Fünf Fragen an Nicolas Keppens

Nicolas Keppens und Matthias Philips © Internationaal Kortfilmfestival Leuven

Interview: Im Gespräch erzählt uns der niederländische Filmemacher Nicolas Keppens, wie sein Film „Wildebeest“ entstand, der auf dem 61. DOK Leipzig seine Deutschlandpremiere feierte, was ihm bei der Umsetzung am Herzen lag und von seiner Zuneigung zu Elefanten.

The original english language interview is also available.

Matthias Philips und Du habt bei dem Kurzfilm „Wildebeest“ Regie geführt und euch das Drehbuch dafür erdacht. Wie kam es zu der Idee des Films?  

Es gab drei wichtige Beweggründe, dies zu tun. Die Idee für die visuelle Technik kam zuerst, also suchten wir nach einigen interessanten Live-Action-Bildern, um einen Dialog mit den animierten Charakteren zu schaffen. Sehr bald wussten wir, dass es besser ist, Städte zu meiden (da wir Schwierigkeiten haben würden, alle Menschen in den gefundenen Aufnahmen zu verdecken), und wir mochten die Idee, dass die einzigen realistischen Lebewesen die Tiere sein würden. Also suchten wir nach einem Ziel mit wenigen Menschen und vielen Tieren. Zweitens: Ich war lange Zeit daran interessiert, etwas mit Touristen zu machen, das Missverhältnis zwischen den Gewohnheiten der Menschen und dem Ort, an dem sie sich befinden, ohne zu urteilen oder eine Meinung äußern zu wollen, genau diese Beobachtung. Das Letzte, was mir beim Schreiben wirklich wichtig war, war die Kurzgeschichte „La femme adultère“ [„Die Ehebrecherin“] von Albert Camus. Es ist lustig, ich denke, dass ein so großer und subtiler Schriftsteller eine gute Referenz war, aber diese Geschichte hat mir wirklich geholfen, alles zusammenzusetzen und die Idee zu entwickeln, dass der Witz von Linda, die auf die Tiere zu läuft, eine gute Handlung wäre.

Erzähl mir mehr über die Finanzierung. Habt ihr euch erfolgreich über Crowdfunding finanziert?

Der größte Teil des Budget kam vom VAF, dem flämischen audiovisuellen Fonds, ein weiterer großer Teil kam von einer Tax Shelter Investition und der letzte Teil, um alles so abzuschließen, wie wir es wollten, kam von Crowdfunding. Es war uns wichtig, die letzten Details wirklich hinzuzufügen, aber es war nur ein kleiner Teil des Budgets.

Erzähl mir zum Entstehungsprozess. Habt ihr zuerst die Außenaufnahmen gedreht (oder Found Footage verwendet?) und dann darauf animiert?

Während des Schreibens hatten wir bereits die Rechte an einem 45-minütigen deutschen Dokumentarfilm über die Savanne erworben. Das hat wirklich sehr geholfen. Wir haben uns auch eigene Ideen einfallen lassen, weil wir so viel Material hatten. Die spezifischeren Aufnahmen, die wir in der Dokumentation nicht gefunden haben, wurden auf Shutterstock gekauft. Nur der Prolog und einige Landschaften wurden von uns selbst gefilmt, aber wir sind leider nicht nach Afrika gegangen, obwohl ich denke, dass es wirklich geholfen hat in Belgien zu bleiben und den Ton zu belassen, wie er jetzt ist.

Wie habt ihr euren Animationsstil gefunden – war der schon durch vorhergehenden Arbeiten bedingt?

Die Charaktere basierten auf dem Zeichenstil, den Matthias bereits hatte. Ich bin ein großer Fan von Mike Judges [Anm. d. Red.: Produzent der Serie „King of the Hill“] Arbeit und seinem naiven, realistischen Ansatz in „King of the Hill“. Es ist eine sehr menschliche Serie, denke ich. Dies half sehr, den Stil in der Animation zu finden.

Wie habt ihr eure beiden Charaktere gefunden? Gibt es reale Vorbilder oder arbeitet ihr mit Stereotypen?

