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Interview: Im Gespräch mit der schweizer Filmemacherin und Animationskünstlerin Jadwiga Kowalska konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „The Car That Came Back from the Sea“ (OT: „Samochód, który wrócił z morza“) erfahren, der u.a. auf dem 67. DOK Leipzig 2024 und dem 40. interfilm Festival Berlin 2024 zu sehen war, wie sie die eigene Familiengeschichte darin aufarbeitet, warum der Film gerade nicht so wirken sollte, als ob er in den 80er Jahren spielt und wie sie den passenden Stil der Animationen für die Geschichte fand.
Deine eigene Familiengeschichte hat Dich zu dem Film inspiriert, oder? Kannst Du mir mehr dazu erzählen?
Ja, genau. Meine Eltern haben 1981, etwa eine Woche bevor in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde, es gerade noch geschafft, das Land zu verlassen. Sie meinten schon Wochen davor, hätte man gespürt, dass bald ‚etwas‘ passiert. Sie waren dann im Flüchtlingslager in Traiskirchen in Österreich und warteten dort darauf, welche Länder Geflüchtete aufnehmen. Zuerst nahm Australien welche, aber das schien ihnen dann doch zu weit entfernt, da die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit der Familie in Polen noch bestand. Dann nahm die Schweiz etwa 1000 Flüchtlinge. Und da sind sie dann emigriert. Sprachlich hatten sie in der Schule als Kinder/Jugendliche noch Deutsch gelernt, daher schien dies mehr Sinn zu machen. Als ich meine Mutter so im Teenager Alter darauf ansprach, warum sie Polen verlassen hatte, kam immer nur eine sehr kurze Antwort: „Es hatte nichts in Polen.“ Und damit war die Sache für sie erledigt. In meinen 30ern wollte ich mehr über diese Migration erfahren und woher meine Wurzeln stammen und habe, eher aus Zufall, angefangen einen Film darüber zu machen.
Obwohl der Film im Jahr 1981 spielt, wirkt er immer noch aktuell. Hattest Du im Sinn, auch einen Blick in die Gegenwart zu werfen?
Es war mein Ziel, dass der Film nicht wirkt, als sei er aus den 80er Jahren. Auch die Sprache im Polnischen hat viele Worte, die erst ab den 2000er Jahren geläufig wurden. Der Film sollte möglichst viele Leute im ‚Jetzt‘ ansprechen, ohne dass sie über viel Vorwissen zu dieser Zeit verfügten. Das ist am einfachsten, wenn sie sich möglichst schnell mit den Protagonisten identifizieren können. Jugendliche wie du und ich es sind oder einmal waren. Die ihre ersten Liebesbeziehungen haben, unterwegs sein wollen (ohne Eltern), tanzen und auch mal über die Stränge schlagen wollen. Das war das Ziel. Und zu guter Letzt, Migration hat es immer gegeben und wird es wohl auch immer geben. Und ob mit oder ohne Migrationshintergrund, die Suche nach der eigenen Identität bleibt ein Thema in fast jeder (Lebens-)Geschichte.
Der Stil ist einfach gehalten und in Schwarz-Weiß. Kannst Du mir mehr zum visuellen Konzept erzählen?
Während der Interviews mit meinen Verwandten habe ich bemerkt, dass ihre Erinnerungen an gewissen Stellen sehr vage waren oder sogar anders. Zuerst wollte ich dies visuell in anderen Stilen umsetzen, was dann doch zu kompliziert wurde und der Story nicht wirklich half. Aus diesen Skizzen gingen aber solche vor die mit sehr wenig Linien auskamen und passend zu der langsam verblassenden Erinnerung meiner Verwandten waren.
Auch hat es im Audio des Filmes eine solche Dichte, dass es wohl nichts gebracht hätte, dies auch noch in einem bis an den Rand ausgezeichneten, kolorierten Film gegenüberzustellen. Die Audiospur ist so reich, dass man sich vieles leichter vorstellen kann, wenn es im Bild einfach aus- bzw. weggelassen wird.
Ist das Voice-Over real eingesprochen oder realen Dialogen nachempfunden?
