Sechs Fragen an Valentin Fogoros

Doreen Kaltenecker
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Anna Fouquere

Interview: Im Gespräch mit dem rumänischen Regisseur Valentin Fogoros konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Aid“ erfahren, der im Kurzfilm-Programm des 35. Filmfestival Cottbus 2025 lief. Er erzählt von der realen Situation an der Grenze zur Ukraine und wie er das mit den Mittel des Kinos in einen fiktionale Geschichte umwandelte und spricht darüber, welche Bedeutung diese Region für ihn hat.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?

Die Idee entstand direkt an der ukrainischen Grenze, als der Krieg begann. Als Russland am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, klebte ich an meinem Handy und verfolgte obsessiv die Nachrichten. Journalisten oder Dokumentarfilmer, Freunde von mir, waren bereits an der Grenze, um zu berichten oder sich ehrenamtlich zu engagieren. Nach ein paar Tagen hatte ich das Gefühl, dass es nicht ausreichte, nur zuzuschauen. Ich fuhr zum alten Haus meiner Großeltern in der Nähe von Dorohoi und begann täglich nach Siret zu fahren, um ohne Plan zu filmen. Gleichzeitig arbeitete ich weiterhin von meinem Laptop aus an der Grenze für ein Unternehmen, was den Kontrast noch deutlicher machte.

Während ich das filmte, was später mein Dokumentarfilm „Arsenchiks erster Geburtstag“ wurde, traf ich eine 28-jährige Flüchtlingsmutter, die versuchte, Dokumente für ihr Kind zu bekommen. Durch sie lernte ich Daniel kennen, einen Einheimischen, der mehrmals täglich mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten unterwegs war. Er kannte die Region sehr gut und erzählte mir Geschichten über Schmuggel und Menschenhandel, die auch während des Krieges noch stattfanden. Daniel erzählte mir von einem entfernten Cousin von ihm, der wegen Zigarettenschmuggels verhaftet worden war.

So entstand „Aid“. Ich begann mich zu fragen: Was wäre, wenn jemand, der von diesem Umfeld geprägt ist, ein Kind in Not treffen würde? Welche Art von Verbindung ist möglich, wenn man nicht einmal dieselbe Sprache spricht?

Wie ist das Leben in dieser Grenzregion zur Zeit? Wie hat es sich durch den Angriffskrieg auf die Ukraine verändert?

Diese Region ist mir nicht unbekannt. Meine Mutter stammt von dort, daher kenne ich sie schon lange vor dem Krieg. Sie war immer wirtschaftlich schwach und ruhig. Ich erinnere mich, dass ich als Kind in den 2000er Jahren zu meinen Großeltern fuhr und diesen enormen Kontrast sah. Der Großteil des Dorfes lebte in Armut, selbst das Haus meiner Familie hatte kein fließendes Wasser und meine Großeltern fuhren mit Pferd und Wagen herum. Ganz unerwartet wurden aber mitten in dieser abgelegenen Stadt einige riesige Häuser gebaut. Ich war ein Kind und kaufte mir ein Automagazin. Ich las einen Artikel über das BMW 6er Coupé E63, das einige Monate zuvor auf der Frankfurter Automobilausstellung vorgestellt worden war und plötzlich sah ich eines in der Garage meines Nachbarn! Wie kam das? Nun, entweder waren es Leute, die Zigaretten schmuggelten, oder korrupte Grenzpolizisten, die mit von der Partie waren. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte der Region.

Nach der Invasion wurde es zu einem Ort ständiger Bewegung. Flüchtlinge, Freiwillige, Journalisten, Hilfskonvois. Die Menschen passten sich sofort an, öffneten ihre Häuser, organisierten Hilfe und improvisierten. Aber daneben kamen auch andere Dynamiken zum Vorschein. Überlebensstrategien, die es schon vorher gab, wurden sichtbarer und intensiver.

Auch wenn heute alles ruhig erscheint, herrscht dennoch eine anhaltende Spannung. Der Krieg findet physisch jenseits der Grenze statt, aber psychologisch ist er immer noch sehr präsent. Kürzlich wurde aber auch ein Dorf wegen des Krieges evakuiert.

Dein Film wirkt sehr authentisch. Wie wichtig war Dir auf visueller Ebene Authentizität?