Linda als große Frau war uns wichtig. Es ist eine Art kindlicher dummer Witz, große Menschen mit fetten Tieren zu vergleichen, aber da wir viel daran gearbeitet haben, mit Linda zu sympathisieren, dachten wir, wir könnten das tun. Ich habe noch nie Leute getroffen, die sich darüber beschwert haben. Am Ende wollte ich, dass der Zuschauer glücklich ist, dass Linda ihren Träumen folgt, und ich wollte, dass es auf verschiedenen Ebenen funktioniert, als kindlicher, dummer Vergleich, aber auch auf eine emotionalere Weise. Es musste als eine normale Sache erscheinen, dass sie Teil einer Herde werden will.

Troyer ist der Macho, den man in vielen Beziehungen sieht. Die Art von Mann, der alles entscheiden will, auch für seine Frau. Ein Mann, der seine Frau dumm dastehen lässt, obwohl sie viel schlauer oder erfinderischer ist, als er es jemals glauben könnte.  

Woher kommt die Liebe zu Elefanten?

Ich weiß nicht mehr, Elefanten sind toll, das ist sicher. Chris Boni [Anm. d. Red.: Einer der Sprecher] ist in einer Seifenoper im belgischen Fernsehen zu sehen. In diesem Programm gibt es eine weitere Figur namens Jenny. Wenige Wochen nach der Premiere von „Wildebeest“ war Jenny auf der Titelseite einer Zeitschrift. Sie sagte, dass sie eines Tages zwischen den Elefanten in Afrika sterben wollte. Sie sagte, dass sie eines Tages, wenn sie das Gefühl hätte, dass ihr Leben aufhören könnte, zu den Elefanten in der Savanne rennen würde. Plötzlich war „Wildebeest“ eine hyperrealistische Geschichte über Leben und Tod.

Die Sprecher Sam Louwyck und Chris Boni sind großartig. War es schwierig, die richtigen zu finden?

Sam Louwyck ist einer der größten Schauspieler in Flandern, denke ich, wir haben uns sehr schnell für ihn entschieden. Linda war schwieriger, am Ende war es eher ein Typecasting. Chris Boni ist 80 Jahre alt und sie hat eine so lange Karriere, dass es schwieriger wurde, sie zu lenken, aber sie war super enthusiastisch und sie musste einfach ihre eigene oder eine langsame Version von ihr selbst spielen.

Könnt ihr mehr über euch erzählen und wie es zu eurer Zusammenarbeit kam. Wie wird es weitergehen, wird es weitere gemeinsame Projekte geben?

Ich arbeite gerade an einem neuen Animationskurzfilm, es braucht viel Zeit, da ich einen Vollzeitjob im Studio Hans Op de Beeck [Anm. d. Red.: Studio, welches große Installationen, Skulpturen, Film, Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Texte erstellt] habe. Ich mag beide Jobs sehr, da sie das Gegenteil in der gleichen Welt sind. In Hans‘ Atelier arbeite ich in der autonomen Kunstwelt, ich reise, arbeite mit Museen in den großen Kulturstädten, Galerien und Kunstmessen. Die Arbeit ist puristischer. In der Animation ist das Reisen zu kleineren, aber oft gemütlicheren Orten. Es ist grotesker, es geht darum, Geschichten zu erzählen, Kino, Zeichnung. Im Moment wüsste ich nicht, was ich wählen sollte, also bin ich glücklich, solange ich beides tun kann. Matthias und ich haben jetzt unsere eigenen Projekte, so dass ich nicht glaube, dass es bald eine neue Zusammenarbeit geben wird.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch unsere Kritik des Kurzfilms „Wildebeest


Interview: The Dutch filmmaker Nicolas Keppens tells us our interview how his film „Wildebeest“ was made, which had its German premiere at the 61st DOK Leipzig, what was close to his heart during the realisation and his affection for elephants.

Matthias Philips and you directed the short film „Wildebeest“ and came up with the script for it. How did the idea of the film come about?  

