Acht Fragen an Clara Stella Hüneke

Doreen Kaltenecker
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Amelie Amei Kahn-Ackermann

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Clara Stella Hüneke konnten wir mehr über die Dokumentation „Sisterqueens“ erfahren, der auf dem 41. Filmfest München 2024 seine Premiere feierte und auf dem 67. DOK Leipzig 2024 mit dem ‚Young Eyes Award‘ ausgezeichnet wurde, wie es zu der filmischen Langzeitstudie kam, wie die Protagonist:innen das Projekt aufgenommen und was ihr visuell wie auch als Botschaft am Herzen lag.

Wie bist Du auf MÄDEA und die Mädchen aufmerksam geworden?

Faseeha und Rachel habe ich über unsere Dramaturgin Rebecca Ajnwojner und ein Theaterstück, in dem sie mitwirkten, kennengelernt, und war sofort beeindruckt. Sie haben mir von dem Mädchenzentrum erzählt, und nach einem längeren Kennenlernprozess habe ich dort erste Interviews mit ihnen gedreht. In Absprache mit den Eltern und den Pädagoginnen haben die Mädchen in einer Mädchenvollversammlung für den Filmdreh abgestimmt. Fragen nach utopischen Mikrokosmen, Leben in der Stadt, Selbstbestimmung, politischer Teilhabe und intersektionalem Feminismus sind für mich zentral in meinen bisherigen und zukünftigen künstlerischen Arbeiten. Welche Werkzeuge braucht es, um eine feministische Zukunft zu denken oder sogar zu leben? Besonders Menschen und Orte, die sich der Mehrheitsgesellschaft entgegensetzen, möchte ich mir anschauen, weil sie voller hoffnungsvoller Möglichkeiten sind.

Ab welchem Punkt war Dir klar, dass es eine Langzeitstudie wird? Und hast Du mit dem Gedanken gespielt, sie noch länger zu begleiten?

Die Drei haben sehr große Fragen und Forderungen an die Welt, ich hatte direkt den Wunsch, diesem filmisch mehr Raum und deswegen einen längeren Zeitraum zu geben. Es ist nach vier Jahren Dreharbeiten natürlich komisch aufzuhören, aber ich bin sehr happy was wir alles erzählen konnten. Und wer weiß vielleicht gibts ja irgendwann einen zweiten Teil.

Wie oft und wie lange habt ihr die Protagonistinnen mit der Kamera über die Jahre begleitet?

Wir haben über einen Zeitraum von vier Jahren an 70 Drehtagen gearbeitet und dabei etwa 120 Stunden Material gesammelt. Die Bearbeitung des Films dauerte dann 1,5 Jahre. Insgesamt habe ich also seit gut sechs Jahren an diesem Film gearbeitet. Ich begann den Film im ersten Semester meines Regiestudiums und habe ihn als meinen Abschlussfilm fertiggestellt. In gewisser Weise ist der Film also auch mit mir gewachsen – so wie ich mit ihm.

Gab es davor eine Phase der Annäherung – wie haben die Mädchen, aber auch ihre Familien das Projekt aufgenommen?

Die Mädchen hatten durch diverse künstlerische Projekte schon eine gewisse Medien- und Bühnenerfahrung, vor allem durch das Rap-Projekt „Sisterqueens“, nach dem der Film auch benannt ist. Das heißt, sie hatten schon Interviews gegeben, die im Fernsehen ausgestrahlt worden waren und sie haben Musikvideos auf YouTube, das heißt der Film ist tatsächlich nicht die erste Berührung mit der Öffentlichkeit. 

Die Mädchen im Mädchenzentrum haben tatsächlich abgestimmt und sich für den Film entschieden. Die Familien hatten Lust auf den Film, manche kommen selber mehr und manche weniger vor. Jetzt waren viele von Ihnen auch bei den Festivalaufführungen. 

Was lag Dir visuell am Herzen?

