Sieben Fragen an Leander Behal

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Leander Behal konnten wir uns über seinen neuesten Film „Heartware“ erfahren, der seine Premiere? auf den 58. Hofer Filmtage 2024, warum er sich entschied eine Geschichte über das klassische Sci-Fi-Thema Androiden zu erzählen und wie sie es geschafft haben, diese Retro-Welt in einem Seminarraum ihrer Uni aufzubauen. 

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?

Meine Ideen kommen mir oft in Form von Tagträumen. Auch in diesem Fall habe ich im Unterricht mal wieder nicht aufgepasst und mich stattdessen weggeträumt. An ferne Orte, die so eigentlich gar nicht sein können. Da entstand vor meinem inneren Auge eine retrofuturistische Eisdiele. Und mit ihr auch deren Belegschaft. Androiden, die fast alles können, was Menschen auch können. Außer: Eiscreme essen. Das führt bei Androiden nämlich unweigerlich zum Kurzschluss. Aber was, wenn ein solcher Androide einen ganz unbändigen Appetit auf diese ‚verbotene Frucht‘ bekäme? Die Idee fand ich in erster Linie ulkig. Gleichzeitig hatte sie aber auch eine inhärente Tragik. Wie muss sich so ein Androide fühlen – wenn er denn fühlen kann? Tagein, tagaus, Menschen dabei zu beobachten, wie sie genüsslich Eis vertilgen. Selbst jedoch nie zu wissen, wie sich das anfühlt. Das unterdrückte Verlangen nach Eiscreme ist aus meiner Sicht nichts anderes als der unerfüllbare Wunsch nach Menschlichkeit. Da dieser Themenschwerpunkt durch Filme wie „Blade Runner“ (1982) und „A.I.“ (2001) bereits ausgiebig behandelt wurde, stellte sich unserem Drehbuchautor Jan Lamprecht und mir die Frage: Was wurde über Androiden noch nicht erzählt? Wir kamen auf die Geschichte von Clu. Einem Androiden, der nach dem tragischen Verlust seines Arbeitskollegen plötzlich mit etwas gänzlich Unerwartetem zu kämpfen hat: Trauer. In „Heartware“ geht es also kurz gesagt um das erste Erwachen menschlicher Emotionen in einem Androiden. Für uns war aber noch viel wichtiger, dass der Film als Metapher für den menschlichen Umgang mit Gefühlen verstanden werden kann. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Impuls, Emotionen zu unterdrücken. Eine Angewohnheit, die wahrscheinlich alle Menschen bis zu einem gewissen Grad haben. Die es uns erlaubt zu ‚funktionieren‘. Aber im Leben geht es eben um mehr als nur ums ‚Funktionieren‘.

Er ist im Rahmen Deines Studiums entstanden, richtig? Wie groß war euer Team und wie viel Zeit hattet ihr für die Umsetzung?

Lee Reimers

Heartware“ entstand als Zweitjahresfilm im Rahmen unseres Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg. Am Dreh selbst waren circa 20 Leute beteiligt. In die Vorbereitungen (insbesondere den Setbau) waren aber weitaus mehr Menschen involviert. Dasselbe gilt für die Postproduktion (Musik, Sound Design, Motion Design, Compositing). Da liegen wir insgesamt bei mindestens 50 Menschen. Für die Umsetzung hatten wir etwa ein Jahr Zeit. Gedreht haben wir an fünf aufeinanderfolgenden Tagen.

Wenn man in das Sci-Fi-Roboter-Genre abtaucht, kommt man an großen Vorbildern nicht vorbei. Welche hattest Du selbst im Sinn?

An erster Stelle wahrscheinlich „Blade Runner“ (1982, bzw. den Final Cut von 2007), was wohl kaum jemanden überraschen wird. Der Film war und ist wegweisend fürs Sci-Fi-Genre und hat sich auf sehr einprägsame Weise grundlegenden Fragen gewidmet: Was macht uns menschlich? Wo verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine?

Meine persönliche Haltung zu diesem Thema ist stark vereinfacht: Es ist unser Empfindungsvermögen, das uns menschlich macht. Es mag widersprüchlich klingen, aber für mich sind die Androiden in „Heartware“ am Ende des Films genauso ‚menschlich‘ wie Du und ich. Wenn man denn daran glauben möchte, dass sie wirklich etwas empfinden. Ich bin ein großer Fan von Philip K. Dick, aus dessen Feder auch die Buchvorlage zu „Blade Runner“ stammt. Seine werkübergreifende Philosophie besagt, dass unsere Existenz nicht der äußeren Realität entspricht, sondern auf unserer inneren menschlichen Wahrnehmung beruht. Davon habe ich mich auch bei „Heartware“ leiten lassen.