There were three major triggers to do this. The idea for the visual technique came first, so we were looking for some interesting live action images to create a dialogue with the animated characters. Very soon we knew that it was better to avoid cities (as we would have difficulties to mask out all the people in the found footage) and we liked the idea that the only realistic living creatures would be the animals. So we looked for a destination with few people and a lot of animals. I was for a long time interested in doing something with tourists, the mismatch between peoples habits and the place where they are, without judging or wanting to give an opinion, just this observation. The last thing that was really important to me in the writing was the short story „The Adulterous Woman“ by Albert Camus. It’s funny I think that such a big and subtle writer was a reference but this story really helped me to place everything together and to come up with the idea that the joke of Linda running towards the animals would be a good plot.

Tell me more about the financing – you successfully financed yourself with crowdfunding?

The biggest budget came from the VAF, the flemish audiovisual fund, another big part come from a tax shelter investment and the last part, to finish everything as we wanted came from crowdfunding. It was important for us to really add the last details but it was only a small part of the budget.

Tell me about the creation process. Did you first shoot the outdoor footage (or use found footage?) and then animate it?

While writing we had already bought the rights of an 45 minutes long German documentary about the Savannah. This really helped a lot. We also came up with ideas because the footage we had. The more specific shots that we didn’t found in the documentary was bought with Shutterstock. Only the prologue and some landscapes where filmed by ourselves, but we didn’t go to Africa unfortunately, although I think it really helped to keep the tone as it is now to stay in Belgium.

How did you find your animation style – was it already influenced by previous work?

The characters were based on the drawing style Matthias already had. I’m a big fan of Mike Judge’s work, and his naive realistic approach in King of the Hill. It’s a very human serie I think. This helped a lot to find the style in animation.

How did you find your two characters? Are there any real role models or do you work with stereotypes?

Linda being big was important to us. It’s kind of a childish stupid joke to compare big people with fat animals but as we worked a lot on sympathizing with Linda, we felt we could do this. I never had people complaining about this. At the end I wanted to have the viewer to be happy that Linda follows her dreams, and I wanted it to work on different levels, as a childish stupid comparison but also in a more emotional involved way. It had to seem a normal thing that she wants to become part of a herd.

Troyer is the macho you see in a lot of relationships. The kind of guy that wants to decide everything, also for his wife, the man that keeps his wife dumb, although she is much smarter or inventive than he could ever believe.

Where does the love for elephants come from?

I don’t know anymore, elephants are great, that’s for sure. Chris Boni is in a soap opera on the Belgian television. In this program, there is another character called Jenny. A few weeks after the premiere of „Wildebeest„, Jenny was on the front page of a magazine. She said that she wanted to die between the elephants in Africa one day. She said that one day when she would feel that her life may stop, she would run towards the elephants in the savannah. Suddenly „Wildebeest“ was a hyperrealistic tale about life and death.

The speakers Sam Louwyck and Chris Boni are great. Was it difficult to find the right ones?

Sam Louwyck is one of the greatest actors in Flanders I think, we decided really fast on him. Linda was more difficult, in the end it was more of a typecasting. Chris Boni is 80 years old and she has such a long career, this made it more difficult to direct her I think, but she was super enthusiast and she just had to play her own, or a slow version of her own.

Can you tell us more about yourself and how your collaboration came about? How will it go on, will you have more projects together?

I’m currently working on a new animation short, it takes a lot of time as I have a fulltime job at studio Hans Op de Beeck. I really like both jobs as they are the opposite in the same world. At Hans‘ studio I work in the autonome art world, I travel, work with museums in the big cultural cities, galleries, art fairs… The work is more pure. When in animation the traveling is to smaller but often more cosy places. It’s more grotesque, it’s about telling stories, cinema, drawing. For the moment I wouldn’t know what to choose so I’m happy as long as I can do both. Matthias and I have our own projects now, so I don’t think a new collaboration will come soon.

The questions were asked by Doreen Matthei

Read on our german review of the shortfilm „Wildebeest

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