Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

@Rowohlt Verlag

Buchkritik: Hände weg, Hypochonder! „Arbeit und Struktur“ ist das Tagebuch eines unheilbar Krebskranken. Weil der Wolfgang Herrndorf heißt und ein mit warmherzigem Humor begnadeter Autor ist, haben wir es hier nicht mit einem Report aus Jammer und Klage zu tun. Herrndorf schreibt über ärgerliche, anstrengende und lustige Begebenheiten. Er notiert seine Ängste und Gedanken, beschreibt seine Termine mit Ärzten und die Treffen mit Freunden. Auch die Symptome, die er durch den Hirntumor und die Operationen hat, hält er fest.

Genau das löst bei manchem Leser leichte Anflüge von Hypochondrie aus. Bewegt sich da im äußersten Sichtfeld wirklich was, oder bilde ich mir das ein? Woher kommt denn die Stimme in der Straßenbahn? Da steigt Unruhe auf, bis man den in den Sitzplatz gesunkenen Handytelefonierer sieht.

Der Einstieg ist holprig. Herrndorf wirft mit medizinischen Vokabeln um sich, die für ihn schon normal sind. Den unbedarften Leser überfordert das anfangs, hier wären ein paar Fußnoten im Anhang mehr gewesen. Schnell liest man sich aber ein und erschließt sich das Wichtigste, oder googelt es. Ab dann ist es die typische Mischung, die das Leben ausmacht, und das intensiv wie selten: Komödienstückchen und Glücksfälle, Ausfälle und Dramen. Innerhalb der wenigen Jahre, über die sich „Arbeit und Struktur“ erstreckt, wird der Radfahrer Herrndorf zweimal von Autofahrern umgemäht. Schuldbewusstsein hält bei den Autofahrern nur kurz, falls überhaupt vorhanden. Ein andermal beschreibt Herrndorf die seltsame Mischung von hypermoderner Technik und uraltem Papierkram-Apparat, aus dem die Krankenhäuser gemacht sind.

Was mich wirklich umgehauen hat, war eine Begebenheit in den letzten Lebensmonaten des Tschick-Autors. Es gibt ein neues Medikament, das gut gegen seine Art von Krebs helfen soll. Die Krankenkasse will es vielleicht irgendwann bezahlen, muss dafür aber erst noch langwierige Prüfungen durchführen. Wolfgang Herrndorf hat dank „Tschick“ genug Geld auf dem Konto, das selbst zu zahlen. 7.000 Euro kostet eine Dosis – so viel, wie Herrndorf vor einiger Zeit noch für ein ganzes Jahr zum Leben zur Verfügung hatte. Durch Krankenkassenwechsel kommt die Bewilligung für das Medikament übrigens viel schneller. Schon zwei Wochen nach seinem Tod.

Wolfgang Herrndorf will nicht ohne Bewusstsein vor sich hindämmern, das macht er immer wieder klar. Als der nächste Tumor nicht mehr operabel ist und auch die Medikamente ausgeschöpft sind, geht Wolfgang Herrndorf zum Plötzensee und erschießt sich. Er hatte sich dort eine schöne Stelle für dieses letzte Vorhaben auserkoren. Doch durch den ausgefallenen Orientierungssinn fand er sie nicht mehr. Er behalf sich mit einem anderen Plätzchen, etwa 200 Meter vom Wunschort entfernt.

Fazit: Grandios, hellsichtig und mit zartem Humor in der Tragödie. Dieses Werk ist ein Geschenk für die Nachwelt. Der Preis dafür sind einige Momente, in denen man fürchtet, todkrank zu sein. Aber das ist es wert. Und wer kein Geld ausgeben möchte, schaut einfach auf der ursprünglichen Blogseite vorbei, die immer noch aktiv ist.

Bewertung: 5/5

geschrieben von Katrin Mai

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