Neun Fragen an Fanny Texier

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der amerikanischen Regisseurin Fanny Texier konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „A Woman’s Place Is Everywhere“ erfahren, der auf der 76. Berlinale 2026 im Rahmen des ‚Berlinale Shorts‘-Programm mit dem Silbernen Bären Preis der Jury (Kurzfilm) ausgezeichnet wurde. Sie erzählt davon, wie es dazu kam, einen Film über ihre Freundinnen zu machen, wie lange sie die beiden filmisch begleitet hat und was der Film über die persönliche Geschichte hinaus von der Gentrifizierung der Stadt New York erzählt.

The original english language interview is also available.

Die Zwillinge selbst haben Dich eingeladen, über sie einen Film zu machen, richtig? Kannst Du mir zum Ausgangspunkt für Deine Dokumentation erzählen?

Ich bin eine enge Freundin von Emilija und Ona. Ich kannte auch ihre Mutter. Als sie sie plötzlich verloren haben und kurz darauf eine Räumungsaufforderung erhielten, luden sie mich ein, ihr Leben in der Wohnung zu dokumentieren, die sie geprägt hatte. Sie wussten nicht, wie lange sie noch bleiben konnten.

Wie lange und wie oft hast Du gefilmt?

Ich habe über drei Jahre lang gefilmt. Ich ging ein paar Mal im Monat ins Loft, um zu filmen, und legte dann manchmal ein paar Monate Pause ein. Ich verbrachte auch viel Zeit im Loft, ohne zu filmen. Meistens filmte ich, wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas Wichtiges passieren würde. 

Durch eure Freundschaft konntest Du den beiden sehr nah sein, gab es trotzdem Momente, in denen sie dich gebeten haben, Abstand zu nehmen?

Ja. Während ihres Rechtsstreits gab es Dinge, die sie aufgrund der Vertraulichkeit des Falles nicht preisgeben dürfen. Und es gab Momente, die einfach zu schwierig oder belastend waren, sodass sie nicht immer vor der Kamera stehen wollten.

Warum beginnst Du den Film mit einem Streit?

Genauso ist es im echten Leben passiert: An meinem allerersten Drehtag hatten sie einen heftigen Streit. Die Spannung war bereits da, daher fühlte es sich authentisch an, genau dort anzufangen. Außerdem bot sich so eine Möglichkeit, in ihre Vergangenheit überzuleiten, da sie sich auch als Kinder oft gestritten hatten.

Es geht aber nicht nur um die beiden, sondern auch um die Gentrifizierung der Stadt. Wie weit schwang das immer als Thema mit?

Ihr Rechtsstreit dauerte etwa drei Jahre, daher war er stets präsent. Das Archivmaterial trägt zudem dazu bei, den Wandel ihres Stadtviertels über mehrere Jahrzehnte hinweg zu veranschaulichen. Ich wollte mich der Gentrifizierung jedoch aus der Perspektive des häuslichen Lebens nähern. Aus einer intimen und sehr persönlichen Perspektive heraus. 

Was lag Dir visuell am Herzen?

Von Anfang an habe ich das Loft als eine Art Figur gesehen. Es ist ein so einzigartiger und filmischer Raum, und er wirkte wie eine Zeitkapsel. Deshalb wollte ich, dass der Film diese filmische Bildsprache beibehält. Vor den Dreharbeiten war mir bewusst, dass ich in eine Zeit eintrat, die für sie bereits stressig und chaotisch war. Deshalb entschied ich mich, mit einem Stativ zu filmen. Für mich wirkte das Loft geerdet, wie ein sicherer Ort, auch wenn alles um sie herum instabil war. Ich habe sehr beobachtend gefilmt. 

Wie geht es den beiden jetzt? Was sagen sie zum Film?

Nachdem sie das Loft verlassen hatten, zogen sie in den Norden des Bundesstaates New York, um etwas Bezahlbareres zu finden. Es geht ihnen gut, auch wenn sie das Loft vermissen. Der Film hat ihnen sehr gut gefallen, und ihre anhaltende Zusammenarbeit und ihr gegenseitiges Vertrauen haben maßgeblich dazu beigetragen, ihn zu verwirklichen.

Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Fanny Texier, Regisseurin von „A Woman’s Place Is Everywhere“ bei der 76. Berlinale

Ich bin in einem Pariser Vorort geboren und aufgewachsen. Ich bin überhaupt nicht mit dem Filmemachen groß geworden. Ich habe mit der Fotografie angefangen und dann in Montreal eine Journalistenschule besucht. Zunächst arbeitete ich als Videojournalist, habe mich dann aber nach und nach von den Nachrichten entfernt, um meine eigenen Dokumentarfilme zu drehen. Ich bin Autodidakt. Ich folge einfach den Geschichten, die mir wichtig erscheinen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Seit fünf Jahren arbeite ich an meinem ersten Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Ich kann noch nicht allzu viel darüber verraten, aber es ist ein sehr persönlicher Film, der drei Künstler über mehrere Jahre hinweg begleitet und eine einzigartige visuelle Herangehensweise verfolgt.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „A Woman’s Place Is Everywhere


Interview: In our conversation with American director Fanny Texier, we learned more about her short film “A Woman’s Place Is Everywhere”, which won the Silver Bear Jury Prize (Short Film) at the 76th Berlinale in 2026 as part of the “Berlinale Shorts” program. She talks about how she came to make a film about her friends, how long she followed them on camera, and what the film reveals about the gentrification of New York City beyond their personal stories.

The twins themselves invited you to make a film about them, right? Can you tell me about the starting point for your documentary?

I’m a close friend of Emilija and Ona. I knew their mom too. When they lost her suddenly, and immediately got served eviction papers, they invited me to document their lives in the space that had shaped them. They didn’t know how much longer they could stay.

How long and how often did you film with them?

I filmed for over three years. I would go to the loft to film a few times a month, then sometimes pause for a couple of months. I would also spend a lot of time at the loft not filming. I mostly filmed when I felt something important was about to happen. 

Because of your friendship, you were able to get very close to them. Were there still moments when they asked you to keep your distance?

Yes. During their legal battle, there were things they couldn’t share because of the confidentiality of the case. And there were moments that were just too difficult or stressful, so they didn’t always want to be on camera.

Why do you start the film with an argument?

Because that’s how it happened in real life. They had a big argument on my very first day filming. The tension was already there so it felt honest to start there. It also became a way to transition into their past, since they used to fight a lot as kids too.

But it’s not just about the two of them. The film is also about the gentrification of the city. To what extent was that always a recurring theme?

Their legal battle lasted about three years, so it was always present. The archival footage also helps convey the transformation of their neighborhood over several decades. But I wanted to approach gentrification from inside the home. From something intimate and hyper personal.

What was important to you visually?

From the beginning, I saw the loft as a character. It’s such a unique and cinematic space, and it felt like a time capsule. So I wanted the film to keep that cinematic visual language. Before filming, I knew I was entering a moment that was already stressful and chaotic for them. So I chose to film on a tripod. For me, the loft felt grounded, like a safe space, even as everything around them was unstable. I shot in a very observational way. 

How are the two of them doing now? What do they say about the film?

After leaving the loft, they moved upstate New York to find something more affordable. They’re doing well even though they miss the loft. They loved the film and their ongoing collaboration and trust was a big part of making it.

Can you tell me a little bit more about yourself and how you got into filmmaking?

I was born and raised in a Parisian banlieue. I didn’t grow up around filmmaking at all. I started with photography, then went to journalism school in Montreal. I worked as a video journalist at first, then slowly moved away from news to make my own documentaries. I’m self taught. I just kept following the stories that felt important to me.

Are there any new projects in the works?

I’ve been working on my first feature documentary for the past five years. I can’t say too much yet, but it’s also a very intimate film that follows three artists for over several years and it has a unique visual premise.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „A Woman’s Place Is Everywhere

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