Neun Fragen an Kilian Helmbrecht

Doreen Kaltenecker
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Atara Film

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher und Ornithologen Kilian Helmbrecht konnten wir mehr über seinen Dokumentarfilm „Im Licht der Sandbank“ erfahren, der auf dem 47. Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 seine Weltpremiere feierte. Er erzählt, wie es ihn für eine längere Zeit auf die Insel Scharhörn verschlug, wie das Leben eines Vogelwartes und Filmemachers vor Ort aussieht und was ihm wichtig ist, wie Dokumentarfilme über Natur und Tiere auszusehen haben. 

Du hast bereits einen Kurzfilm auf Scharhörn gedreht, richtig? Entstand da bereits die Idee einen längeren Film zu machen? Wie kam es denn genau zu der Möglichkeit, Vogelwart und Filmemacher auf der Insel zu sein?

Im Jahr 2016 habe ich „Einmannland“ auf Scharhörn gedreht. Damals bekam ich sehr kurzfristig die Möglichkeit, für ein paar Wochen nach Scharhörn zu gehen. Ich wollte in der Zeit einen Film über das Gefühl, dort zu sein, machen. Die Idee war, das Immaterielle an der Landschaft zu beobachten, indem ich ihr Abfärben auf den Protagonisten beobachte. Das war auch damals schon ich als Protagonist. Aus der Arbeit ging ich mit dem Eindruck heraus, dass ich zwar einen schönen Film gedreht, aber den Kern der Sache verfehlt habe. Warum war das so? Diese Frage hat mich sehr lange beschäftigt und bei den Folgeprojekten immer im Hintergrund begleitet. Parallel ist der Wunsch gereift, nach Scharhörn zurückzukehren und mit dem breiteren Wissen und mehr Erfahrung wieder einen Film zu drehen. Da bin ich sehr froh, dass sich der Verein Jordsand, der die Insel betreut, und der Nationalpark darauf eingelassen haben. Eigentlich ist Scharhörn wie die anderen unbewohnten Inseln im Wattenmeer für Filmteams kaum zugänglich. Drehgenehmigungen werden nur für einen Tag und eine begrenzte Fläche ausgestellt. Aber das Vertrauen in mich als Naturschützer und Filmemacher war groß genug, damit ich für diesen Film nach Scharhörn konnte – unter der Auflage, dass ich Kamera, Regie und Ton eben auch alleine vor Ort und in Personalunion als Vogelwart mache.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr (als das was man im Film sieht) zu der alltäglichen Arbeit eines Vogelwartes erzählen?

Kilian Helmbrecht

Die Hauptaufgaben sind das Monitoring der Brut- und Zugvögel. Gerade im Frühjahr, wenn tausende Seevögel in den Dünen nisten, gibt das den Takt vor. Was im Kalender für mich zuerst nur nach ein paar Stunden Arbeit aussah, hat schnell den ganzen Tag gefüllt. Insbesondere wenn es noch kalt ist, ist alles um ein Vielfaches anstrengender als auf dem Festland. Es gibt kaum Windschatten. Allein warm zu bleiben, Essen zu machen, Wasser abzukochen, Holz zu hacken und wieder trocken zu werden, kann schon einen großen Teil des Tages beanspruchen. Darauf musste ich mich zunächst einstellen. Irgendwann im Frühling wurde die Insel aber gutmütiger, die Tage einfacher und ich habe mich daran gewöhnt, mir den Tagesablauf vom Wetter und den Gezeiten diktieren zu lassen. Ich hatte engen Austausch mit der Nachbarinsel Neuwerk, wo ein Team vom Verein Jordsand sitzt und viel Kontakt zu meinen Freund:innen. Das ist im Film aber stark reduziert, damit die Aufmerksamkeit wirklich beim Erleben der Insel bleibt.

Wie fühlt es sich an, solange abseits des alltäglichen Trubels zu sein? Möchtest Du nochmal zur Insel zurückkehren?

Ich würde sehr gerne wieder nach Scharhörn zurück, wenn auch nicht für so lange. Dafür ist es für mich weniger relevant, von irgendetwas weit weg zu sein, sondern vielmehr die Sehnsucht nach dem, was dort ist: Das Licht, die vielen Vögel, die Tiefe, in die man blicken und hören kann. Es ist selten wirklich still. Meistens hört man Vögel und Schiffsmotoren. Aber es ist ganz stark reduziert und ich kann Geräusche hören, die sehr weit weg sind. Das macht die Umwelt so groß und gleichzeitig versetzt es mich an den Rand. Ich fühle mich weder abseits noch im Zentrum, sondern als ein Element der Landschaft wie die Möwen, Dünen und der Müll im Spülsaum. Gleichzeitig erlebt man viel mehr als nur Natur. Über der Insel haben regelmäßig Kampfjets Übungsflüge gemacht. Der Welthandel schippert auf riesigen Frachtern wenige hundert Meter vor der Inselkante entlang. Ich erlebe das nicht als fernab vom Weltgeschehen, sondern als etwas anderen Blickwinkel als den, den ich in der Stadt habe, wenn Informationen vor allem über Gespräche und Medien zu mir kommen und weniger über unmittelbare Erfahrung.

