75. Berlinale 2025 – Wettbewerb

Michael Kaltenecker
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CUBIX

Rückblick: Die Berlinale-Woche war eine Woche der Kontraste. Das gilt für die Filme, aber auch den Kontext, in dem sie gesehen werden. Es gab nüchterne und etwas verschlafene Pressevorstellungen am Vormittag, immer voll gefüllte Publikums-Vorstellungen ohne viel Brimborium und aufregende Premieren mit begeisterten Fans der anwesenden Darsteller:innen und Filmemacher:innen. Es gab etwas zu gemütliche Liege-Sessel im CUBIX und CinemaxX und definitiv deutlich weniger bequeme Sitze im Berlinale-Palast oder der Akademie der Künste.

Ob das auch einen Einfluss darauf hat, wie die Filme wahrgenommen werden? Ganz bestimmt – aber immerhin stand, egal wo und wie etwas gesehen wird, der Film im Mittelpunkt und die Zeit, die man sich ohne Ablenkung für ihn genommen hat. Die 40 Langfilme und 20 Kurzfilme, die wir sehen konnten, waren für uns das Herz der Berlinale.

Folgende Filme aus dem Wettbewerb sind besonders im Gedächtnis geblieben:

Oslo-Stories: TRÄUME“ (OT: „Drømmer“, Norwegen, 2024, Regie: Dag Johan Haugerud)

Der dritte Teil der sehr losen Film-Trilogie von Dag Johan Haugerud und Gewinner des Goldenen Bären begleitet die romantischen Träumereien von Johanne (Ella Øverbye): Sie verliebt sich in ihre Lehrerin. Was der Film aus dieser Prämisse erzählerisch sowie filmisch macht, ist beeindruckend. Zuerst steigen wir über das Johannes Voiceover, aber auch die begleitenden Kamerabilder tief in ihre Gedankenwelt ein. Danach findet in verschiedenen Dialogen zwischen ihrer Oma, Mutter und Johanne eine Auseinandersetzung mit dieser Gedankenwelt statt und wir betrachten sie aus ganz verschiedenen Perspektiven.

Kinostart: 8. Mai 2025


Was Marielle weiß“ (Deutschland, 2025, Regie: Frédéric Hambalek) 

Marielle weiß jederzeit, worüber sich ihre Eltern (Julia Jentsch, Felix Kramer) unterhalten. Das macht weder sie noch ihre Eltern glücklich, führt aber zu allerlei seltsamen Verhalten. So beschäftigt sich der Film damit, wie Paare sich in ihrem Verhalten verändern, wenn sie zu Eltern werden – kann aber auch universeller verstanden werden: Welchen Einfluss hat der Blick anderer auf unser Verhalten?

Kinostart: 17. April 2025


The Message“ (OT: „El Mensaje“, Argentinien/Spanien/Uruguay, 2025, Regie: Iván Fund) 

Neben „What Marielle Knows“ ist dieser Film gleich der zweite im Wettbewerb bei dem ein telepathisches Mädchen eine zentrale Rolle spielt. Anika kann die Gedanken von Tieren lesen, was ihre Erziehungsberechtigten zu nutzen wissen und als Dienstleistung anbieten. Wir begleiten die drei auf der Straße in Argentinien, dabei wirkt das Gezeigte wie eine Dokumentation. Ganz ohne Spektakel beobachten wir Anika bei ihrer Arbeit. Der Film wurde mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.


If I had Legs I’d Kick You“ (USA, 2024, Regie: Mary Bronstein) 

Linda ist arbeitende Mutter einer kranken Tochter und damit komplett überfordert. Der Film nutzt Humor, Genre-Elemente und eine Kamera, die sehr nah am Geschehen bleibt, um diese Überforderung erlebbar zu machen. Nicht vergessen darf man dabei die beeindruckende schauspielerische Leistung von Rose Byrne als heillos überforderte Mutter, für die sie auch mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. 


The Blue Trail“ (OT: „O último azul“, Brasilien/Mexiko/Chile/Niederlande, 2025, Regie: Gabriel Mascaro) 

Der Gewinner des Großen Preis der Jury ist ein satirisch überzeichneter Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit älteren Menschen, vor allem aber immer dann besonders gut, wenn er einfach nur ein Rivermovie ist.


What Does that Nature Say to You“ (OT: „Geu jayeoni nege mworago hani“, Südkorea, 2025, Regie: Hong Sang-soo) 

Für Hong Sang-soo („A Traveler’s Needs“) typisch minimalistisch inszenierte Studie der ersten Begegnung der Eltern mit dem langjährigen Freund der erwachsenen Tochter. Wie immer bei Hong Sang-soo liegt der Fokus auf den Dialogen und auf den ganz verschiedenen kleinen Absurditäten in der menschlichen Kommunikation. Das ist nie spektakulär oder völlig neu, aber doch immer eine erfrischende Art der Menschen-Betrachtung.


