Fünf Fragen an Eva van Tongeren

Regisseurin Eva van Tongeren

Interview: Im Gespräch mit der niederländischen Künstlerin Eva van Tongeren erzählt sie mir mehr über ihren Kurzfilm „Still from afar“, der im internationalen Wettbewerb der 25. Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg lief, und dem dahinterstehenden Projekt. Außerdem berichtet sie von der Wirkung des Briefverkehrs mit einem Pädophilen und wie sie die richtigen Bilder für ihre gemeinsame Geschichte fand.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Still from afar“ entstand durch ein Projekt. Kannst Du unseren Lesern mehr von seinen Ursprüngen erzählen?

Ich habe mich an einem Projekt namens „traliepost“ beteiligt, einem Projekt, das es Menschen im Gefängnis ermöglicht, mit jemandem außerhalb des Gefängnisses zu schreiben, um Einsamkeit zu verhindern und mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Ich begann dieses Projekt mit dem Gedanken, dass ich gerne schreibe und lese und dies eine Möglichkeit für mich war, mit jemandem in Kontakt zu treten, der weit weg von meiner eigenen kleinen sozialen Blase ist, ohne zu wissen, wie groß das Engagement war, als ich begann. Mit jemandem im Gefängnis zu schreiben, bedeutet, mit jemandem zu schreiben, der wirklich vulgär ist. Die Beziehung ist nie auf einer Ebene und es ist leicht, falsche Erwartungen zu wecken.

Standbild aus dem Kurzfilm „Still from afar“

Bereits im ersten Brief von Thomas hat er mir erzählt, warum er im Gefängnis war – der Missbrauch eines jungen Mädchens. Er erzählte mir sehr genau, was passiert war und wie er über junge Mädchen denkt. Trotz meines unveränderlichen Unverständnisses suche ich die Grenzen meines Mitgefühls und versuche, Wege zu finden, mit einem so geladenen Thema umzugehen.

Die Organisation hat Thomas und mich wegen unseres gemeinsamen Interesses an Filmen gefunden. Ich als Macher und er als Zuschauer. Wir haben viel über Filme gesprochen und die Idee kam auf, diesen Film zu realisieren. Bei uns beiden, weil wir den Drang verspürten, unsere Geschichte zu erzählen.

Wie war es für Dich mit Thomas über diese lange Zeit zu schreiben? Hattest Du jemals das Bedürfnis ihn live zu treffen? Werdet ihr weiter Kontakt halten?

Thomas und ich schreiben seit drei Jahren Briefe. Wir schreiben immer noch, aber etwas weniger regelmäßig. Aber unsere Freundschaft wird nicht enden. Thomas fragte mich, ob ich ihn einmal besuchen könnte. Aber ich wollte ihn nie besuchen. Für mich ist es wirklich wichtig, dass wir auf unseren eigenen Inseln bleiben. Die Korrespondenz zwingt uns, unsere Gedanken an den Rhythmus unserer Briefe anzupassen. Diese Distanz und Privatsphäre schafft eine Art Intimität. Außerdem halte ich es für wichtig, sehr klare Grenzen zu setzen. Unsere Freundschaft besteht nur in diesen Briefen, ich kann und werde nichts anderes versprechen. In unserer Kommunikation zu diesem Thema sind wir beide sehr deutlich. Ich fragte ihn bei der Erstellung des Films immer, ob die Korrespondenz für ihn noch lohnenswert ist, aber auch, dass ich ihn nicht besuchen werde.

War dir von vornherein klar, wie Du euren Briefkontakt verfilmen willst? Wie kam es zu dem Monolog-Off-Kommentar?

Standbild aus dem Kurzfilm „Still from afar“

Die Erstellung des Films war eine Art Weberei. Text und Bilder kamen sehr organisch zusammen. Am Anfang haben wir Bilder geteilt. Ich machte Fotos von Dingen, Ansichten, die Thomas vermisste oder die ich schön fand. Dann begann ich zu schreiben und über unsere Korrespondenz nachzudenken. Diese Texte habe ich mit Thomas geteilt und er antwortete und reagierte auf diese Texte.

Kannst Du mir mehr zu den Filmaufnahmen selbst erzählen – wie Du Dich speziell für die gezeigten Motive entschieden hast.

