den Linien in der Kürze der Zeit so viel Leben einzuhauchen.
Wie ist die Idee zu Deinem abstrakten Kurzfilm entstanden?
„Lines“ ist ein archetypischer Kampf, reduziert auf zwei Farben, die um Raum auf der Leinwand kämpfen. Ich wollte schon seit längerer Zeit etwas machen, das in der äußeren Form ganz reduziert ist. Mir sind immer wieder die abstrakten Filme von Oskar Fischinger und Norman McLaren in den Sinn gekommen, speziell „Lines Horizontal“ und „Lines Vertical“ von Evelyn Lambart und Norman McLaren aus den 1960ern.
Vor ein paar Jahren hatte ich dann so etwas wie einen Burnout oder eine Depression mit Panikattacken über eine lange Zeit hinweg. Die körperlichen Symptome sind ganz real und beängstigend. Habe ich eine schlimme Krankheit?, fragt man sich dann ziemlich schnell. Wenn man so eine Panikattacke ein paar mal erlebt hat, kommt die Angst vor der Angst hinzu: Hoffentlich passiert mir das nicht, wenn ich im Auto sitze, im Meeting bin, etc. Alles hat sich wie eine Gefahr angefühlt.
Ich musste mich teilweise mehrere Stunden lang mit Entspannungsübungen ins Bett legen, um damit klarzukommen. Am Ende hat mir eine Therapie die Einsichten gegeben, um langfristig frei zu werden. Was mich nachhaltig beeindruckt hat, war wie sich meine Perspektive auf die Welt, während der Entspannungsübungen, für kurze Zeit um 180 Grad gedreht hat. Viele Bedrohungen haben sich aufgelöst, es sind Lösungen zu Konflikten in meinem Kopf aufgetaucht, die ich vorher niemals als Lösung empfunden hätte. Ich glaube Wut, Angst und Verzweiflung haben die Aufgabe, uns an den Punkt zu führen, an dem es nicht mehr weitergeht. Und erst in diesem Moment ist eine Veränderung möglich. Durch diese Erfahrung, verbunden mit der Erinnerung an „Lines Horizontal“, ist die Idee für „Lines“ entstanden.
Eine mögliche Interpretation wäre, dass innere Konflikte sich gegeneinander aufreiben oder man sieht es als Metapher auf politischen Wettstreit. Magst Du eine Interpretationshilfe geben?
Die persönliche Ebene habe ich schon angerissen. Die Farben Rot und Dunkelblau verstehe ich für mich als inneren Kampf zwischen Verzweiflung und Wut. Ich lasse mich immer wieder in diesen Kampf in meinem Kopf hineinziehen und versuche ihn dann aufzulösen, indem ich nicht dagegen ankämpfe, sondern die Gefühle, die dabei in meinem Körper entstehen, beobachte. Manchmal muss ich dann relativ schnell über mich lachen. Andere Male hilft nur körperliche Verausgabung, Sport. Oft entstehen diese Kämpfe in mir aus einer Abweichung von Erwartung und Wirklichkeit. Oder aus einer Kombination aus Schlafmangel und zu wenig Essen. Wer mich kennt, weiß dass ich das Gegenteil von einem buddhistischen Guru bin. Ich raste schon gerne zwischendurch aus.
Man kann den Kampf der Farben durchaus auch als eine Anspielung auf eine starke politische und gesellschaftliche Polarisierung sehen: links gegen rechts, autoritär gegen liberal, arm gegen reich, Minderheiten gegen die Mehrheit, eine Religion gegen die andere, der Westen gegen den Osten. Eine Art Panikattacke auf globaler Ebene. Keiner sieht einen Ausweg aus dem Kampf. Die Mitte wird von den Rändern immer weiter aufgerieben und ordnet sich den Polen zu. Die einzige Möglichkeit ist dagegen zu halten, wenn man nicht zerquetscht werden will. Es gibt keine verschwimmenden Übergänge zwischen politischen Haltungen, nur noch harte Fronten. Kein Verständnis, kein Zuhören, kein Sinn für die Blind Spots der eigenen Ideologie. Und diese Blind Spots gibt es nicht nur am rechten politischen Rand, sondern genauso ganz links und in der Mitte. Was die Mitte vom radikalen Rand abhebt, ist die Möglichkeit eines Diskurses, nicht nur ein gegenseitiges Anschreien. Ein Diskurs könnte dazu führen, dass man die Blind Spots in seiner eigenen Weltsicht entdeckt. Was wiederum zu etwas mehr Demut und Unsicherheit führen könnte. Daraus entsteht dann eventuell eine Annäherung und Grenzen werden durchlässig. Ich sehe das Kämpfen aber nicht als grundsätzlich schlecht an. Und möchte auf keinen Fall vorherrschende Kämpfe schlecht machen. Jeder Kampf ist wichtig für die Beteiligten, ob auf persönlicher oder globaler Ebene. Daher benutze ich auch keine abgeschwächte Form des Wortes. Kämpfe und negativ belastete Emotionen, wie Wut und Angst, legen Probleme offen, stoßen uns auf Bedürfnisse, die vernachlässigt oder verletzt wurden. Sie erzwingen eine Veränderung. Gewalt und Krieg möchte ich ebenfalls nicht rechtfertigen. So weit sollte es bei keinem Kampf kommen. Dennoch sind sie eine Realität.