Kontinental 25“ (Rumänien, 2025, Regie: Radu Jude) 

Schonungslos wie immer zeigt Radu Jude die Gegenwart, in der wir leben. Orsolya will als Gerichtsvollzieherin alles richtig machen. Nachdem ein Mann beim Vollzug Selbstmord begeht versucht sie im Gespräch mit verschiedenen Personen ihr Gewissen zu beruhigen. Ein Hinterfragen ihrer Arbeit und des Kontexts, in dem diese Arbeit stattfindet, findet nicht statt – weder durch sie noch durch ihre Gesprächspartner:innen. Wie ein Refrain wiederholt sie immer und immer wieder, dass sie rechtlich nichts falsch gemacht hat. Dabei geht es in den Gesprächen nicht nur um den Selbstmord sondern auch darum wie wir alle über Smartphone-Bildschirme auf die Welt blicken und welche Denkmuster wir verwenden um sie zu verstehen. Gefilmt nur mit Smartphone-Kameras ist der Film ähnlich einfach inszeniert wie die Filme von Hong Sang-soo. Radu Jude erhielt den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.


Blue Moon“ (USA/Irland, 2025, Regie: Richard Linklater

Der Film ist ein Kammerspiel mit einem überraschend kleinen Ethan Hawke als Songwriter Lorenz Hart. Gezeigt wird ein einziger Abend in einer Broadway-Bar kurz vor Harts frühen Tod. Hart wird wortgewandt, aber auch egozentrisch und wehleidig gezeigt – was schon eine kleine Zumutung ist. Andrew Scott spielte seinen langjährigen Songwriting-Partner, den Komponist Richard Rodgers und erhielt für seine kleine Rolle den Silbernen Bären.


Timestamp“ (OT: „Strichka chasu“, Ukraine/Luxemburg/Niederlande/Frankreich, 2025, Regie: Kateryna Gornostai) 

Die Dokumentation zeigt uns den ukrainische Schulalltag zu Kriegszeiten. Kein einziges Mal werden Kampfhandlungen gezeigt, der Film bleibt bei den verschiedenen Schulen – vor allem den Schüler:innen und Lehrer:innen – die auch unterschiedlich weit von der Front und unterschiedlich stark betroffen sind. Von Langeweile im Luftschutzraum bis Freude beim Abschlusstanz beobachten wir, wie eine ganze Generation zu Kriegszeiten die Schule besucht.


The Ice Tower“ (OT: „La Tour de Glace“, Frankreich/Deutschland, 2025, Regie: Lucile Hadžihalilović)

Der Film begleitet eine etwas zu behäbig inszenierte Begegnung einer einsamen und mittellosen Außenseiterin mit einer eisig-abweisenden Schauspielerin (Marion Cotillard), welche gerade die Eiskönigin verfilmt. Die Bilder sind träumerisch entrückt, die Welt wirkt fremd, kalt und warm zugleich. Der Film erhielt den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung.

Alle Gewinner

  • Goldener Bär für den Besten Film
    Dreams (Sex Love)“ (OT: „Drømmer“, Norwegen, 2024, Regie: Dag Johan Haugerud)
  • Silberner Bär Großer Preis der Jury
    The Blue Trail“ (OT: „O último azul“, Brasilien/Mexiko/Chile/Niederlande, 2025, Regie: Gabriel Mascaro)
  • Silberner Bär Preis der Jury
    The Message“ (OT: „El Mensaje“, Argentinien/Spanien/Uruguay, 2025, Regie: Iván Fund)
  • Silberner Bär für die Beste Regie
    Living the Land“ (OT: „Sheng xi zhi di“, Regie: Huo Meng)
  • Silberner Bär für die Beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle
    Rose Byrne in „If I had Legs I’d Kick You“ (USA, 2024, Regie: Mary Bronstein)
  • Silberner Bär für die Beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle
    Andrew Scott in „Blue Moon“ (USA/Irland, 2025, Regie: Richard Linklater)
  • Silberner Bär für das Beste Drehbuch
    Kontinental 25“ (Rumänien, 2025, Regie: Radu Jude)
  • Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung
    Für das kreative Ensemble von „The Ice Tower“ (OT: „La Tour de Glace“, Frankreich/Deutschland, 2025, Regie: Lucile Hadžihalilović)

geschrieben von Michael Kaltenecker

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