Weitere filmische Inspirationsquellen waren u.a. „Brazil“ (1985), “Her” (2013), “A.I.” (2001) und „The Trouble with Being Born” (2020). Auch das Musikgenre Vaporwave und das Konzeptalbum „Time“ von Electric Light Orchestra hatten Einfluss auf unsere retrofuturistische Vision, die eher einer Vorstellung der Zukunft aus Sicht der Achtzigerjahre entspricht als einer zeitgenössischen Prognose.

Was war Dir visuell wichtig? Was war nötig, um diesen Retro-Future-Look zu schaffen?

Die Handlung von „Heartware“ spielt sich ausschließlich in der Eisdiele „Nicecream“ ab. Umso wichtiger war uns ein starker Kontrast zwischen den verschiedenen Räumen und Lichtstimmungen innerhalb der Eisdiele. Es sollte ein Ort sein, der eine „heile Welt“ vortäuscht. Hinter dessen Kulissen verbirgt sich aber das Gegenteil. Deshalb dominieren im Kundenbereich pastellige Rosa- und Blautöne, marmorierte Oberflächen und weiches, flächiges Licht. Doch sobald die Kundschaft die Eisdiele verlässt, wechselt die Beleuchtung. Die Fahrstuhlmusik verstummt, das Oberlicht wird durch kalte LED-Röhren und spärliche Practicals ersetzt. Es stellt sich eine Trostlosigkeit ein, die nicht für die Augen der Menschen bestimmt ist. Dasselbe gilt für Clus Hinterzimmer, wo stets Dunkelheit herrscht.

David Richter und Parsa Yaghoubi Pour

Der retrofuturistische Ansatz entstand aufgrund meiner Faszination für Vaporwave; einem Musik- und Kunstgenre, dass sich der Ästhetik der 80er und 90er Jahre bedient und diese auf oftmals surreale Weise mit Konsumismus, Technologie und Kapitalismus in Verbindung bringt. Vaporwave suggeriert eine Zukunft, in der übermäßiges Konsumverhalten zu technischer und kultureller Stagnation geführt hat. Eine Welt, die von Materialismus, Oberflächlichkeit und Einsamkeit geprägt ist. Diese Ästhetik war der Ausgangspunkt für unsere Szenenbildnerin Leonie Enslin und unseren Director of Photography Leon Golz. Dazu kamen dann natürlich noch ihre ganz eigenen Überlegungen und schließlich die Erkenntnis, dass wir in einem 10×10 Meter großen Seminarraum drehen müssen, weil das hochschuleigene Studio in unserem Drehzeitraum belegt ist. Es ist der genauen Planung von Leonie und Leon zu verdanken, dass wir in so einem kleinen Raum unser retrofuturistisches Set bauen konnten. Die Wände, Türen, Möbel und der Bodenbelag wurden über Wochen und Monate hinweg in der Szenenbildwerkstatt angefertigt. Eine Woche vor Dreh wurde dann alles in den Seminarraum getragen und zusammengefügt.

Deine Schauspieler:innen spielen ihre Rollen sehr gut – was war Dir bei ihrem Spiel wichtig? Nach welchen Kriterien hast Du Deinen Cast zusammengestellt?

Lee Reimers

Die größte Herausforderung war die Gratwanderung zwischen robotischem und menschlichem Verhalten. Denn im Verlauf des Films werden beide Androiden zu verschiedenen Zeitpunkten immer menschlicher. Eine Herausforderung, die sich dadurch potenzierte, dass wir unchronologisch gedreht haben. Wir mussten also ganz genau darauf achten, dass es in der Figurenentwicklung keine Sprünge gibt. Jede:r Schauspieler:in hatte dabei einen eigenen Ansatz. Marion Barten (Lia) hat mit einem Stufensystem gearbeitet. Auf einer Skala von 1 (Android) bis 7 (Mensch), wenn ich mich recht entsinne.

