- „Imago“ (2024) - 1. Mai 2026
- Acht Fragen an Kris Carr - 30. April 2026
- „Grandma Is Thirsty“ (2025) - 30. April 2026
Interview: Im Gespräch mit Pavel Mozhar konnten wir mehr über seinen dritten Kurzfilm „Mit einem freundlichen Gruß“ erfahren, der auf dem 76. Berlinale 2026 im Rahmen des ‚Berlinale Shorts‘-Programms seine Weltpremiere feierte. Er erzählt, wie er den ehemaligen Betrieb in der Uckermark und die portraitierten Personen fand, wieso er sich dazu entschied, Bilder auf den Kopf zu stellen und was die Geschichte dieses Ortes über Deutschland erzählt.
Wie bist Du auf die verlassene Fabrik in der Uckermark gestoßen und warum hast Du Dich dafür entschieden, einen Film darüber zu machen?
Auf die Fabrik selbst bin ich während einer Recherche zufällig zusammen mit einem Arbeitskollegen gestoßen. Wir waren mit dem Auto in der Uckermark unterwegs, haben von Weitem ein paar hohe Gebäude gesehen und sind auf das Gelände gefahren. Einer dieser verlassenen Orte, die ich aus meiner Jugend in Brandenburg zur Genüge kenne. Mit vielleicht einem Unterschied: In einem ehemaligen Verwaltungsgebäude fanden wir lange Regale und Aktenschränke voll mit Ordnern und Produktionsunterlagen aller Art. Finanzbücher,
Bauzeichnungen, Gehaltsabrechnungen, Reparaturaufträge – man könnte wahrscheinlich den gesamten Betrieb bis zur Schließung der Anlage im Jahr 1991 anhand dieser Unterlagen rekonstruieren. In einem Raum fanden wir neuere Schnellhefter mit Bewerbungen aus den Jahren 2004 bis 2008 – aus der Zeit eines gescheiterten Wiederaufbaus, wie ich später erfahren habe. Diese Anschreiben haben unser eigentliches Interesse geweckt. Wenn man schon die ersten Mappen liest, merkt man schnell, dass es nicht nur um die Arbeitssuche, sondern um persönlichen Schmerz, Ängste, Hoffnungen, Lebensumstände und Erinnerungen einer Generation geht. Um die Frage, wie ein Mensch seinen Platz in einem neuen System findet und wie er sich darin orientiert. Es war schnell klar, dass wir aus diesem Zeitdokument einen Film machen müssen.
Wer hat die Bewerbungen eingesprochen und was war Dir dabei wichtig?
Die Bewerbungen wurden von der Schauspielerin Nicole Gospodarek eingesprochen. Intuitiv habe ich mir für diese Texte eher eine Frauen- als eine Männerstimme vorgestellt. Also habe ich mir ungefähr zwei Wochen lang jeden Tag alle möglichen Schauspielerinnen und Sprecherinnen angehört, die ich auf den üblichen Plattformen finden konnte. Im nächsten Schritt haben wir ein Casting gemacht und hatten ganz unterschiedliche Varianten dabei – vom regionalen Akzent bis zur weichen poetischen Tonlage. Den Editor Jannik Eckenstaler und mich hat die Stimme von Nicole aber am meisten beeindruckt und nicht mehr losgelassen. Sie hat die Sätze dieser Bewerbungen aus ihrer Alltäglichkeit herausgehoben und zu einer Erzählung verdichtet. Es ging plötzlich nicht nur um den formalen Akt der Arbeitssuche, sondern um das Schicksalhafte.
Hast Du versucht, die Schreiber:innen der Bewerbungen ausfindig zu machen?
Nein, das habe ich bewusst nicht versucht. Mich haben von Anfang an nicht die Geschichten einzelner Menschen interessiert – wobei einige sicherlich sehr spannend und aufschlussreich gewesen wären –, sondern die große Geschichte aus vielen Stimmen. Ein Mosaik persönlicher Schicksale, das etwas über das Leben in der Region und vielleicht über ein kleines Stück neuerer deutscher Geschichte erzählt.