Also, um mit den Bildern zu beginnen: das sind Dinge, die ich mit Thomas teilen wollte. Aber dann ist der Film natürlich an ein Publikum und nicht an Thomas gerichtet. Also wollte ich den Zuschauer durch unsere Geschichte treiben, nur ein bisschen. Die Landschaften, die Isolation, zeigen die Einsamkeit von Thomas und die Distanz zwischen uns.

Noch eine persönliche Frage: Hat sich durch diesen Kontakt etwas bei Dir verändert?

Standbild aus dem Kurzfilm „Still from afar“

Der Schriftwechsel hat viel verändert. Er erlaubte mir, mein eigenes Mitgefühl und das Thema Kindesmissbrauch zu erforschen. In den Medien sind wir immer wieder mit stereotypen Bildern von Pädophilen konfrontiert, schrecklichen Bildern von alten hässlichen Männern, die wie Monster aussehen. Das Schreiben mit Thomas erlaubte mir, zu verstehen, dass Pädophilie eines der größten Tabus ist und daher extrem problematisch. Für mich ist es wirklich wichtig, darüber zu sprechen, um die Diskussion zu eröffnen. Deshalb entstand der Film, weil wir die Kinder schützen müssen. Weil der Missbrauch eines Kindes ein schrecklicher Akt ist. Aber auch, weil Pädophile Menschen wie du und ich sind, mit Hoffnungen und Wünschen für die Zukunft.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Still from afar


Interview: In our interview with Dutch artist Eva van Tongeren, she tells us more about her short film „Still from afar„, which was screened in the international competition of the 25th International Shortfilm Week Regensburg, and the project behind it. She also talks about the effect of her correspondence with a pedophile and how she found the right images for their shared story.

Your short film „Still from afar“ was created as part of a project. Can you tell readers more about its origins?

​I got involved with a project called ‚traliepost‘ this is a project that allows people inside the prison to write with someone outside of the prison to prevent loneliness and to get in touch with the outside world. I started this project quit naief, thinking that I like to write and read and that this was an opportunity for me to get in touch with someone who is far away from my own small social bubble, not knowing how big the engagement was that I started. Writing with someone in prison, is writing with someone really vulnerable. The relationship is never horizontal and it is easy to install false expectations.

Already in the first letter Thomas wrote to me he told me why he was in prison, the abuse of a young girl. He told me very detailed what happened and how he feels about young girls. Despite my unchanging incomprehension I seek the limits of my empathy and tried to find ways to deal with such a loaded subject.

The organisation matched Thomas and me because of our common interest in films. Me as a maker he as a spectator. We spoke a lot about films and the idea came up to create this film. Both because we felt the urge to share our story.

How was it for you to write with Thomas for such a long time? Did you ever feel the need to meet him in person? Will you keep in touch?

​Thomas and I write letters for three years now. We still write, but a bit less regular. But our friendship will not end. Thomas asked me if I could visit him once. But I never wanted to visit him. For me it is really important to stay on our own islands. The correspondence forces us to adjust our thoughts to the rhythm of our letters. This distance and privacy atmosphere creates some kind of intimacy. Also I think it is important to create very clear boundaries. Our friendship exists in these letters only, I can’t and won’t promise anything else. We are both very clear in our communication on this topic. I always ask him if the correspondence is still worthy for him, while creating the film, but also if I won’t visit him.

Did you know in advance how you wanted to film your correspondence? How did the voice over come about?

​Creating the film was kind of weaving. Text and images came together very organic. In the beginning we shared images. I took pictures of things, views, that Thomas missed or that I found beautiful. Then I started writing and reflecting on our correspondence. These texts I shared with Thomas and he answered and reacted on these texts.

Can you tell me about the filming yourself – how you decided on the motifs shown in particular?

​So to start with the images are things that I wanted to share with Thomas. But then the film is of course addressed to an audience and not to Thomas. So I wanted to drive the spectator through our story, literally. The landscapes, the isolation depict Tomas‘ solitude and the distance between us.

Another personal question: Has this contact changed anything about you?

​The correspondence changed a lot. It allowed me to research my own empathy, it allowed me to research the topic of children’s abuse. In the media we are always confronted with stereotypic pictures of peadofiles, horrible pictures of old ugly man looking like monsters. Writing with Thomas allowed me to understand that peadophylia is one of the biggest tabu’s and therefore extremely problematic. For me it is really important to talk about it. To open the discussion. This is why the film is created. Because we need to protect children. Because the abuse of a child is a horrific act. But also because peadofiles are people just like you and me with hopes and wishes for the future.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film „Still from afar

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Eva van Tongeren

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