Auch war mir wichtig, dass die Androiden etwas Kindliches an sich haben. Besonders dann, wenn ihr Empfindungsvermögen in den Vordergrund rückt. Gefühle sind für sie etwas ganz Neues, und deshalb sollten sie diesen mit einer kindlichen Naivität und Impulsivität begegnen. Die Figur Clu habe ich immer als kleinen Jungen aufgefasst, der von den Eltern sitzengelassen wurde und nun von seiner großen Schwester eingehütet wird. Von der er dieselbe Zugewandtheit und Aufopferung erwartet – aber nicht bekommt. Da hatte ich für Lee Reimers (Clu) dann oft einfach nur das Stichwort ‚weicher‘ parat, wenn die Figur mal zu sehr ins Mannesalter rutschte. Mehr brauchte es gar nicht, um auf Kurs zu bleiben.

Mein Hauptkriterium für die Zusammenstellung des Casts war schlicht und einfach: Gelingt ihnen die oben geschilderte Gratwanderung? Schaffen sie es, mich sowohl von ihrem technischen als auch von ihrem emotionalen Innenleben zu überzeugen? Und am allerwichtigsten: Berührt mich ihr Spiel?

Mit Lee (Clu) arbeite ich seit 2017 immer wieder zusammen. Unsere erste Zusammenarbeit war mein Kurzfilmdebüt „Out of the Shell“. Er spielte außerdem die männliche Hauptrolle in „Taximann“, für den wir bei den 56. Hofer Filmtagen 2022 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurden. Ich wusste also aus langjähriger Erfahrung, dass er auch diese Rolle mit Bravour spielen würde.

Marion (Lia) hatte ich zwar selbst noch nie inszeniert, ich kannte sie aber aus mehreren Kurzfilmen von meinem guten Freund Luis Seemann. Sie war mir sehr positiv in Erinnerung geblieben, weshalb ich sie um ein eCasting bat. Als sie dann zum ersten Mal für uns Lia spielte, war glasklar, dass sie die Richtige ist.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Lee Reimers und Marion Barten

Ich habe mir lange vorgemacht, dass ich mit dem Filmemachen nichts am Hut haben will. Meine Eltern sind Schauspieler:innen und mein Stiefvater Regisseur. Es wäre also eigentlich an der Zeit, dass der Stammbaum wieder bodenständiger wird. Aber daraus ist leider nichts geworden. Meine Liebe zum Kino hat gesiegt. Wobei ich ehrlich gestehen muss, dass ich gar kein richtiger Kinogänger bin. Ich habe eine große DVD-Sammlung, die überwiegend aus Genrekino und Filmen aus den 70ern und 80ern besteht. Immer nach dem Motto: Umso obskurer, desto besser. Nachdem ich meine Jugend damit verbracht habe, unnützes Wissen über unbekannte Filme anzuhäufen, gelangte ich zur Einsicht: Ich will selbst unnütze, unbekannte Filme machen. Und wenn sie doch nützlich und bekannt werden sollten, wäre das auch nicht so schlimm. 2016 begann ich ein theoretisches Studium der Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Mit der dort neu gegründeten Freien Filmwerkstatt setzte ich meinen ersten Kurzfilm „Out of the Shell“ um. Die surreale Geschichte eines Büroangestellten, der plötzlich anfängt, Eier zu legen. In den Folgejahren habe ich viele weitere, ähnlich skurrile Kurzfilme gedreht und mich um ein Regiestudium bemüht. Es hat einige Anläufe gebraucht, bis ich dann an einer Filmhochschule angenommen wurde. Seit 2021 darf ich Regie / Szenischer Film an der Filmakademie Baden-Württemberg studieren.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja. Ich bereite gerade meinen Drittjahresfilm „Sohnemann“ vor. Um die Handlung kurz zu umreißen: Ein erfolgloser Trickbetrüger gibt sich als Sohn einer dementen Seniorin aus. Doch anstatt sich von ihm ausrauben zu lassen, versetzt sie ihn in seine längst verdrängte Kindheit zurück.

Diesmal arbeite ich als Co-Regisseur und Co-Autor mit Jan Lamprecht zusammen, der für das Drehbuch von „Heartware“ verantwortlich war. Auch unseren DOP Leon Golz, unsere Editorin Sarah Hofmann und unsere Kostümbildnerin Maxine Kränzler haben wir nach der tollen Zusammenarbeit bei „Heartware“ erneut mit an Bord. Außerdem wird meine Mutter, Michaela Behal, die weibliche Hauptrolle spielen. Gedreht wird diesen Sommer.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Heartware

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