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Interview: Im Gespräch mit der aus Italien stammenden Regisseurin Guilia Falciani konnten wir mehr über ihren Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF – „Occhio“ – erfahren, wie sie eigene Krankheitserfahrungen in einen surrealen Kurzfilm verwandelt, welche Techniken und Tonebenen sie miteinander verbindet und wie es mit dem neu gegründeten Studio Fazi weitergehen wird.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?
Zunächst einmal vielen Dank für das Interview. Ich möchte die Gelegenheit dafür nutzen, mich bei meinem Team zu bedanken, ohne das es noch schwieriger gewesen wäre, den Film fertigzustellen. Vor allem bei meinem Produzenten Christoph Mohr, der nicht nur die Qualität in den Film gebracht hat, sondern der mich persönlich unterstützt hat.
Die Idee ist vor einigen Jahren entstanden, als ich eine starke Infektion in meinem Auge hatte. Durch den Mix aus Schmerzen, Schmerzmitteln und Antibiotika konnte ich nicht mehr nachvollziehen, wo der Traum endete und die reale Welt begann. Außerdem befand ich mich zum ersten Mal in meinem Leben als Erwachsener in einer Situation, in der ich von anderen abhängig war, und mir wurde klar, wie sehr man sich an Glaubenssätze und Rituale klammern kann: Auch wenn man ein sehr rationaler Mensch ist, wenn man krank ist, zählt alles.
Diese Erfahrung war für mich so besonders, dass ich sagte: „Das muss ich verfilmen!“ Ich wollte eine surreale und immersive Erzählung schaffen, die von dieser ‚neuen‘ Situation, in der ich mich befand, inspiriert war.
Wenn Du die medizinische Versorgung von Deutschland und Italien vergleichst, was fällt Dir dabei auf?
In Deutschland sind Krankenhauseinrichtungen weniger baufällig als in Italien, leider kann man das Gleiche nicht über die Pflege, Vorbereitung und Kommunikation des Personals sagen. Ich befürchte, dass die Einmischung privater Interessen in das öffentliche Gesundheitswesen dazu führt, dass der Patient nicht richtig betreut wird oder dass nicht die besten Lösungen vorgeschlagen werden, sondern diejenigen, die der Gesundheitseinrichtung den größten Profit bringen.
Dein Film arbeitet auf visueller Ebene mit vielen verschiedenen (surrealen) Elementen und Techniken. Bitte erzähl mir mehr zu Deinem visuellen Konzept.
Mein Ausgangspunkt war das Licht. Die Arbeit mit Farb- und Lichtkontrasten und dem Wechsel von Dunkelheit und Licht hat mich in früheren Arbeiten sehr fasziniert. Ich wollte diesen Aspekt unbedingt erforschen. Das Thema des Augenproblems war dann perfekt!
Während des Films wird die Kamera zum Auge des Zuschauers, der in die seltsame Realität der kranken Augen ‚fällt‘. Die Stop-Motion-Technik und die Verwendung echter statt nachgebauter Gegenstände (Feilen, Gabeln, Stromkabel) verstärken die Illusion der Realität. Ist die Halluzination eine Abwandlung des realen Lebens, ist sie sogar realer als die Realität?
Nachdem die Welt der Stop-Motion etabliert ist, sind die 2D-Sequenzen die Illusion innerhalb der Illusion: Während eine Off-Stimme die Anatomie des Organs wissenschaftlich erklärt, verweisen die 2D-Bilder auf den Aberglauben, der mit der Ikonographie des Auges verbunden ist: das Martyrium der Heiligen Lucia und der Glaube an den „Malocchio“ (Böser Blick), der die volkstümliche Tradition von der Antike bis heute durchdrungen hat.
Gibt es Filmschaffende, die Deine Arbeit geprägt haben?
Seit meiner Kindheit bin ich vom Surrealismus fasziniert. Calvino und Queneau in der Literatur, Surrealismus, Metaphysik und Dadaismus in der bildenden Kunst sowie Buñuel und Bergman im Kino. Diese Autoren tragen zu meiner kulturellen Bildung bei, aber ich kann nicht sagen, dass ich speziell an einen von ihnen gedacht habe. Als ich die Bühnenbilder entwarf, dachte ich vor allem an meine Theatererfahrung und -ausbildung während meiner Jugend, in der wir verschiedene Autoren auf einer fast völlig leeren Bühne spielten: Atmosphären und ‚Räume‘ wurden nur durch Kostüme und Beleuchtung geschaffen.
Neben den starken Bildern ist auch die Tonebene sehr wichtig. Wir hören ein italienisches Kinderlied und medizinische Kommentare. Kannst Du mir erzählen, was dir bei der Gestaltung des Tons wichtig war?
Der Film beginnt mit einem Kinderlied aus der italienischen Populärkultur, mit dem man die Teile des Gesichts lernt. Ich wollte auf die Kindheitsphase unseres Lebens verweisen, in der wir völlig von jemand anderem, nämlich unseren Eltern, abhängig sind. In einer Krankenhaussituation und bei starken Schmerzen kehren wir in eine ähnliche Situation zurück: Wir sind völlig abhängig von anderen und müssen mit Liebe getröstet werden.
Der ganze Film bezieht sich in der Tonsprache auf diesen Zustand und verwendet eine märchenhafte Sprache: das wiederholte Liedchen, Mut zu fassen und zu versuchen, das Auge zu heilen, die Begegnung mit der Hexe, die wie Pinocchios Feuerfresser niest, weil sie gerührt ist, die Ankunft des Hilfsträgers.
Aber auch in diesem Fall wird die Grenze zwischen Märchen und Realität in Frage gestellt, da fast alle Sätze tatsächlich gesprochen werden, was die Animation zur Dokumentation einer Halluzination macht.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Sehr gerne. Meine ursprüngliche Ausbildung ist in der Geschichte des Kulturerbes. In Florenz, meiner Heimatstadt, habe ich Darstellende Künste von Bachelor bis zum Master studiert. Als ich nach Berlin kam, um meine Diplomarbeit über das deutsche Kino zu schreiben, besuchte ich die Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und sah einige Arbeiten der Animationsstudenten, wodurch eine alte Flamme in mir wieder entfacht wurde: die Leidenschaft für das Zeichnen und das Geschichtenerzählen. Während meines Studiums hatte ich die Gelegenheit, mich mit verschiedenen Techniken auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass Technik und Stil die Erzählung einer Geschichte beeinflussen und umgekehrt. Ich mag es sehr, verschiedene Techniken in einem Film zu verwenden, ich finde es anregend, eine homogene Geschichte mit verschiedenen Medien zu erzählen. Mit „Occhio“ wollte ich genau das tun: mich selbst herausfordern und lernen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ja, ich arbeite an vielen verschiedenen Projekten, vor allem zusammen mit meiner Kollegin Emilia Zieser, mit der ich das Studio Fazi gegründet habe. Neben der Zusammenarbeit mit anderen Produktionsfirmen, wie z.B. Zeitsprung Pictures GmbH , für die wir gemeinsam an der Serie „Euphorie“ gearbeitet haben, die demnächst auf dem Filmfest München zu sehen sein wird, entwickeln wir viele eigene Projekte. Von einer animierten Webserie, zu Dokumentar- und Kurzfilmen, bis zu einem Virtual Reality Projekt. Ich hoffe, dass ich in Zukunft mehr darüber erzählen kann, im Moment sind wir noch in der Entwicklungsphase.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Occhio“