Acht Fragen an Jon Grandpierre

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur Jon Grandpierre konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „S’Tuntschi vo Juf“ erfahren, der im Wettbewerb Mittellanger Film des 47. Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 lief, wie eine Puppe aus Berlin und eine Schweizer Sage zusammenfinden und was ihm auf visueller Ebene wichtig war, um auch die Figuren tiefer zu charakterisieren. 

Es hat alles mit einer Puppe angefangen, richtig? Wie kam die Puppe in die Schweiz und warum habt ihr euch für diese Sage entschieden?

Die Puppe kam aus einem Berliner Theaterfundus in die Schweiz. Sie wurde vor über zehn Jahren ursprünglich für eine Theaterproduktion gebaut, hat also erst durch unseren Film das Licht der Welt erblickt. 

Die Sage des „Sennentuntschi“ ist ein Schweizer Alpenmythos, einer der Mythen, die in der ganzen Schweiz bekannt sind. Sie handelt von den einsamen Bergsenn, die sich für ihre langen Sommern auf der Alp Puppen gebaut haben, u.a. als Sexpuppen. Diese Puppen werden lebendig und rächen sich für die erlebten Übeltaten. Im „Tuntschi vo Juf“ ist das Motiv des Tuntschis aber ein anderes – er sucht ja wieder die Nähe zu den Menschen.

Trotz genrehafter Element ist euer Film zutiefst menschlich. Welche Botschaft lag euch am Herzen?

Eine Botschaft würde ich mit einem Film nicht vermitteln wollen. Ob es eine gibt und welche das ist, können die Zuschauer selbst entscheiden. Im besten Fall bleibt einem noch was hängen, nachdem man einen Film gesehen hat. Bei mir sind das dann meistens die Charaktere. Im „Tuntschi vo Juf“ gehen die Charaktere auf ihre Weise mit dem Tod um. Alle kannten die Verstorbene, alle haben sie auf ihre jeweils eigene Weise geliebt und vermissen sie. Um das zu verstehen, muss für mich aber niemand heulend vor einem Portrait stehen, so ein klassisches Bild in deutschen Filmen. Mein Versuch war, das ein bisschen anders zu erzählen.

In welchem Rahmen ist Dein Film entstanden? Wo und wie lange habt ihr gedreht?

Der Film ist im Rahmen unseres Studiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln entstanden. Gedreht haben wir knapp zehn Tage in einem Tal in Graubünden.

Kannst Du mir etwas über das visuelle Konzept erzählen?

Das visuelle Konzept haben Yakob El Deeb und ich zusammen erarbeitet. Wir haben uns gut überlegt, wie wir den Tuntschi filmen wollen, d.h. wie sehr die Puppe als Puppe gezeigt werden soll. Wir haben uns gefragt, wann wir sie unheimlicher zeigen, wann freundlicher und vor allem, wie sie ihre eigene Tragikomik bekommt? Ansonsten wollten wir die Umgebung und auch das Haus mit Genremotiven aus düsteren Alpenfilmen erzählen. Obwohl es November war, hatten wir bestes Wetter – das hatten wir uns anders vorgestellt. Wegen dem strahlenden Sonnenschein ist dann übrigens auch der Kalendersatz „Der Herbst ist ja der Frühling des Winters“ hinzugekommen.

Außerdem sind mir Details sehr wichtig. Beispielsweise Elemente wie die Cowboystiefel, die Handcreme oder die Vogelscheiße auf der Windschutzscheibe sind nicht irgendwelche Gimmicks, sondern zentral für die Charaktere. Entsprechend wichtig sind sie auch für die Bildgestaltung. 

Auch die Besetzung der Rollen ist sehr gut. Worauf habt ihr beim Casting Wert gelegt? Wie kam es, dass Du selbst eine der Rollen übernommen hast?

Für mich ist es immer sehr wichtig, die richtige Sprache für eine Figur zu finden. Ich spreche kein Schweizerdeutsch, verstehe es aber gut, auch die Dialekte und Nuancen. Trotzdem war es natürlich eine Herausforderung immer den richtigen Ton und die richtige Formulierung im Schweizerdeutschen zu finden. Mit Sandra und Nadège waren zwei tolle Schauspielerinnen dabei. Für Adrian, der den Jäger Meinrad gespielt hat, war es seine erste Rolle. Auf ihn sind wir auf der Suche nach unserem Hund gestoßen. Ich dachte, dass er super zu Claude passen würde und habe die Rolle für ihn geschrieben. 

Für Claude Hajok, die Rolle, die ich gespielt habe, hatte ich eigentlichen einen Schauspieler gecastet, der leider am Tag vor dem Dreh krank geworden ist. Weil die Rolle auch schon auf Hochdeutsch geschrieben war, konnte ich dann einspringen. 

Ich finde die Musik und das Sound-Design sehr stark. Kannst Du mir mehr dazu erzählen? 

Die Musik ist von dem Duo swimming pool (Seraina Fässler und Klyl Shifroni). Im Soundtrack sollte vor allem der Tuntschi ein musikalisches Thema bekommen, das seine bedrohliche und unheimliche Seite und seine liebevolle und einsame Seite gleichermaßen aufgreift. Seraina und Klyl haben eine tolle Mischung gefunden. Einerseits gibt es die melancholischen Songs, für die sie auch die Texte zum Film geschrieben haben. Andererseits gibt es die düsteren Motive, die wir hören, wenn sich beispielsweise der Tuntschi dem Haus nähert. 

Das Sounddesign hat Paul Ziesche übernommen. Seit meinem ersten Projekt arbeiten wir eng zusammen. Er macht immer die komplette Audio-Postproduktion. Mit ihm bespreche ich aber auch den Einsatz der Musik und des Voice-Overs. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe erst Soziologie in Frankfurt studiert und nach meinem Bachelorabschluss an der KHM [Kunsthochschule für Median Köln] angefangen. Dort hatte ich dann einen Dozenten, bei dem wir jede Woche eine Szene gedreht haben, anstatt über abstrakte Filmdiskurse zu reden. In dem Seminar habe ich angefangen selbst zu spielen. Mit einer Kommilitonin zusammen habe ich Figuren entwickelt und Sketche gedreht, u.a. die Reihe „report null“. Mittlerweile mache ich auch viel auf Instagram und TikTok. Social Media ist auch eine meiner Hauptquelle für Inspiration. Dort finden die relevantesten Diskurse und gleichzeitig die interessantesten Charaktere statt – zumindest in meinem Algorithmus.

Zurzeit arbeite ich als Redakteur für das Schweizer Fernsehen in Zürich und komme im Sommer für meinen Abschlussfilm wieder nach Köln.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich schreibe am Drehbuch für meinen Diplomfilm. Der wird in meiner hessischen Heimat spielen, in einem Dorf im Taunus. Es geht um Verschwörungstheorien und drei Bäume, die als Denkmal in einen Kreisverkehr gepflanzt werden.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „S’Tuntschi vo Juf

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