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Filmkritik: Der Kurzfilm „S’Tuntschi vo Juf“ von Jon Grandpierre, der Teil des Wettbewerbs Mittellanger Film des 47. Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 war, interpretiert eine Schweizer Sage mit einem ungewöhnlichen Requisit neu.
Nach dem Tod der Mutter müssen Tochter Renata (Sandra Moser) und Enkelin Onna (Nadège Meta Kanku) das Haus ausräumen. Der Kontakt zur in der Abgeschiedenheit der Bündner Bergen lebenden Mutter war schon lange Zeit abgebrochen. Doch beim Ausräumen des Hauses und den Begegnungen mit ihren Bekannten und Nachbarn lernen sie die Verstorbene noch einmal neu kennen. Auch scheint ein weiteres Wesen Dauergast in dem Haus gewesen zu sein.
Der deutsche Regisseur Jon Grandpierre, der für seinen Studentenfilm zusammen mit Yakob El Deeb das Drehbuch geschrieben hat, bringt hier eine Schweizer Sage über Puppen, die sich rächen, mit einer unheimlichen Puppe aus einem Berliner Theaterfundus zusammen. Doch der Tuntschi und die damit einhergehenden Mythen sind eher Hintergrund der Geschichte. Im Vordergrund steht die familiäre Beziehung der drei Generationen von Frauen. Der 30-minütige Film erzählt von Entfremdung zwischen den Generationen. Hier schwingt auch eine gewisse Dysfunktionalität und Inkompatibilität der Menschen untereinander mit. Der Film zeigt im Kleinen auf, wie weit man sich auch als Familie voneinander entfernen kann und wie
unterschiedlich das Leben danach aussieht. Die Begegnungen und das Entdecken in dem Haus offenbaren der Familie Aspekte, die sie von ihrer Mutter/Großmutter nicht kannten. Gelungen ist auch das Mutter-Tochter-Verhältnis, was von Vertrauen und Offenheit geprägt ist, und zeigt, dass es anders gehen kann. Hinzu kommt etwas Genre-Horror, der sich vor allem durch den Tuntschi, der sich immer wieder anschleicht und einer gewissen Anspannung, wie die Geschichte wohl weitergeht, vermittelt wird. Abgerundet von einer guten Prise Humor, der vor allem in den skurrilen Begegnungen sich offenbart. Inszeniert ist der Film sehr dicht: Er weiß die unheimliche Atmosphäre der nächtlichen Abgeschiedenheit wie auch die Schönheit der Schweizer Bergwelt gleichermaßen zu nutzen. Hinzu kommt ein großartig besetzter Cast und ein stimmungsvolles Sounddesign sowie ein gelungener Musikeinsatz von swimming pool (Klyl Shifroni und Seraina Fässler).
Fazit: „S’Tuntschi vo Juf“ ist ein 30-minütiger Kurzfilm von Jon Grandpierre. Der Studentenfilm wartet mit einer gelungenen Mischung aus Familiengeschichte, Abschiednehmen, Schweizer Sage und Absurdum auf und schafft es auf visueller wie erzählerischer Ebene, spielerisch alles miteinander zu verbinden.
Bewertung: 4/5
Trailer zum Kurzfilm „S’Tuntschi vo Juf“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Doreen Kaltenecker, ‚Acht Fragen an Jon Grandpierre‘, testkammer.com, 2026
- Eintrag des Kurzfilms „S’Tuntschi vo Juf“ beim Filmfestival Max Ophüls Preis
- Chris Ignatzi, ‚SR.de: S’tuntschi vo juf‘, sr.de, 2026
- Eintrag des Kurzfilms „S’Tuntschi vo Juf“ an der Kunsthochschule für Medien Köln