Für mich war es wichtig, dass wir mit einem kleinen Set-Up drehen, um nicht zu viel Raum einzunehmen und agil sein zu können. Visuell war es für mich zentral, sehr wertschätzende und bewegte Bilder zu drehen. Wir bleiben vor allem bei den Mädchen im Film, auch das war mir wichtig, um auf ihrer Augenhöhe zu drehen. Außerdem funktioniert der Film über Humor.

Wie haben die Protagonistinnen auf den fertigen Film reagiert?

Alle Drei waren sehr stolz, auch die Familien waren gerührt. Wir haben den Film mittlerweile schon öfter gemeinsam gesehen. Da wir 1.5 Jahre geschnitten haben, haben alle Drei aber auch schon etwas Abstand zu sich im Film gewonnen, sie sagen mir oft, dass sie ja jetzt schon viel älter sind und damals noch ganz anders waren als jetzt.

Faseeha gibt weiterhin regelmäßig Interviews zum Film und zu der wichtigen Mädchen*arbeit des Mädchenzentrums MÄDEA und dem Rap-Projekt „Sisterqueens“, wo sie jetzt auch schon Workshops mitgeleitet hat. 

Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Clara Stella Hüneke im Filmgespräch zu “Sisterqueens” beim 67. DOK Leipzig

Für mich sind Orte wie Mädea, also kostenlose, diskriminierungskritische und partizipative Orte, an denen sich junge Menschen, besonders Mädchen unter Einbezug intersektionaler Perspektiven, entfalten können, lebenswichtig. Ich hätte in diesem Alter einen solchen Ort sehr gebraucht, das sagen bisher auch alle, die den Film gesehen haben – unabhängig von ihrem Geschlecht. Die Möglichkeit, an einem solchen Ort Rückhalt, Sisterhood und viele verschiedene kostenlose Lern- und Bildungsangebote zu haben, die tatsächlich auch zu den Lebensrealitäten der Mädchen passen und von ihnen mitgestaltet werden können, ist etwas ganz Besonderes, was tatsächlich sehr wenigen zur Verfügung steht. Ich möchte sichtbar machen, was innerhalb von Jugendzentren und darüber hinaus möglich sein kann.

Leider werden aktuell in Berlin und bundesweit Mädchenprojekte, öffentliche Einrichtungen für Jugendliche, Freizeit- und Ferienangebote weggekürzt und eingespart. Das hat fatale Folgen, wie sich besonders seit der Corona-Pandemie zeigt. Auch Mädea ist von der Schließung durch Kürzungen bedroht. Wo junge Menschen kostenlos ihre Freizeit verbringen, sich weiterbilden, entwickeln können und Bezugspersonen haben können, fernab von der Kernfamilie und Lehrer:innen, ist zentral. Ich hoffe auch, dass der Film seinen Beitrag leisten kann, die Wichtigkeit für außerschulische, kostenfreie und feministische Räume stark zu machen, gerade in Deutschland, wo die Bildungsungleichheit ein riesiges Problem ist.

Filme machen ist für mich ein Werkzeug, die Welt ein bisschen besser zu verstehen: Es eröffnet neue Möglichkeiten des Nachdenkens und des Erlebens. Bei einer dokumentarischen Langzeitbeobachtung weiß man ja nie, wohin einen die Geschichte genau trägt. Ich arbeite gerne mit großen Fragen; auch deswegen waren mir die Interviews mit den Mädchen im Film sehr wichtig. Doch von einer Frage kommt man meistens zu einer weiteren Frage, das Leben ist schließlich kompliziert und hält keine einfachen Antworten parat. Oder wie Jamila zu sagen pflegt: „Freestyle ist schwer – so wie das Leben.“ Deswegen ruft es nach weiteren Filmen.

Sind schon neue Projekte geplant?

Ja, ich habe gerade eine Förderung vom Kuratorium junger deutscher Film erhalten und schreibe sowohl an einer Doku-Serie über Freundinnenschaft und Sisterhood zwischen älteren Frauen als auch an meinem ersten Spielfilm. Auch hier wird es um Utopien und Widerstand gehen.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Sisterqueens 

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