„Lloyd Wong, Unfinished“ (2025)

Michael Kaltenecker
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Kurzfilm / Kanada / Dokumentation / 2025

Filmkritik: Der Kurzfilm „Lloyd Wong, Unfinished“ der kanadischen Künstlerin Lesley Loksi Chan gewann auf der 75. Berlinale 2025 zwei Preise: den queeren Teddy Award als bester Kurzfilm und den Goldenen Bären des ‚Berlinale Shorts‘-Programms. Chan nutzt Lloyd Wongs Filmmaterial über sein Leben mit AIDS aus den 90ern und findet eine Herangehensweise, welche dem fragmentarischen Wesen der Originalaufnahmen treu bleibt und dies als Prinzip übernimmt. 

Anfang der 90er Jahre dokumentierte der in Toronto, Kanada lebende Künstler Lloyd Wong sein Leben mit AIDS, vermutlich, um eine Fernseh-Folge für „Toronto Living With AIDS“ zu gestalten. Er starb vor der Fertigstellung an der Krankheit. Als das Material vor ein paar Jahren von den Queer ArQuives in Kanada wiederentdeckt wurde, sollte Lesley Loksi Chan – die Lloyd Wong selbst vorher nicht kannte – seine Arbeit zum Abschluss bringen.

Bei der Arbeit mit den Aufnahmen entschied sie sich aber ausdrücklich gegen eine Fertigstellung und rückte so die Unfertigkeit ins Zentrum ihres Films. Wir sehen keine Anordnung von Aufnahmen, die zusammen eine Geschichte erzählen, oder Aufnahmen, die durch eine ausführliche Einordnung begleitet werden. Chan platziert die Aufnahmen so neben- und nacheinander, dass sie teilweise bestimmte Aspekte gegenseitig aufgreifen, teilweise auch nur durch minimalistische grüne und blaue Zwischentitel eingeordnet und zusammengefügt werden. Auf den Zwischentiteln platziert Chan ihre Forschungsnotizen und Zitate aus Gesprächen mit Zeitgenoss:innen von Wong.

lesley chan

Lloyd Wong selbst platziert seine Aufnahmen öfter per Greenscreen in einen bestimmten Kontext. Diese Verwendung von Green-/Bluescreens war auch der Grund für Chans grüne und blaue Zwischentitel. Im Hintergrund seiner detaillierten und in Tonfall und Duktus durchaus an Kochshows angelehnte Anleitung zur Verwendung einer Infusionspumpe für seine Behandlung sehen wir zum Beispiel eine ebensolche Kochshow. Chan zeigt diese Anleitung in voller Länge, setzt daneben im Splitscreen aber andere Aufnahmen von Lloyd Wong, unter anderem aus dem Krankenhaus. Die Nebeneinanderstellung findet auf zwei Ebenen statt und ordnet das Material jedes Mal entsprechend (neu) ein.

So bekommen die Zuschauenden ein unvollendetes und unvollständiges Bild von Lloyd Wong: Einerseits, weil Wongs Krankheit tatsächlich die Fertigstellung verhindert hat, andererseits weil solche Aufnahmen keine komplette Annäherung an den Autor zulassen. Das Bild bleibt fragmentarisch, so dass man kein  autoritatives und abgeschlossenes Bild als Zuschauender erhält, aber trotzdem lernt man den Künstler Lloyd Wong und sein Werk kennen.

Dabei geht es natürlich darum, die spezifische Lebenswelt von Wong zu erschließen, daneben aber auch um (Un-)Möglichkeiten der Erinnerung und darum, was kreative Werke – vor allem unvollendete – über ihre Autor:innen sagen. Der Kurzfilm funktioniert also sowohl als Rückblick aus queerer Perspektive auf die AIDS-Pandemie in den 90ern und verknüpft damit den Blick auf das zu früh beendete Leben mit unvollendeten Plänen und Projekten. Und zeigt gleichzeitig auf, dass das Werk eines Kunstschaffenden nur einen begrenzten Ausblick auf das Leben der Menschen hinter dieser Kunst gibt.

Trailer zum Kurzfilm „Lloyd Wong, Unfinished“:

geschrieben von Michael Kaltenecker

Quellen:

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