Du wählst eine andere Art der Naturdarstellung. Kannst Du mir zu deinen visuellen Richtlinien erzählen?

Die Art, wie Körper dargestellt werden, ist politisch. Sie prägt, wie Körper wahrgenommen werden, was ihnen zu- und abgesprochen wird, wie die Verfügung über sie legitimiert und delegitimiert wird. Das Wissen ist in den vergangenen Jahren zum Glück stärker im Mainstream angelangt. Dafür, dass das aber auch für nicht menschliche Körper zutrifft, vermisse ich aber noch ein breiteres Verständnis. Man kann nicht unschuldig nur die Schönheit der Natur zeigen, weil die Bildtraditionen, mit denen das Recht auf Leben der nichtmenschlichen Körper verteidigt wird und jene, mit denen ihre Verwertung legitimiert wird, sehr nah beieinander liegen und sich oft überschneiden. Dazu kommt die Frage, welchen Menschen Zugang gewährt und wer ausgeschlossen wird. Wer darf also in welcher Weise über Natur verfügen? Wenn wir über ‚Natur‘ sprechen, nennen wir zwei Dinge zur selben Zeit: Einerseits sind das die Berge, Flüsse, Pflanzen, Tiere etc. und andererseits ein vielfältiges Set an Ideen, wie sie betrachtet und verstanden werden. Ohne dieses Set an Ideen wäre Naturzerstörung, wie wir sie erleben, im wortwörtlichen Sinn nicht denkbar. Ich habe mir die Herausforderung gestellt, Bilder zu finden, die von meiner Liebe für die Insel Scharhörn und die Vogelwelt erzählen und sich gleichzeitig von dieser Ideengeschichte abgrenzen. Dafür waren Liebesfilme eines meiner Beispiele. Auf der einen Seite gibt es eine Menge Filme, die ein zerstörerisches Bild von Liebe haben. Aber insbesondere im queeren Kino gibt es eine Menge bessere Vorbilder. Ich kann auch an die Landschaft und die Lebewesen dort gerichtet fragen: Wer bist du? Warum finde ich dich toll? Was brauchst du? Wo sind deine Grenzen? Wer ist für dich wichtig? Es geht also um Beziehungen und um Bilder, die von diesen Beziehungen sprechen. Deswegen war zentral für mich, dass jedes Bild aus der Haltung entsteht, dass da ein Körper ist und dieser Körper etwas fühlt. Ich habe versucht, Risse in der Naturästhetik zu finden und gleichzeitig mich über die Schönheit der Lebewesen und der Phänomene der Insel anzunähern.

Wie hast Du die Aufnahmen vorbereitet? Hattest Du mehrere Kameras oder mehrere Takes? Wie viel Material ist entstanden?

Am Ende hatten wir 200 Stunden Bild- und 400 Stunden Tonmaterial. Das klingt auf den ersten Eindruck aber heftiger, als es am Ende war. Ich habe viele sehr lange Einstellungen gedreht. Wenn ich etwas aus meinem Alltag gefilmt habe, habe ich die Kamera mit einer vagen Vorahnung platziert und dann für lange Zeit laufen lassen, manchmal 45 Minuten. Dann war ein interessanter Moment dabei oder auch nicht. Meistens nicht. Es gab also nicht einmal richtige Takes. Dazu wusste ich aus der Vorbereitung, was für Bilder ich für die Struktur brauche, zum Beispiel die Anreise oder das Zählen der Vögel. Das hat mir geholfen, einzuschätzen, wann ich die Kamera einschalte. Auf der anderen Seite hatte ich eine Handkamera, die ich immer bei mir geführt habe und mit der ich schnell auf das reagieren konnte, was ich beobachtet habe. Am Anfang dachte ich noch manchmal, ich würde für ein verpatztes Bild eine zweite Chance bekommen. Aber jedes Phänomen gibt es nur einmal oder höchstens ein paar Tage lang, dann hat sich die Insel wieder gewandelt. Deshalb habe ich sehr viel Zeit auf der Insel verbracht, beobachtet und dann, wenn es verheißungsvoll wurde, zu drehen begonnen. Das war mir wichtig, um keine generischen Nordseebilder zu drehen, sondern solche, die von einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit erzählen. 

Wie fühlt es sich an, selbst Protagonist zu sein? Kamst Du Dir auch manchmal wie ein Schauspieler vor?

