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Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Lesly Loksi Chan konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Lloyd Wong, Unfinished“ erfahren, der auf der 75. Berlinale 2025 den Goldenen Bären des ‚Berlinale Shorts‘-Programms und den Teddy Award als bester Kurzfilm gewann, wie sie selbst zu dem Künstler Lloyd Wong und seinem filmischen Material kam, was ihr bei der Aufarbeitung – visuell und narrativ – wichtig war und warum sie sich schnell von dem Gedanken verabschiedete, das Material von Lloyd beenden zu müssen.
The original english language interview is also available.
Wie bist du auf die Aufnahmen von Lloyd Wong zu seinem Leben mit AIDS aufmerksam geworden? Wie wurden diese Aufnahmen gefunden und wie sind sie zu dir gekommen?
Das Filmmaterial wurde mir von den Filmemachern/AIDS-Aktivisten John Greyson und Richard Fung zur Verfügung gestellt. Soweit ich weiß, hatte Richard Fung das Filmmaterial dreißig Jahre lang zu Hause aufbewahrt. Eines Tages spendete er eine Kiste mit Gegenständen an die Queer ArQuives in Toronto [Anm. d. Red. Kanadische Non-Profit-Organisation, die seit 1973 Material der LGBTQ2+-Bewegung archiviert und zugänglich macht], und in der Kiste befand sich das Filmmaterial von Lloyd Wong. Der Wissenschaftler/Historiker Ryan Conrad entdeckte das Filmmaterial in den Queer ArQuives, als er mit John Greyson über das Leben mit AIDS in Toronto recherchierte. John war einer der Produzenten von „Toronto Living With AIDS“ (zusammen mit dem verstorbenen Michael Balser). Später bat John mich, an einer Restaurierung des Films zu arbeiten. Damit will ich sagen, dass es sich im Wesentlichen um Aufnahmen handelt, die mir von der Gemeinschaft überlassen wurden. Ich betrachte diese Aufnahmen als eine Art queeres Erbe.
Warum war es dir wichtig, das Material zu verarbeiten?
Es war mir eine Ehre, dieses Filmmaterial von der Gemeinschaft erhalten zu haben. Ich fühle mich zutiefst geehrt, dass mir dieses Material anvertraut wurde und ich Zeit mit Lloyd Wong verbringen konnte, der ein brillanter Künstler, Aktivist und Denker ist. Er wollte schon vor dreißig Jahren, dass dieses Werk zu sehen ist, und es wurde damals nie veröffentlicht. Ich denke, es ist wichtig, dass wir hören, was er uns zu sagen hat, auch wenn es dreißig Jahre später ist. Manche Fragen brauchen Jahre, um beantwortet zu werden.
Wie hast du die Auswahl dazu getroffen, welches Material du verwendest?
Ich glaube, ich habe fast das gesamte Filmmaterial verwendet. Beim Betrachten des Filmmaterials fühlte ich mich besonders vom Rhythmus der mehrfachen Aufnahmen angezogen: die subtilen Umrahmungen, die kleinen Veränderungen zwischen den Versuchen und die unbeantwortbare Frage, welche Aufnahmen er wohl gewählt hätte. Mit der Zeit wurde mir klar, dass es bei meiner Erkundung nicht darum ging, sein Werk zu „vollenden“, sondern seinen kreativen Prozess und die Unvermeidbarkeit des Unbekannten zu würdigen. Hätte ich für jede Szene nur eine Aufnahme ausgewählt, hätte das die Erfahrung, die ich vermitteln wollte, verändert. Es ging nicht darum, den „richtigen“ oder „besten“ Take auszuwählen, sondern darum, alle verschiedenen Takes beisammen zu lassen, um die Erfahrung des Betrachtens der verschiedenen Takes zu teilen; um zu unterstreichen, dass dieses Werk unvollendet ist. Die Erinnerung an Lloyd Wong wird nie fertig sein.
Du verwendest grüne und blaue Zwischentitel zur Strukturierung und Einordnung des gezeigten Materials. Was war dir bei der Gestaltung dieser Zwischentitel wichtig?