Wie geht man damit um? Wie löst man all diese Kämpfe auf? Stärke ich den Gegner durch meine Opposition? Welche Gegner werden schwächer, wenn man nicht gegen sie kämpft? Welche Gegner sind überhaupt real? Wie schaffe ich es, nicht zu kämpfen? Diese Fragen beschäftigen mich. Wer möchte, darf „Lines“ als Utopie nach John Lennon sehen: „Imagine all the people…“. Für mich ist es jedoch ein Film über eine praktische Überlebensstrategie.
Ich mag, dass die Linien beinahe lebendig werden. Was war Dir visuell wichtig?
Am wichtigsten war mir, dass sich die Linien und Flächen wie Charaktere mit eigenem Wille anfühlen. Ich komme aus der 3D Charakter Animation und fand es spannend, Farbflächen mit minimalen Mitteln zum Leben zu erwecken. Die Vibration an den Grenzlinien zeigt die steigende Spannung zwischen den Farben. Die Muster, die der Kampf produziert, haben eine gewisse Ordnung, Symmetrie, einen Rhythmus und Schönheit. Bei einem Kampf zuzuschauen ist etwas, das Menschen seit jeher anzieht. Ein Kampf fühlt sich unter Umständen sinnstiftend, gut, großartig an. Besonders wenn man sich im Recht fühlt, moralisch überlegen. Das gilt auch für Kämpfe, die nicht durch körperliche Gewalt ausgetragen werden.
Ich wollte ein hektisches Farbenspiel zeigen, nicht einfach nur chaotische Bilder. Ein Ringen auf dem Weg zu einer bleibenden, positiven Veränderung. Das Allerwichtigste ist, dass die Auflösung nicht aus den kämpfenden Parteien heraus entsteht. Sondern aus einem Charakter, den wir zuvor eventuell gar nicht wahrgenommen oder als Hintergrundfarbe eingeordnet haben. Die Hauptfigur wird durch die aktiv kämpfenden Farben zerteilt, zerquetscht und fast komplett aufgerieben. Erst im allerletzten Moment vor ihrem Verschwinden findet sie eine Stärke und gewinnt den Kampf ohne zu kämpfen. Dabei löst sie alle Grenzen auf.
Das Sounddesign ist sehr gut. Kannst Du mir mehr dazu erzählen?
„Lines“ ist in vielen Iterationen in Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponist Thomas Höhl sowie dem Sound Designer Christian Wittmoser entstanden. Es war also nicht so, dass das Bild fertig war und dann Musik und Sound darauf komponiert wurden. Thomas hat früh begonnen, erste musikalische Themen auf die Animation und den Schnitt zu komponieren. Daraufhin hat sich der halbe Film geändert, worauf die Tonebene wieder reagiert hat. Das ging dann einige Male so hin und her.
Die Musik ist präsent und fordernd. Sie suggeriert einen allumfassenden, großen Kampf. Das Atmen hingegen ist nah und persönlich. Es zieht uns in den Zustand einer Panikattacke hinein. Jeder Kampf, egal wie unsichtbar, kann sich unglaublich dramatisch anfühlen.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich habe schon seit der Grundschule kleine Geschichten geschrieben, viel gezeichnet und gelesen. Während einem Austauschjahr in den USA habe ich im Computer Lab der High School Photoshop entdeckt und während dem Abitur erste Erfahrung mit 3D Software gemacht. Daher wollte ich Grafikdesign studieren und habe mich zur Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Kassel angemeldet. Im ersten Jahr durchläuft man dort alle Abteilungen. Das Erzählen von Geschichten hat mich an der Trickfilmabteilung fasziniert. Ich hatte das Glück, dass zu dieser Zeit Thomas Meyer-Hermann und Andreas Hykade von Studio FilmBilder die Professoren dort waren. Durch sie durfte ich schon während dem Studium erste Erfahrungen als 3D-Animator machen. Nach meinem Abschluss an der Kunsthochschule, habe ich dort einige Jahre als Künstlerischer Mitarbeiter in der Trickfilmklasse gearbeitet. In 2015 habe ich gemeinsam mit meinem Studienkollege Dennis Stein-Schomburg das Animationsstudio Raumkapsel gegründet. Heute arbeite ich als Dozent an der Filmakademie Baden Württemberg und darf Studierende bei der Entdeckung ihres eigenen künstlerischen Prozesses begleiten.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Bei Raumkapsel realisieren wir derzeit das interaktive Storygame Beihai 2010 von Yifan Zhou und das nächste Spiel mit ihr ist schon in Planung. Yifan ist eine Absolventin der Kunsthochschule Kassel. Wir freuen uns, dass immer wieder Zusammenarbeiten mit Studierenden und Absolvent:innen entstehen. Wir sind außerdem in der Finanzierungsphase für zwei TV Serien. „Selma tauscht“ ist eine Eigenkreation (Idee: Martin Baltscheit, Drehbuch: Martin Baltscheit, Jan Riesenbeck, Dennis Stein-Schomburg). „Lämmer“ ist eine Serie von Studio Film Bilder (Autor / Regie Gottfried Mentor). In der Produktionsvorbereitung befindet sich der abendfüllende 3D Animationsfilm „Deine Flecken“, bei dem wir Koproduzent sind (Hauptproduzent Studio Film Bilder, Autor: Daniel Nocke, Regie: Stefan Krohmer, Daniel Nocke, Thomas Meyer-Hermann). Mein Herzensprojekt ist derzeit „Nur ein Tag“. Gemeinsam mit meiner Kollegin an der Filmakademie, Verena Fels, und SERU Animation treiben wir dieses wunderbare TV Special nach dem Kinderbuch von Martin Baltscheit voran.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Lines“