Ich finde es nicht leicht, selbst im Bild und im Film zu sein. Aber wenn ich Bilder von der Insel sehe und das etwas mit mir macht, dann, weil ich Erfahrungen und Vorwissen mitbringe. Deswegen war für mich klar, dass ich meine Erfahrungen preisgeben und Wissen einbinden muss. In „Einmannland“ habe ich viel von meinem Innenleben geteilt. Das hatte zur Folge, dass ich mich als Mensch wieder sehr in den Mittelpunkt rücke und es mehr darum geht, was das alles für mich bedeutet, anstatt die Insel und ihre Lebewesen für sich sprechen zu lassen. Deshalb habe ich mich diesmal auf die Beobachtung des Alltags beschränkt. Dadurch habe ich auch einen gewissen Druck verspürt, dass dieser Alltag in irgendeiner Weise aussagekräftig ist. Das war eigenartig. Dem bin ich mit den sehr langen Aufnahmen begegnet, bei denen ich die Kamera irgendwann vergessen hatte. Auf der einen Seite hatte ich auf Scharhörn Hobbys wie Seawatching, bei dem ich stundenlang in Hoffnung auf einen seltenen Seevogel aufs Meer starre, die wahrhaft nicht im Ansatz filmogen sind. Das hat beschränkt, was sich vom Alltag drehen lässt. Auf der anderen Seite hatte ich eine sehr schwierige Zeit, als der Krieg zwischen Israel und dem Libanon ausbrach und ich Teile meiner Familie dort wusste. Es war nicht einfach, zusätzlich zu der emotionalen Belastung auch noch zu entscheiden, was davon in den Film gehört und was nicht. Und natürlich gab es Momente, in denen ich mich gefragt habe, wie jetzt dieses oder jenes im Bild wirkt. In meiner Erfahrung passiert das mit Protagonist:innen immer und mal ist es fruchtbar, mal stört es. Die Herausforderung ist hier vielleicht eher, dass man beim Zuschauen anders darüber nachdenkt, wenn der Regisseur auch noch Protagonist ist, weil Selbstinszenierungen ein großer Teil des Medienkonsums sind. Beim Schnitt haben wir immer wieder geschaut, wann sich das Nachdenken darüber für uns sinnvoll anfühlt und das als Mittel genutzt, um zu erzählen, dass ich da wirklich alleine bin und nicht ein Filmteam die Einsamkeit inszeniert.

Ist eine Kinoauswertung geplant oder wo kann man Deinen Film (als nächstes) sehen?

Wir werden mit missingFILMs im kommenden Winter in die Kinos starten. Bis dahin werden wir noch auf so vielen Festivals laufen wie möglich. Aber es gibt jedes Jahr viele gute Dokumentarfilme, die um die wenigen Plätze im Programm der Festivals konkurrieren. Deshalb bin ich gespannt, wie viele Screenings es tatsächlich werden. Schon jetzt freue ich mich auf die Aufführungen bei Achtung Berlin im April und um November bei den Nordischen Filmtagen Lübeck.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Als Jugendlicher habe ich mit Freunden zusammen kurze Animationsfilme gedreht, die damals einen Nerv getroffen haben und auf vielen Festivals liefen. Da bin ich das erste Mal bin ich mit der Filmbranche und der Perspektive, selbst Filme zu drehen, in Kontakt gekommen. Die junge Filmszene habe ich als sehr herzlich erlebt. Über die Filmfestivals konnte ich verschiedene Programme der Nachwuchsförderung mitmachen. Weil ich so gerne draußen bin, habe ich mit Anfang zwanzig angefangen, für Naturfilmproduktionen zu arbeiten.

Kilian Helmbrecht

Erst als Assistent, dann als Teil eines größeren Kamerateams, mit dem wir prompt für einen Emmy-Award nominiert wurden. In der Zeit begann auch mein kritisches Verhältnis zur Darstellung von Natur in Film zu wachsen. Danach habe ich „Einmannland“ gedreht, der eine Grimme-Nominierung erhielt. Das erste mal kein Glück hatte ich in der Pandemie, als ein Film, an dem ich sehr lange als Co-Regisseur gearbeitet hatte, nicht fertig gestellt werden konnte. Danach habe ich mich noch entschlossener in Richtung Autorenfilm orientiert. Parallel habe ich mich schon seit über zehn Jahren mich im Naturschutz engagiert und war in verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv. Ich bin leidenschaftlicher Vogelbeobachter und arbeite zusätzlich als Ornithologe. Das erlaubt mir als Filmschaffender eine Unabhängigkeit, die ich sehr genieße.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich halte mich sehr zurück, nicht sofort mit dem nächsten Film anzufangen. Das liegt zum einen daran, dass ich meine Aufmerksamkeit bei der Verbreitung von „Im Licht der Sandbank“ halten möchte. Zum anderen ist es zur Zeit sehr schwierig, Dokumentarfilme zu finanzieren. Ich möchte mich weniger daran orientieren, was auf dem Markt zur Zeit gut funktioniert, sondern daran, was ich persönlich als Beitrag zur Öffentlichkeit leisten möchte. Wir haben jetzt einen Film fertiggestellt, der ruhig und zurückgenommen Nähe zu einer bedrohten Landschaft herstellt und subtil Ökologie mit der politischen Gegenwart verknüpft. Das ist genau das, woran ich zur Zeit arbeiten will. Mein nächster Film wird wahrscheinlich expliziter Biodiversitätsverlust behandeln. Aber dazu kann ich jetzt noch nicht viel sagen.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Im Licht der Sandbank

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