Ich habe Zwischentitel verwendet, um Fragmente aus meinen Forschungsnotizen, Notizen aus meinen Gesprächen mit anderen über Lloyd Wong und über sein Filmmaterial wiederzugeben. Sie zeigen meinen Prozess und den Akt des Erbens und Interpretierens von Bildern, die in queeren Gemeinschaften weitergegeben und weitervermittelt werden. Als ich mit diesem Projekt begann, dachte ich naiv: „Wenn die Arbeit unvollendet ist, heißt das, dass ich sie beenden soll?“ Als ich meinen Kolleginnen und Kollegen zuhörte, mit Leuten aus verschiedenen Gemeinschaften sprach und, was am wichtigsten ist, mir das Material selbst angehört habe, wurde mir das klar: Die Rauheit, die Unvollendetheit seiner Arbeit wird zu einem Objektiv, um über Erinnerung nachzudenken – unvollendete Arbeit ist kein Versagen oder ein Werk, das vollendet werden muss, sondern ein Ort, an dem man schwierige Fragen stellen kann und ein wesentlicher und sinnvoller Zustand, aus dem man lernen kann. Bei der Gestaltung dieser Notizen ist die Verwendung von Fragmenten eine Möglichkeit, ein „vollständiges Bild“ zu verweigern. Ich glaube nicht, dass wir uns jemals ein vollständiges Bild von einer Person machen können. Ich habe die Farben Grün und Blau für die Notizen gewählt, weil ich mich von Lloyd Wongs Verwendung von grünem und blauem Bildschirm in seinen Originalaufnahmen inspirieren ließ, aber auch, weil der grüne Bildschirm eine Möglichkeit ist, darüber nachzudenken, wie sich unsere Hintergründe und Kontexte ständig verändern. Ich wollte keine feste Vorstellung davon entwickeln, wer Lloyd Wong war.
An mehreren Stellen stellst du die Aufnahmen im Splitscreen nebeneinander. Warum hast du dich entschieden, das Material so aufzubereiten?
So wie Lloyd den Greenscreen nutzte, um eine neue Bedeutung zwischen Vorder- und Hintergrund zu schaffen, habe ich sein Filmmaterial nebeneinander gestellt. Ich wollte seine lehrreiche Foscarnet IV-Demo neben den Aufnahmen von ihm im Krankenhaus platzieren, um seine verschiedenen Formen der Selbstdarstellung und seine Erfahrungen nebeneinander zu stellen: Sein Wunsch, sich selbst darzustellen bzw. vor der Kamera aufzutreten, kommt in beiden Darstellungen oder Modi zum Ausdruck – im Modus des Lehrfilms und im diaristischen/autobiografischen Modus. Die Green-Screen- und Split-Screen-Technik war ein Versuch, uns ein mehrdimensionales, tieferes und komplexeres Verständnis seiner gelebten Realität als Künstler, der mit AIDS lebt, und der Zeit und des Ortes, an dem er lebt/arbeitet, zu vermitteln. Außerdem entsteht durch den geteilten Bildschirm eine Art Narbe in der Mitte des Bildes. Ich habe viel über seine Narbe nachgedacht und darüber, wie man sie auf eine Weise zeigen kann, die nicht reißerisch ist und die seinem Wunsch entspricht, dass man sie sieht. Und irgendwie schien der geteilte Bildschirm die geteilte Körperlinie auf seinem Bauch widerzuspiegeln.
Arbeitest du derzeit bereits an neuen Filmprojekten?
Nun, ich habe mit einer weiteren Version von „Lloyd Wong, Unfinished“ begonnen. Ich kann es einfach nicht sein lassen.
Die Fragen stellte Michael Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Lloyd Wong, Unfinished“
Interview: In our conversation with filmmaker Lesly Loksi Chan, we were able to learn more about her short film „Lloyd Wong, Unfinished„, which won the Golden Bear at the 75. Berlinale 2025, which won the Golden Bear of the ‚Berlinale Shorts‘ program and the Teddy Award for Best Short Film, how she herself came to the artist Lloyd Wong and his cinematic material, what was important to her in reworking it – visually and narratively – and why she quickly abandoned the idea of having to finish Lloyd’s material.