Die Menschen, die Du im Film portraitierst, haben keine direkte Beziehung zum Betrieb. Nach welchen Gesichtspunkten hast Du sie ausgewählt?
Die Menschen, die wir im Film sehen, kommen aus den umliegenden Ortschaften, kennen diesen Ort natürlich, haben aber keine direkte Beziehung zu ihm. Wir hatten keine starren Auswahlkriterien. Als wir ins Auto gestiegen sind und uns auf die dreitägige Reise durch die Uckermark gemacht haben, dachten wir, dass wir froh sein können, wenn sich überhaupt jemand bereit erklärt, sich von einer Kamera ablichten zu lassen. Ich bin da wirklich mit niedrigen Erwartungen rangegangen. Aber bereits am ersten Tag wurden wir positiv überrascht. Die Menschen waren sehr offen für unser Vorhaben und auch „experimenteller Kurzfilm in Schwarz-Weiß“ hat sie nicht abgeschreckt. Einige fanden es toll, dass noch auf Film gedreht wird. Wir hatten natürlich nur eine sehr begrenzte Anzahl an Filmrollen, also habe ich nach jeder Station bzw. jeder Aufnahme mir ein paar Notizen zu den Porträts gemacht, damit wir uns nicht wiederholen. Klar, ein Kriterium war zum Beispiel, möglichst unterschiedliche Altersgruppen zu haben. Und es ging auch ein bisschen darum, dass die Gesichter zwar Geschichten und Spuren des Lebens in sich tragen, zugleich aber auf eine Weise zeitlos wirken.
Mit Nahaufnahmen fängt du die Menschen ein und der Betrieb stets auf dem Kopf – Warum hast Du Dich dafür und für Schwarz-Weiß entschieden?
Die Idee, den Betrieb kopfüber zu zeigen, war zunächst eine Intuition, nachdem ich die Bewerbungen gelesen habe. Ich habe mit dem Kameramann Jonas Römmig gesprochen, und er war zunächst skeptisch. Also sind wir das erste Mal hingefahren, haben Fotos gemacht und den visuellen Zugang zu dem Stoff gesucht. Als wir am nächsten Tag die Fotos auf einem großen Monitor ausgewertet haben, hat uns vor allem ein Raum
unmittelbar getroffen. Wenn man die Totale dieses Raumes um 180 Grad dreht, sieht es so aus, als ob er keinen Boden hätte. Ich habe mich direkt orientierungslos, verwirrt und beklommen gefühlt – als ob mir tatsächlich der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Dieses Gefühl hat für mich mit den Anschreiben korrespondiert, und da wussten wir, dass wir nach Räumen suchen wollen, die das transportieren.
Schwarz-Weiß kommt aus der Anlehnung an die Porträtfotografien von Dorothea Lange und Walker Evans, die zur Zeit der Großen Depression in den USA gemacht wurden. Es ging uns darum, intuitiv eine visuelle Brücke zu den ersten Krisen des modernen Kapitalismus zu schlagen.
Sind bereits neue Projekte geplant? Wird bald ein Langfilm kommen?
Ein Langfilm ist noch nicht in Sicht. Ehrlich gesagt bin ich auch nicht sehr heiß darauf. In der Filmschule wird ja einem permanent eingetrichtert, dass der Kurzfilm ein Sprungbrett oder eine Visitenkarte ist, mit der man dann endlich einen Langfilm machen kann. Ich sehe das inzwischen anders. Ich fühle mich wohl im Kurzfilmformat, kann meine Stoffe so erzählen, wie ich es will, mich dabei ausprobieren und Fehler machen. Mit jedem Projekt lerne ich unglaublich viel dazu, auch über mich selbst, ohne dabei auszubrennen. In meiner jetzigen Entwicklungsphase als Filmemacher reicht mir das erst einmal.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Mit einem freundlichen Gruß“

