Sechs Fragen an Julie Černá

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der tschechischen Künstlerin und Filmemacherin Julie Černá konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Stone of Destiny“ (OT: „Kámen Osudu“) erfahren, der im Berlinale Shorts-Programm der 75. Berlinale 2025 seine Weltpremiere feierte, wie die Geschichte aus einem eigenen Comic entstand, wie viel in der Figur des Steines von ihr kommt und warum es ein Musical wurde.

The original english language interview is also available.

Der Kurzfilm basiert auf einer Comicbuch-Reihe – wie ist daraus ein Musical geworden?

Als ich die Comicserie beendete, hatte ich das Gefühl, dass das Universum von „Stone of Destiny“ einen eigenen Song haben sollte. Ich hatte einen Text, der die Geschichte begleitete und die Handlung auf poetische und allegorische Weise beschrieb. Das funktionierte als Text und ich bat meine liebe Freundin und Songwriterin Johuš Matuš, diesen Text in einen Song zu verwandeln. Er war eigentlich ziemlich lang – acht Minuten. Ich war mir nicht sicher, was ich mit diesem Lied anfangen sollte, aber als ich mich für mein Bachelor-Thesis-Projekt entschied, kam ich automatisch darauf, dass es etwas mit Stone of Destiny sein sollte. Da wir den Song auch hatten, war es eine einfache Entscheidung, den Song in den kurzen Animationsfilm einzubauen. So wurde aus dem Stone of Destiny ein Musical.

Der Film besitzt einige surreale Elemente – u.a. den titelgebenden ‚Stone of Destiny‘ – magst Du für die Zuschauenden eine kleine Interpretationshilfe geben?

Haha, ja, ich mag dramatische Texte und Namen sehr gerne – ich liebe es, wenn der Titel eine Art von Emotion enthält. Der Film basiert auf meinen eigenen Erfahrungen, die ich abstrahiert und metaphorisiert habe. Damit wollte ich einen Raum für die eigene Interpretation durch den Zuschauer schaffen. Ich möchte nur sagen, dass jede Interpretation richtig ist. Für mich geht es in der Haupthandlung darum, seinen eigenen Platz in der Welt zu finden – Stone sucht nach dem ultimativen Glück. Um einige der Symbole herauszugreifen und ein wenig Orientierung zu geben: Das Pferd ist eine Verkörperung der eigenen Desillusionierung. Es ist ein Spiegel, der uns unsere eigenen Grenzen aufzeigt. Der Dämon ist eine Darstellung giftiger Beziehungen. Das Bild einer Rose ist eigentlich eine Erinnerung an Optimismus – ein Gefühl, das mir, aber ich glaube, auch vielen anderen bekannt ist.

Ist der Stil des Films wie in den Comics? Was war Dir visuell wichtig?

Im Comic habe ich drei verschiedene visuelle Ansätze verwendet, damit es mehr Spaß macht. Während der Filmentwicklung entschied ich mich für eine davon. Schließlich entschied ich mich für eine sehr bunte Palette und eine unscharfe Linie, kombiniert mit geraden Linien und rechten Winkeln. Außerdem habe ich für die Hintergründe eine analoge Textur aus weichen Pastellfarben auf Papier verwendet.

Kannst Du mir mehr zur mitreißenden Musik erzählen? Wird es die Möglichkeit geben, sie irgendwo außerhalb des Kurzfilms zu hören?

Wer ein Fan des ‚Stone of Destiny‘-Soundtracks ist, dem empfehle ich, den Spotify-Kanal von Johuš Matuš zu besuchen und sich einige der Songs anzuhören. Sie macht „ländliche Popmusik“ und hat auch einen Song „Chcípnem“ geteilt, der ihr eigener Remix eines Stone of Destiny-Songs ist.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich stamme aus einer kleinen Stadt im Südosten Tschechiens und war in meiner Jugend ein sehr schüchterner Teenager mit einer starken Familienbindung, aber nicht vielen Freunden, mit denen ich meine Gedanken teilen konnte. Ich fand Trost im Zeichnen und Beichten auf Papier in Form von kleinen Illustrationen, Comics und kreativem Schreiben. Die Figur des Stone of Destiny entstand ganz natürlich im Sommer 2019, als ich bereits wusste, dass ich nach Prag ziehen musste, um an der UMPRUM zu studieren.