Authentizität war mir sehr wichtig, ja, vor allem, weil ich bereits einen Dokumentarfilm am selben Ort und zum selben Thema gedreht habe. Gleichzeitig wollte ich aber über die reine Dokumentation hinausgehen. „Arsenchiks erster Geburtstag“, den ich an der Grenze gedreht habe, war mir wichtig, aber mir ist bewusst, dass in diesem Moment fast jeder etwas Bedeutungsvolles hätte filmen können, mit einer Kamera oder sogar einem iPhone. Die Realität selbst war beeindruckend. Als Regisseur hatte ich während der Dreharbeiten nicht wirklich viel Kontrolle und habe den Film hauptsächlich im Schnitt gestaltet.

Mit „Aid“ wollte ich etwas anderes erreichen. Es war mein erster Spielfilm, und da ich aus dem Dokumentarfilmbereich komme, hatte ich das Bedürfnis, mich bewusst mit der Sprache des Films auseinanderzusetzen. Wir blieben an realen Drehorten und verwendeten einen visuellen Ansatz, der im Dokumentarfilm verwurzelt ist: Handkamera, Nähe zu den Figuren. Aber dieses Mal komponierte, inszenierte und schuf ich Bedeutung am Set.

Ich war besonders daran interessiert, poetische Elemente zu erforschen: Sounddesign, Rhythmus, Stille und den emotionalen Raum zwischen den Handlungen. Die Welt im Film wirkt immer noch fragil, als könnte sie jeden Moment zusammenbrechen, aber der Unterschied ist, dass ich dieses Gefühl hier aktiv durch das Kino gestalte und nicht nur aufzeichne.

Die Darstellenden spielen ihre Rollen überzeugend. Wie hast Du sie gefunden und nach welchen Kriterien hast Du sie ausgewählt?

Die beiden Hauptdarsteller sind tatsächlich Vater und Sohn, Cristian Bota und sein Sohn Pavel. Das war für den Film entscheidend. Ihre echte Beziehung ermöglichte ein Maß an Vertrauen und emotionaler Authentizität, das man nicht künstlich erzeugen kann. Cristian half Pavel dabei, meine Vision zu verstehen, aber Pavel brachte seine eigenen Instinkte ein, insbesondere unter schwierigen Bedingungen wie der eisigen Kälte während der Dreharbeiten.

Ich war nicht an theatralischen Darbietungen interessiert. Ich wollte Reaktionen, Präsenz und Stille, um die Geschichte zu erzählen.

Kannst Du mir zu Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich komme aus der Werbebranche, wollte aber zum Film, also habe ich einen Master in Dokumentarfilm gemacht und mehrere Jahre damit verbracht, ganz unterschiedliche Arten von Filmen und Themen zu erkunden. Ich komme nicht wirklich aus einer einzigen Richtung. Ich habe in der Werbung, Mode, Technik und jetzt im Film gearbeitet. Ich bin immer auf Entdeckungsreise.

Valentin Fogoros

In meinen Filmen, die verschiedene Medien und Genres umfassen, beschäftige ich mich mit Archivmaterial über meine eigene Familie, mit Filmen über Migration, Filmen mit Bezug zum Krieg und Beobachtungsdokumentationen.

Lange Zeit war ich weniger daran interessiert, mich selbst zu definieren, sondern vielmehr daran, Neues zu entdecken. Gleichzeitig habe ich mich immer zur Fiktion hingezogen gefühlt. Ich liebe Dokumentarfilme wegen ihrer Authentizität und Unvorhersehbarkeit, aber in Dokumentarfilmen gibt es Grenzen, wie viel man eingreifen kann. In der Fiktion kann man mehr mit Struktur, Rhythmus, Ton und Symbolik spielen. Es geht nicht darum, die Realität zu kontrollieren, sondern sie bewusster zu gestalten.

