Elf Fragen an Jung Sae Yun

Interview: Im Gespräch mit dem jungen Filmemacher und Fotografen Jung Sae Yun konnte die Testkammer mehr über die Entstehung seines Abschlussfilms „Die Welle“ erfahren, über die wahren Hintergründen der Geschichte und warum ein Kurzfilm genau das richtige Format für die Geschichte war.

Dein Kurzfilm „Die Welle“ erzählt eine wahre Geschichte. Kannst Du mir mehr über die Hintergründe erzählen und warum Du Dich dafür entschieden hast, daraus einen Animationsfilm zu machen?

Diese Geschichte ist eine wahre Geschichte. Allerdings nicht direkt von mir, aber von einem Freund. Er hat diesen Unfall selbst mit angesehen. Am Todestag seiner Mutter wollten sie gemeinsam zu dem Wellenbrecher hinfahren. Er hat in dem Auto gewartet und sein Freund ist auf den Wellenbrecher gegangen. Da ist dann etwas Gruseliges passiert. Eine große Welle ist gekommen und er ist mit dieser verschwunden. Er war einfach weg. Die Mutter ist auch die gleiche Weise gestorben. Sie ist einfach verschwunden und ihre Leiche wurde nie gefunden. Diese Geschichte hat mich verfolgt und deswegen habe ich sie in einem Film verarbeitet. Ich mag Geschichten, die man nicht so genau erklären kann. Wenn man diese Geschichte hört, dann fühlt es sich an wie ein großer Schreck, darüber wie das Leben sein kann und was den Menschen passieren kann. Ich mag solche Geschichten und deswegen habe ich sie für meinen Abschlussfilm ausgewählt.

Könntest Du dir vorstellen daraus einen längeren Film zu machen oder findest Du, dass der Kurzfilm das beste Medium für diese Geschichte ist?

Ich finde, dass die Geschichte genau richtig für einen Kurzfilm ist, da es keine komplizierte Geschichte ist. Die Mutter und John verschwinden. Das war’s. Das bereitet zwar einen richtigen Schock, passt aber trotzdem gut für einen Kurzfilm.

Warum wird dieser gefährliche Ort, wo zwei Menschen gestorben sind, nicht abgesperrt?

Ich weiß nicht wieso. In dem Seedorf sind sogar aufgrund dieser Monsterwellen viele Fischer verschwunden. Zwar kennen die einheimischen Fischer die Monsterwellen schon, aber Fischer aus anderen Städten und Ländern kennen diese nicht. Wir haben einen englischen Lehrer getroffen von den Philippinen in einem Seedorf und habe ihm von der Geschichte erzählt. Und er sagte, er hat viele Bekannte, die durch solche Monsterwellen verschwunden sind.

Und ich denke, in diesem Ort denken die Leute wohl, dass es einfach ein Unfall war.

Im Film sind einige Details untergebracht, die Einblick in ein tägliches Leben in Südkorea geben – ich denke dabei vor allem an das Essen. Kannst Du mir mehr davon erzählen, was Du als, sag ich mal, als typische Elemente eingebaut hast?

Ein Kimbob ist eine Seetangrolle mit Reis. Die Japaner und Koreaner essen das beide gerne. Dann gibt es noch den Alkohol Soju aus grünem Reis. Und die Fische. Und Kimbob ist gewöhnliches Essen in Südkorea, wenn Kinder oder Tote geehrt werden soll. Es ist ein Symbol der Liebe. Ich wollte die Beziehung von Mutter und dem Sohn im normalen Leben in Südkorea zeigen.

Es gibt zudem Bilderrahmen und ein christliches Symbol an der Wand. Ich habe viele Fragen dazu gehört, warum das dort hängt. Die meisten Leute denken Korea ist ein buddhistisches Land. Aber es gibt dort viele gläubige Katholiken und Protestanten. Ich möchte zeigen, wie Tod und Glauben auch im Alltag präsent sind.

Erzähl mir bitte etwas mehr zu Deinen Animationen. Welche Technik benutzt und wie lange hast Du für die Umsetzung gebraucht?

Ich wollte anfänglich eine Animation mit Wasserfarben machen, aber das dauert richtig lange in der Produktion. Deswegen habe ich mich für ein Animationsprogramm entschieden. Es gibt ja schon richtig gute Programme, mit denen man so etwas auch machen kann. Ich wollte nicht drei oder vier Jahre an diesem Film sitzen. Trotz Unterstützung von vier Animatoren hat es zwei Jahre gedauert.