Julie Černá, Regisseurin von „Stone of Destiny“

Ich habe den Stein als Werkzeug benutzt, um meine eigenen Erfahrungen zu beschreiben und habe diese Illustrationen und kurzen Comics auf meinem Instagram @obrazkyjulie geteilt. Ich bekam viele tolle Rückmeldungen von Leuten, die mir sagten, dass sie sich mit dem Stein identifizieren können. Das gab mir die Zuversicht, den nächsten Schritt zu machen und diese Zeichnungen 2022 in eine Comic-Trilogie zu verwandeln. Die Trilogie wurde mit dem Muriel-Preis für den besten Studentencomic ausgezeichnet, und das war ein weiterer Anstoß für mich. Ich bin noch einen großen Schritt weiter gegangen und habe ein kurzes animiertes Musical als mein Bachelor-Projekt im Studio für Animation an der UMPRUM in Prag erstellt.

Sind bereits neue filmische Projekte geplant?

Ja! Ich werde eine ganz andere Art von Animationsfilm machen. Es geht um große Experimente – die Kombination von Animationstechniken – Claymation, Live-Action-Segmente und Stratacut. Die Geschichte wird ein Thema erforschen, das auch für mich sehr persönlich ist: einen Körper und ein Gesicht zu haben und sich diesem zu nähern. Im Moment stehe ich noch am Anfang der Planung und der Auseinandersetzung mit der Storyline, aber es macht schon jetzt super viel Spaß und ist spannend!

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Stone of Destiny“


Interview: In our conversation with Czech artist and filmmaker Julie Černá, we learned more about her short film „Stone of Destiny“ (OT: „Kámen Osudu“), which celebrated its world premiere in the Berlinale Shorts program of the 75th Berlinale 2025, how the story was created from her own comic, how much comes from her in the character of the stone and why it became a musical.

The short film is based on a comic book series – how did it become a musical?

Back when I finished the comic book series, It felt like the universe of Stone of Destiny should have its own song. I had a text accompanying the story which was describing the storyline in a poetic and allegorical way. This worked as lyrics and I asked my dear friend and songwriter Johuš Matuš to turn this text into a song. It was actually quite long – 8 minutes. I wasn’t sure what to do with this song but when I was deciding on my bachelor thesis project, I automatically figured out it should be something with Stone of Destiny. Since we also had the song, it was quite an easy decision to try and implement the song into the short animated movie. This is how the Stone of Destiny became musical.

The film has some surreal elements – including the titular ‚Stone of Destiny‘ – would you like to give viewers a little help with interpretation?

Haha yes, I actually really enjoy dramatic lines and names – I love when the title bears some kind of emotion. The film is based on my own experiences, which I abstracted and metaphorized. By doing this, I wanted to create a space for the viewer’s own interpretation. I just want to say that every interpretation is correct. For me, the main storyline is finding one’s own place in the world – Stone searches for the ultimate happiness. To pick out some of the symbols and give a little guidance: horse is an embodiment of one’s own desillusion. It is a mirror, which shows us our own limits. Demon is a representation of toxic relationships. Image of a rose is actually a remembrance of optimism – a feeling that is well-known to me, but I believe also to lots of others.

Is the style of the film like in the comics? What was important to you visually?

In the comic I used three different visual approaches, to make it more fun. While film development, I was deciding which one to use. Eventually, I settled with a very colourful palette and a fuzzy line, combined with the use of straight lines and right angles. I also used an analogue texture of soft pastels on paper for the backgrounds.

Can you tell me more about the catchy music? Will there be an opportunity to hear it somewhere outside the short film?

For anyone who is a fan of the Stone of Destiny soundtrack, I highly recommend you visit Johuš Matuš Spotify channel and listen to some of the songs. She creates “rural pop” type of music and she also shared a song “Chcípnem”, which is her own remix of Stone of Destiny song.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to film?

I come from a small town on the south-east of Czechia and while growing up, I was a very shy teenager with a strong family base but not many friends to share my thoughts with. I took comfort in drawing and confessing to paper in the form of small illustrations, comics and creative writing. The character of Stone of Destiny came up naturally, in the summer of 2019 when I already knew I had to move to Prague to study at UMPRUM. I used the Stone as a tool to describe my own experiences and I was sharing these illustrations and short comics on my instagram @obrazkyjulie. I got a lot of great feedback from people telling me they can identify with the Stone. That gave me the confidence to take the next step and turn these drawings into a comic trilogy in 2022. It won a Muriel prize for the best student comic and that was another green flag for me. I took things another big step forward and created a short animated musical as my bachelor project in the studio of Animation on UMPRUM In Prague.

Are there any new film projects planned?

Yes! I will do an extremely different type of animated movie. We are talking big experiments – combining animation techniques – claymation, live action segments and stratacut. The story will explore a topic, which is also very personal to me: having a body and a face and approaching it. Right now I am still at the beginning of planning and dealing with the storyline but it is already super fun and exciting!

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Stone of Destiny“

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