Ich wollte schon seit einiger Zeit Fiktion machen, hatte aber keine Gelegenheit dazu, bis ich an einem Drehbuchentwicklungsprogramm im Rahmen des War on Screen Film Festivals teilnahm. Ich erhielt eine Entwicklungsförderung von rund 13.000 Euro, die es mir ermöglichte, den Film tatsächlich zu drehen. Das Programm konzentrierte sich auf Krieg, aber ich war nicht an einer direkten Darstellung interessiert. Ich wollte mich dem Thema indirekt nähern, über die Randbereiche und über alltägliche moralische Entscheidungen. Aid“ wurde mein Einstieg in das fiktionale Kino, während ich gleichzeitig allem nahe blieb, was ich durch meine Arbeit mit Dokumentarfilmen gelernt hatte.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, mehrere, und sie unterscheiden sich bewusst stark voneinander. Im Moment befinde ich mich in einer Phase der Erkundung. Kürzlich habe ich einem befreundeten Filmemacher „Aid“ und einen weiteren Film gezeigt, an dem ich gearbeitet habe, und seine Reaktion war ganz einfach: Das sind zwei völlig unterschiedliche Filme. Ich denke, das beschreibt ziemlich gut, wo ich gerade stehe.

Ein Projekt befindet sich bereits in der Postproduktion. Es handelt sich um eine schwarze Komödie im Mockumentary-Stil mit dem Titel „The Americans Are Coming“. Der Film handelt von einem Amerikaner, der nach Rumänien kommt, um einen Dokumentarfilm zu drehen, und spielt mit kulturellen Stereotypen, Machtverhältnissen und den Absurditäten der Darstellung. Vom Ton und Stil her ist er sehr weit von „Aid“ entfernt.

Gleichzeitig bereite ich ein Spielfilmprojekt mit dem Titel „Quota“ vor, das als Western konzipiert ist, der in Rumänien gedreht wird. Hier gibt es bereits eine Westernkulisse, und ich möchte sie mit amerikanischen Schauspielern nutzen und das Genre ernst nehmen, aber gleichzeitig mit seinen Konventionen spielen. Dieses Projekt befindet sich derzeit in der Vorproduktion.

Neben diesen Spielfilmen entwickle ich auch einen längeren Dokumentarfilm über das Internet und Online-Selbstjustiz, ebenfalls in einem völlig anderen Stil.

Nachdem ich mehrere kurze Dokumentarfilme und „Aid“ als meinen ersten Spielfilm gedreht habe, probiere ich bewusst verschiedene Genres und Formate aus. Für mich geht es in dieser Phase darum, durch das tatsächliche Drehen zu verstehen, welche Art von Kino ich machen möchte, anstatt mich im Voraus zu entscheiden.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Aid


Interview: In our conversation with Romanian director Valentin Fogoros, we learned more about his short film „Aid„, which was featured in the short film program of the 35th Cottbus Film Festival 2025. He talks about the real situation on the border with Ukraine and how he used the medium of cinema to transform it into a fictional story, and discusses the significance of this region for him.

How did the idea for your short film come about?

The idea grew directly out of being at the Ukrainian border when the war started. On 24 February 2022, when Russia invaded Ukraine, I was glued to my phone, following the news obsessively. Journalists or documentary filmmakers, friends of mine were already at the border reporting or volunteering. After a few days, I felt that watching wasn’t enough. I drove to my grandparents’ old house near Dorohoi and started going daily to Siret, filming without a plan. At the same time, I was still working remotely for a corporation from my laptop at the border, which made the contrast even sharper.

While filming what later became my documentary „Arsenchik’s First Birthday“, I met a 28-year-old refugee mother trying to get documents for her child. Through her, I met Daniel, a local who was making several trips a day with food, clothes, and medicine. He knew the region intimately and told me stories about smuggling and human trafficking that were still happening, even during the war. Daniel told me of a distant cousin of his who was arrested for trafficking cigarettes.

That’s where „Aid“ came from. I started asking myself: what if someone shaped by that environment met a child in need? What kind of connection is possible when you don’t even share a language?

What is life like in this border region at the moment? How has it changed as a result of the war of aggression against Ukraine?

This region isn’t unknown to me. My mother is from there, so I’ve known about it long before the war. It was always economically fragile, quiet. I remember going to my grandparents house, in the 2000s there as a child and seeing this huge contrast. Most of the village lived in poverty , even my family’s house didn’t have indoor plumbing and my grandparents were going around in a horse and cart .. that was with some expectations. In the middle of his isolated town there were some huge houses being built. I was a child and I bought a car magazine. I read an article about the BMW 6 series E63 coupe that was unveiled at the Frankfurt Motor Show a few months prior .. and suddenly I saw one in my neighbours garage! How come? Well it was either people smuggling cigarettes or corrupt border police that were in on the action. That’s just a bit of history of the region.

