Sieben Fragen an Thanh Nguyen Phuong

Thanh Nguyen Phuong (rechts) beim 61. DOK Leipzig

Interview: Im Gespräch mit der Kommunikationsdesign-Studentin Thanh Nguyen Phuong erzählt sie uns, wie es dazu kam, dass sie für ihren Kurzfilm „Sorge 87“ ein persönliches Thema wählte, wie der Dreh war und welche Animation sie für ihren Dokumentarfilm wählte.

Im Rahmen Deines Studiums hast Du Dich in Deinem Kurzfilm „Sorge 87“ mit der Geschichte Deiner Familie auseinandersetzen können. Warum hast Du Dich für dieses sehr persönliche Thema entschieden?

Die Migrationsgeschichte meiner Eltern wurde in der Familie nie ausführlich thematisiert und hat mich deswegen schon immer sehr gereizt. Der Kurs war für mich die perfekte Gelegenheit, um etwas zu produzieren, das nicht nur für mich und meine Familie interessant ist, sondern auch für alle anderen. Das Thema ist zwar sehr persönlich, aber auch stellvertretend für viele vietnamesische Vertragsarbeiter*innen in der ehemaligen DDR.

Du hast das Projekt zusammen mit deiner Schwester realisiert. Wie habt ihr die Aufgabengebiete verteilt?

Meine Schwester hat das Interview mit Herrn Neubert in die Wege geleitet. Wir waren zusammen mit Chris, unserem Kameramann bei dem Ehepaar zu Hause. Thuy hat das Interview mit ihnen geführt und ich habe mich um den Ton gekümmert. Den Rest habe ich dann alleine zusammengestellt.

Wie haben eure Eltern auf diese Interviewanfrage reagiert?

Unsere Eltern haben sich im ersten Moment davor gesträubt, da sie ungern vor der „Öffentlichkeit“ (oder in dem Fall vor der Kamera) sprechen. Als ich erzählt habe, dass es mir wichtig ist, weil es für ein Uniprojekt ist, stand es für sie gar nicht mehr in Frage. Und so saßen meine beiden Schwestern Thuy (27), Thuy Nhi (12), meine Eltern und ich – die ganze Familie – an einem Tisch und haben aufmerksam unseren Eltern zugehört.

Neben Deinen Eltern hast Du das Ehepaar Neubert, sie machen den Film so wunderbar echt, interviewt, welches sächsischer nicht sein könnte. Wie hast Du sie gefunden?

Meine Schwester hat meinen Papa zum Arzt begleitet und traf im Wartezimmer Herrn Neubert, der meinen Vater sofort erkannte und meinte: „Der Hoan, der war immer der kleine Rabauke“. Herr Neubert war in der ehemaligen DDR der Leiter des Wohnheims in Werdau, in dem meine Eltern und viele Vietnames*innen untergebracht worden. Nach der Wende hat er in der Ausländerbehörde gearbeitet und kennt deswegen sehr viele Vietnames*innen in Werdau.

Erzähl mir mehr zu den Animationen. Diese bebildern ja nicht nur die Geschichte, sondern sind auch mit einer speziellen Technik realisiert.

Ich habe hauptsächlich mit Linolschnitt gearbeitet und die produzierten Bilder auf Stoffe gedruckt, eingescannt und digital animiert. Die Bilder basieren auf Grundlage von privaten Fotos, Bildern von echten DDR-Produkten oder Ortsaufnahmen, die ich nachskizziert habe. Die Produktion war im Endeffekt so aufwändig, dass es sich wie Bandarbeit anfühlte und ich dem Thema dadurch noch näher kam.

Die Geschichte der Gastarbeiter in der DDR und vor allem, wie es danach weiterging, erinnert in Grundzügen an unsere jetzige Situation in Deutschland. War das beabsichtigt?

Nein, denn das Thema Migration ist meiner Meinung nach allgegenwärtig. In dem Kurs ging es um animierte Dokumentarfilme und ich habe mich aus Eigeninteresse für das Thema entschieden, da es mir sehr nahe steht und ich oder wir nie ein Gespräch in dem Umfang darüber hatten. Ich finde es extrem wichtig, dass wir wissen, was unsere Eltern durchgemacht haben. Nur so können wir sie in vielen Dingen auch verstehen.

Wie geht es bei Dir weiter? Hast Du vor, auch andere Formen der Animation zu erproben?

Ich habe bisher im Bereich der Animation gearbeitet, aber es ist auch nicht die einzige Vertiefung in meinem Beruf als Kommunikationsdesignerin. Das Thema ist mit dem Film für mich nicht abgeschlossen und ist ein kontinuierlicher Prozess, weshalb ich auch schon ein weiteres Projekt plane. Ob Animation wieder vorkommen wird, weiß ich noch nicht. Das entscheidet sich dann erst, wenn ich genügend Material gesammelt habe.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Sorge 87“

3 Gedanken zu “Sieben Fragen an Thanh Nguyen Phuong

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