How did you become aware of Lloyd Wong’s recordings of his life with AIDS? How were these recordings found and how did they come to you?
The footage was passed on to me by filmmakers/AIDS activists, John Greyson and Richard Fung. From what I understand, Richard Fung had the footage in his home for thirty years. One day he donated a box of items to the Queer ArQuives in Toronto and in the box was Lloyd Wong’s footage. Scholar/historian Ryan Conrad discovered the footage at the Queer ArQuives while researching on Toronto Living with AIDS with John Greyson. John was one of the producers of Toronto Living With AIDS (along with the late Michael Balser). Subsequently, John asked me to work on a restoration of it. All of this is to say that, essentially, this is footage passed on to me by the community. I see these recordings as a kind of queer inheritance.
Why was it important to you to work with and publish the footage?
It was an honour to have this footage passed on to me from the community. I am deeply honoured to be entrusted with this footage and to be able to spend time with Lloyd Wong who is a brilliant artist, activist and thinker. He wanted this work to be seen thirty years ago and it was never published back then. I think it is important we hear what he wants to say, even if it is thirty years later. Some questions take years to answer.
How did you choose which footage to use?
I think I might have used almost all of the footage. While watching the footage, I was particularly drawn to the rhythm of watching the multiple takes: the subtle reframing, the small changes between attempts, and the unanswerable question of which shots he might have chosen. Over time, I realized my exploration was not about “finishing” his work but about honouring his creative process and the inevitability of the unknown. If I had simply selected one take for each scene, it would have changed the experience I was trying to communicate. It was not about selecting the “correct” or the “best” take; it was about allowing all the different takes to remain together in order to share the experience of watching the different takes; to underscore that this work was unfinished. Remembering Lloyd Wong will never be finished.
You use green and blue intertitles to structure and contextualize the material shown. What was important to you when writing and designing these intertitles?
I used intertitles to express fragments from my research notes, notes from my conversations with others about Lloyd Wong and about his footage. They’re showing my process and of the act of inheriting and interpreting images passed on and passed through queer communities. Way back when I started this project, I naively thought, “if the work is unfinished, does that mean I am supposed to finish it?” As I listened to my colleagues, spoke to folks across different communities, and, most importantly, listened to the footage itself, I came to realize that: The roughness, the unfinished nature of his work becomes a lens to think about memory— unfinished work is not a failure or a work in need of completing, but as a place to ask difficult questions and an essential and meaningful state to learn from. In designing these notes, the use of fragments are a way to refuse a “full picture”. I don’t believe we can ever get a full picture of a person. I chose chroma-key green and blue for the colours of the notes because I was inspired by Lloyd Wong’s use of green/blue screen in his original footage, but also because green screen is a way to think about how our backgrounds and contexts are always changing. I did not want to create a fixed idea of who Lloyd Wong was.
In several places, you juxtapose the footage in a split screen. Why did you decide to edit the material in this way?
Just as Lloyd used green screen to create a new meaning between foreground and background, I placed his footage side-by-side himself. I wanted to place his educational foscarnet IV demo beside the footage of him in the hospital to juxtapose his different forms of self-representation and experiences: his desire to present himself/to perform for the camera comes through in both representations or modes – the mode of the educational film and the diaristic/autobiographical mode. This green screen + split screen technique was an attempt to give us a more multidimensional, deeper and more complex understanding of his lived reality as an artist living with AIDS and the time and place he was living/working. Also, the split screen creates a kind of scar down the centre of the frame. I thought a lot about his scar, how to show it in a way that was not sensational; to honour his wish for it to be seen. And somehow, the split-screen seemed to echo the split-body line on his stomach.
How did you come to make films? Are you currently working on any new film projects?
Well… I started making another version of „Lloyd Wong, Unfinished„. I just can’t let it go.
Questions asked by Michael Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Lloyd Wong, Unfinished„