Ich habe es mit der Unterstützung der NRW-Filmstiftung gemacht und durfte daher keine Studenten einsetzen, da diese ja schon Unterstützung vom Staat erhalten. Zusammen mit zwei koreanischen Animatoren, einen Kolumbianer, einem Brasilianer und einen deutschen Animator habe ich das Projekt realisiert. Der Brasilianer, der Kolumbianer und die Deutschen  schufen die Zwischenframes. Im Normalfall übernahmen die koreanischen Animatoren die Gesichter, die anderen übernahmen die Animation der anderen Bereiche.

Ich selbst habe es vorgezeichnet, wie es aussehen soll. Ich habe nur die Bewegungen gezeichnet und in meiner Animation gibt es keine Gesichter. Diese haben die koreanischen Animatoren dann gemacht, denn wenn ein anderer Ausländer oder Deutsche ein koreanisches Gesicht zeichnen, sieht es manchmal befremdlich aus.

Für den Ton hast Du ebenfalls professionelle Sprecher gewählt?

Es ist schwierig in Deutschland einen koreanischen Sprecher zu finden. Aber ich kenne Leute, die an den Opern arbeiten. Die haben die gute Stimmen und die richtigen Akzente.

Warum hast Du Dich für diese fast traumhafte, geisterhafte Eingangssequenz entschieden?

Dieser Tanz ist ein Todestanz in Südkorea. Ich habe eine Tänzerin, um einen Choreographie für den Todestanz gebeten. Aber diese wurde zu lang und deswegen habe ich die Sequenz kürzer geschnitten und mit Tinte mit dem Computerprogramm animiert. Das sieht dabei wie ein Geist aus. Ursprünglich wollte ich das erst am Ende zeigen. Aber als ich die Tusche-Arbeit gemacht hatte, war die Tanzszene als Ende zu langweilig. Deswegen habe ich sie an den Anfang gestellt.Ich wollte sie als ein Element nutzen, das die Spannung steigert.

Jetzt zu Dir: Du kommst aus Südkorea und studierst hier. Wie hast Du zum Film und nach Deutschland gefunden?

Sae Yun Jung auf dem 61. DOK Leipzig

Ich war Fotograf und habe in Südkorea gearbeitet. Aber nach Deutschland bin ich gekommen, weil aus Deutschland viele bekannte, moderne Fotografen kommen. In Seoul habe ich an einer Uni für Fotografie studiert. Wegen meiner Karriere wollte ich dann in Deutschland weiter studieren. Wenn man in Korea eine gute Ausstellung machen will, braucht man Erfahrungen im Ausland. Deswegen bin ich nach Köln an der KLM gegangen und  haben dort angefangen zu studieren. Beim Studium habe ich dann Animation noch attraktiver gefunden und deswegen habe ich meine Profession geändert. Manchmal arbeite ich noch im Fotobereich, aber ansonsten nur noch in der Animation.

Und du wirst nun beim Animationsfilm bleiben?

Ja. Ich meiner zweijährigen Militärzeit in Südkorea habe ich viel Zeit gehabt, zu zeichnen und Geschichten zu schreiben. Deswegen hatte ich mich insgeheim da bereits für die Animation entschieden.

Du bist jetzt auch in einem Animationsfilmkollektiv? Kannst Du mir mehr davon erzählen?

Ich arbeite im Kollektiv namens Vamos [Anmerk. der Red.: Unabhängiges Animationsstudio in Köln, Deutschland] – alles ehemalige Studenten der KLM. Ich bin Südkoreaner, meine Kollegen kommen aus Kolumbien und Brasilien und eine Deutsch-Kolumbianer. Wir kommen alle aus dem Ausland und haben uns im Studium zusammengefunden.

Wie geht es bei dir weiter? Auf welche zukünftigen Filme und Projekte können wir uns freuen?

Ich habe richtig großes Interesse für Augmented Reality. Ich mache ein Animationsprojekt für das Viertel, indem ich wohne. Da gibt es viele Ausländer und ich habe für mein nächstes Projekt dieses Leben von den Leuten in meinem Viertel als Pflanzen eingefangen. Verschiedene Pflanzen aus verschiedenen Ländern vermischen sich und ergeben eine phantastische Pflanze. Es gibt dazu schon eine Ausstellung und ich möchte das Projekt weitermachen und einen Garten bauen. In diesem und dem nächsten Jahr will ich noch mehr Pflanzen schaffen mit noch mehr Leuten und mehr Workshops.

Die Ausstellung kann man aktuell in Köln sehen und vielleicht bald auch auf dem nächsten DOK Leipzig. Dort gibt es einen Bereich für Virtual Reality und Augmented Reality und da will ich mich bewerben. Vielleicht kann man dann die Ausstellung dort sehen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Die Welle

2 Gedanken zu “Elf Fragen an Jung Sae Yun

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