After the invasion, it turned into a space of constant movement. Refugees, volunteers, journalists, aid convoys. People adapted immediately, opening homes, organizing help, improvising. But alongside that, other dynamics surfaced too. Survival strategies that existed before became more visible and more intense.

Today, even when things appear calm, there’s a lingering tension. The war is physically across the border, but psychologically it’s still very much present. Recently a village was evacuated because of the war.

Your film seems very authentic. How important was authenticity to you on a visual level?

Authenticity was very important, yes, especially because I had already filmed a documentary in the same place, on the same subject.

But at the same time, I wanted to move beyond pure documentation. „Arsenchik’s First Birthday“, which I filmed at the border, was important to me, but I’m aware that in that moment almost anyone could have filmed something meaningful, with a camera or even an iPhone. The reality itself was powerful. As a director, I didn’t really control much during that film and I shaped the film mainly in the edit.

With „Aid„, I wanted something different. It was my first fiction film, and coming from documentary, I felt the need to engage consciously with cinematic language. We stayed in real locations and used a visual approach rooted in documentary , handheld camera, closeness to the characters , but this time I was composing, directing, and building meaning on set.

I was especially interested in exploring more poetic elements: sound design, rhythm, silence, and the emotional space between actions. The world in the film still feels fragile, like it could collapse at any moment, but the difference is that here I’m actively shaping that feeling through cinema, not just recording it.

The actors play their roles convincingly. How did you find them and what criteria did you use to select them?

The two main actors are actually father and son, Cristian Bota and his son, Pavel. That was essential for the film. Their real relationship allowed for a level of trust and emotional truth that you can’t manufacture. Cristian helped guide Pavel through my vision, but Pavel brought his own instincts, especially in difficult conditions like the freezing cold during shooting.

I wasn’t interested in theatrical performance. I wanted reactions, presence, and silence to carry the story.

Can you tell me about yourself and how you came to the movie?

I come from an advertising background, but I wanted to go into film so I did a master’s in documentary filmmaking and spent several years exploring very different kinds of films and subjects. I don’t really come from a single lane. I’ve worked in advertising, fashion, tech and now film. I’m always exploring.

In my film work across mediums and genres , archival work about my own family, films about migration, films connected to war, and observational documentaries

.For a long time, I was less interested in defining myself and more interested in exploring. At the same time, I was always drawn to fiction. I love documentaries for its authenticity and unpredictability, but in documentaries there are limits to how much you can intervene. In fiction, you can play more with structure, rhythm, sound, symbolism. It’s not about controlling reality, but about shaping it more consciously.

I wanted to make fiction for a while, but I didn’t really have the opportunity until I participated in a script development program connected to the War on Screen Film Festival. I received a development grant of around €13,000, which made it possible to actually make the film. The program was focused on war, but I wasn’t interested in a direct depiction. I wanted to approach the subject indirectly, through the margins and through everyday moral choices.

Aid“ became my way of entering fiction cinema while staying close to everything I had learned through documentary work.

Are there any new projects planned?

Yes, several, and they’re deliberately very different from each other.

At the moment, I’m in a phase of exploration. Recently, I showed „Aid“ and another film I worked on to a filmmaker friend, and his reaction was very simple: these are two completely different films. I think that describes where I am right now.

One project is already in post-production. It’s a black comedy mockumentary called „The Americans Are Coming.“ It follows an American who comes to Romania to make a documentary, and it plays with cultural stereotypes, power dynamics, and the absurdities of representation. Tonally and stylistically, it’s very far from „Aid„.

At the same time, I’m preparing a fiction project titled Quota, which is conceived as a Western shot in Romania. There’s an existing Western set here, and I’m interested in using it with American actors and treating the genre seriously while also playing with its conventions. That project is currently in pre-production.

Alongside these fiction films, I’m also developing a longer documentary about the internet and online vigilante justice, again in a completely different style.

After making several short documentaries and „Aid“ as my first fiction film, I’m consciously testing different genres and formats. For me, this period is about understanding what kind of cinema I want to make by actually making it, rather than deciding in advance.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Aid

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