Die Voice-Over bestand anfangs aus den Originalinterviews mit meinen Verwandten. Es war aber zu schwierig in zehn Minuten zu erklären, wer da spricht und welche Verbindung die einzelnen Sprecher untereinander haben. Sodass bei der Weiterentwicklung ein einziger Sprecher diese ganzen Passagen einsprach und die Verständlichkeit somit viel einfacher war. Somit basiert das Voice-Over auf Interviewpassagen, während die Dialoge der Jungs frei erfunden sind.
In welchem Rahmen und über welche Zeit konntest Du Deinen Film realisieren?
Am Film habe ich zum Schluss sieben Jahre gearbeitet. Nicht 100%, immer mal wieder habe ich Pausen gemacht. Es gab Phasen, da funktionierte das Script einfach nicht und dann gab es Phasen mit Nachfinanzierungen, da der Film plötzlich doppelt so lang war wie angedacht. Dazwischen habe ich immer wieder als Illustratorin an anderen Projekten gearbeitet. Die erste Skizze zum Projekt gab es 2014 an einem Fumetto Comic Workshop mit der Finnin Mari Ahokoivu. In Produktion ging ich aber erst 2017, dazwischen hatte ich noch ein Master Studium und einen anderen Film abgeschlossen. Es waren also irgendwie immer Sachen parallel am Laufen.
Dein Film hat sich für die Oscars qualifiziert. Wie fühlt sich das an?
Nachdem der Film eine etwas ‚schwierigere‘ Finanzierungsphase hatte, wobei ich da sagen muss, dass er entweder als sehr aktuell und dringend oder als unverständlich und „wer will den schon sehen“ durch die Eingaben wahrgenommen wurde, fühlt es sich super an, dass er seinen Weg macht und gleichzeitig, nebst Jury-Preisen, auch sehr viele Publikumspreise gewinnt. Es ist schön, dass er es den Institutionen und Produktionsfirmen ‚zeigt‘, die sich nicht daran beteiligen wollten und die nicht an ihn geglaubt hatten.
Es ist schön, wie viele persönliche Kommentare von Festivalbesuchern mich erreichen, die sich sehr mit dem Film identifizieren können, obwohl sie nicht viel über die polnische Geschichte wissen, ältere Menschen, die sich an diese Zeit noch erinnern können oder ganz simpel, Secondos/Secondas, die ihre ausgewanderten (polnischen) Eltern plötzlich besser verstehen können. Es ist so gesehen mein zweiter Film, der sich für die Oscar-Einreichung qualifiziert hat und das bedeutet mir sehr viel, vor allem da es hier noch so eine persönliche Geschichte ist.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich habe von klein auf immer gerne gezeichnet. Irgendwann war es dann naheliegend, in einen gestalterischen Beruf zu wechseln. Und so habe ich nach einem gestalterischen Vorkurs eine Bildhauerlehre begonnen. Auf diese Weise habe ich Zeichnen und 3D-Gestaltung gelernt und nachdem ich Tim Burton’s „Nightmare before Christmas“ gesehen hatte, wusste ich, dass ich auch so etwas machen will. Ich bekam noch während meiner Bildhauerlehre meine erste Digitalkamera geschenkt und so machte ich erste bewegte Versuche à la „Il Rosso e il Blu“. Da ich nebenbei die Berufsmaturität gemacht hatte und noch nicht vor hatte zu arbeiten, schloss ich ein Studium an der Hochschule für Gestaltung in Luzern an, die bereits zu dieser Zeit einen Animationsfachbereich hatte. Und so ging es los. :)
Sind bereits neue Projekte geplant?
Derzeit arbeite ich, nach meiner Mutterschaftspause, an einem neuen Projekt, das im Sommer in die 2. Finanzierungsrunde geht. Dabei handelt es sich um die Verfilmung des Kinderbuches „Sechs Männer“ von David McKee. Es erklärt Kindern wie Krieg entsteht. Leider hat das Buch aus dem Jahr 1972 bislang nichts an seiner Aktualität verloren. Danach werde ich mich an meinen ersten Langspielfilm wagen, der wiederum das Thema Migration haben wird.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Car That Came Back from the Sea“
