Fünf Fragen an Sebastian Mayr

Sebastian Mayr (mitte) beim 19. Landshuter Kurzfilmfestival

Sebastian Mayr (Mitte) beim 19. Landshuter Kurzfilmfestival

Interview: Viel Beifall bekam der österreichische Kurzfilm “All the tired horses” auf vielen Festivals, darunter auch dem 19. Landshuter Kurzfilmfestival und dem 30. Filmfest Dresden. Im Interview erzählt uns der Filmemacher Sebastian Mayr, wie er seine Geschichte fand, samt passenden Titel und, wie wichtig die richtige Wahl der Schauspieler ist.

Dein Kurzfilm “All the tired horses” ist vieles auf einmal: übertrieben, gesellschaftskritisch, sehr amüsant und ehrlich. Wie kam es zur Entwicklung der Geschichte? Spielen wahre Ereignisse eine Rolle?

All The Tired Horses haben wir zu dritt geschrieben und entwickelt. Lena Weiss, unsere Produzentin und Alexander Dirninger, der Kameramann und ich. Wir haben uns von Anfang an eher eingeschränkt und gesagt: wir wollen ein Kammerspiel machen. Ich glaube mich zu erinnern, dass Reinhold Grebe’s Lied “Reich mir mal den Rettich rüber” in gewisser Weise ein erster Denkanstoß war in diese Misere von ‘30-jährigen Pärchen’ vorzudringen.

Wir haben uns selbst dann einfach ein paar Mal zu dritt zum Essen getroffen und immer weiter entwickelt. Lena sagte dann mal:” Wenn das eine brasilianische Telenovela wäre, dann wäre Alice auch noch schwanger..” So haben sich immer mehr Mosaiksteine zusammengefügt, bis das Drehbuch fertig war.

Die Satire ist etwas, das uns generell sehr am Herzen liegt. Also nehme ich an, dass der gesellschaftskritische Aspekt unumgänglich in unserer Erzählhaltung war. Und natürlich spielen wahre Ereignisse eine Rolle. Ich zumindest zehre immer von der Realität – auch, wenn es nur eine Geschichte ist, die mir erzählt wird und ich gar nicht dabei war, stelle ich sie mir vor und begebe mich in diese Figuren hinein. Und wenn man dann sich vorstellt wie eine Figur tickt und wie sie etwas sagen oder ignorieren würde, kann man da schon wieder etwas authentisches beschreiben, auch wenn diese Geschichte so nie oder einem selbst niemals passiert ist. Aber wer war noch nicht bei einem Abendessen eingeladen und hat recht schnell gemerkt:” Oje…das wird richtig anstrengend…”?

Dein Humor ist sehr treffsicher. Hast Du große Vorbilder an denen Du Dich orientierst?

Danke für die Blumen! Die höchste Form humorvoll zu sein ist für mich vollendet bei Anton Tschechow – unerreicht, genial. Aber als Vorbild würde ich ihn niemals nennen. Slapstick ist mir zuwider und das kann ich auch nicht und Satire war mir einfach immer schon das Liebste.

Da sind Filme wie “Z” [Regie: Costa-Gavras, 1969], “Dr. Strangelove” [Regie: Stanley Kubrick, 1964] oder “Catch22” [Regie: Mike Nichols, 1970] bestimmt große Inspirationen gewesen. Das ist ein Ton der mir einfach immer schon immer sehr gut gefallen hat.

Auch die Auswahl der Darsteller ist gelungen. Kannst Du uns mehr zum Castingprozess erzählen?

Am liebsten weiß ich schon beim Schreiben, wer welche Rolle spielt. Ich glaube daran, dass gute Schauspieler sich auf alles einlassen können und alles spielen können. Aber ich glaube auch daran, dass eine perfekte Besetzung sehr vieles noch vereinfacht und schon der halbe Dreh ist. Anna Rot, Clemens Berndorff und Oliver Rosskopf sind drei Schauspieler mit denen ich schon immer mal drehen wollte. Und als mich die Casterin anrief und sagte, sie hätte die 18-jährige Brigitte Bardot an der Hand, dachte ich mir: ”Ja, ja … klar. Nur her damit.” Als Zoe Straub dann den Raum betrat, 18 Jahre alt, unheimlich erfahren ohne jemals gespielt zu haben, und genau das ausstrahlte, was ich gesucht hatte, wusste ich, wir haben den Cast zusammen.

Glücklicherweise konnten wir chronologisch drehen, das heißt wir konnten jeden Tag reagieren, auf das was passiert war. Und so habe wir dann jede Nacht noch am Drehbuch geschrieben und den Schauspielern am nächsten Tag neue Seiten gebracht. Dazu hatten wir auch teilweise 10 minütige Takes. Wir haben unseren Schauspielern sehr viel abverlangt und sind Ihnen so unglaublich dankbar.

Erzähl uns etwas mehr zu dem Titel des Films. Er beruht ja auf einen Song …

Zusammen mit Lena und Alex habe ich noch einen zweiten Film zu der Zeit gedreht, namens “Die Hochzeit”. Lena war bei einem Treffen an der Filmakademie bei dem sie “All the tired horses” anmelden musste. Sie schrieb mir eine SMS: ”Wie soll der Film denn jetzt heißen?” Ich dachte sie meinte “Die Hochzeit” und sagte ihr “All the tired Horses”. So blieb es dann auch. Im Nachhinein passt der Titel viel besser als er auf den anderen Film gepasst hätte.

Für mich sind die müden Pferde die Generation an ‘30-jährigen Pärchen’, die wie unmündig in einer Lebenssituation stecken, aus der sie sich aus eigener Kraft nicht befreien können, weil genau eben diese Situation, in der sie sich befinden, zu viel Kraft kostet, sei es der Freundeskreis, eine Beziehung, Arbeit oder ein nicht gelebter Traum.

Im Original von Bob Dylan: „All the tired horses in the sun, how am I supposed to get any riding done!?

Wie geht es bei Dir weiter? Hast Du das Bedürfnis nach Berlin zu ziehen?

Lena, Alex und ich erarbeiten gerade wieder einen Kurzfilm. Wir wollten eigentlich schon an unseren Langfilm arbeiten, aber dann kam es zu dieser beunruhigenden, politischen Entwicklung in unserem Land. Da haben wir dann dem politischen Kurzfilm die Priorität gegeben, weil es uns nicht kalt lässt, was da gerade alles bei uns passiert. Sehr traurig, was sich im Dienste von Wahlergebnissen an humanitärer Rückentwicklung legitimieren lässt.

Davon abgesehen arbeite ich gerade an mehreren Stoffen für einen Spielfilm und eine Serie. Die Serie könnte ab Staffel 2 sogar in Berlin spielen, aber hinziehen…?! Glaub ich nicht.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lest auch unsere Kurzfilmkritik zu “All the tired horses”

Ein Gedanke zu “Fünf Fragen an Sebastian Mayr

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.