Zehn Fragen an Clarissa Jacobson

Interview: Auf dem 20. Landshuter Kurzfilmfestival gewann der großartige Kurzfilm „Lunch Ladies“ des Regisseurs J.M. Logan den Publikumspreis des ‘Shock Block’. Doch produziert und geschrieben hat den Film die Filmemacherin Clarissa Jacobson. Im Interview erzählt sie uns von dem Ursprung der Originalidee, wie sie den perfekten Look kreierten und warum Johnny Depp eine so prominente Rolle spielt.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Lunch Ladies“ handelt von den titelgebenden Lunch Ladies. Wie kam es dazu, dass ein Drehbuch über diesen Berufsstand verfasst hast?

Vor einigen Jahren war ich mit Donna Pieroni, die im Film die Hauptrolle spielt, zum Abendessen aus. Donna und ich waren vor vielen Jahren zusammen in einem Theaterstück dabei. Donna sagte mir, dass sie zu Vorsprechen geht und immer gegen dieselbe Frau antreten würde. Es gab nur eine Rolle, so dass natürlich nur die eine oder andere Rolle besetzt wurde – der Platz war also umkämpft. 

Sie sagte, sie wünschte sich, dass jemand einen Film über Lunch Ladies schreiben würde, weil sie dann beide besetzt werden könnten. Das war der Ursprung der Idee! Dann hat Donna im Stück „Sweeney Todd“ mitgespielt, was mich weiter inspirierte. Es ist mein Lieblingsmusical und ich dachte (Spoiler-Alarm), es wäre lustig, einen Spoof [Anm. d. Red.: Parodie oder satirische Nachahmung] darauf zu machen. 

Warum hast Du Dich gerade für Johnny Depp als Idol entschieden. Lag es nur an dem Film „Sweeney Todd“? Die Parallelen liegen ja auf der Hand. 

Ich habe mir den Johnny-Depp-Aspekt ausgedacht, weil so viele Filme „Sweeney Todd“ gespooft haben und ich dachte, ich könnte genauso gut zugeben, dass ich die Idee stehle und ihr zuzwinkere – also entschied ich mich für den besten Weg, dies zu tun, indem ich einen Film über zwei besessene Fans und Lunch Ladies drehe, die die Idee haben, das zu tun, was sie tun, weil Johnny Depp in „Sweeney Todd“ war. 

Hast Du selbst einen Lieblings-Johnny-Depp-Film?

Mary Manofsky und Donna Pieroni

„Edward mit den Scherenhänden“! Er war in vielen Filme, die ich genossen habe, aber „Edward Scissorhands“  hat diesen wunderbaren, wunderlichen Platz in meinem Herzen.

Weißt Du, ob er Deinen Film zu sehen bekommen hat? Ich würde gerne wissen, was er dazu sagen würde.

Ich weiß, dass er von dem Film gehört hat, aber er hat ihn nicht gesehen. Ich würde auch gerne wissen, was er sagen würde. Ich denke er würde ihn mögen. Ich hoffe es – der Film hat viel Liebe für ihn.

Der Film ist sozusagen Dein Baby. Du hast produziert und das Drehbuch geschrieben. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Regisseur J.M. Logan? Und hattest Du drüber nachgedacht, dass auch selbst in die Hand zu nehmen?

Ich habe nie daran gedacht, beim Kurzfilm Regie zu führen. Erstens habe ich keine Leidenschaft für Regie. Zweitens habe ich bereits in Vollzeit gearbeitet. Es war zu viel zu schreiben und zu produzieren. Vollzeit zu arbeiten und Regie zu führen, dadurch hätte der Film gelitten. Drittens hatte ich das Drehbuch (sowohl die Kurz- als auch die Langfilm-Version) in meinem Schreib-Kurs (Twin Bridges) sehr gut ausgearbeitet und ich wollte niemandem erlauben, damit Unsinn anzustellen. Ich war also zuversichtlich, dass der Film genau so sein würde, wie ich ihn haben wollten, wenn ich nur richtigen Regisseur finden würde.

Es ist eine lange Geschichte, wie ich J.M. Logan gefunden habe, aber ich habe ihn schließlich durch Empfehlungen auf LinkedIn gefunden.

Im ersten Gespräch sagte ich ihm, wie ich wollte, dass der Film aussieht. Er hatte zu 100% die gleichen Vorstellungen und hatte die Fähigkeiten, das zu erreichen, was ich wollte. Außerdem hatte er großartige Ideen, die meine Vision unterstützten. Ich wusste, dass er der Richtige war. Ich habe weise gewählt! Wir waren uns über die gesamte Produktion nur so zweimal uneinig. Es war eine großartige Arbeitsbeziehung.

Ich mag den Look des Films unglaublich gerne. Er besitzt moderne Splattereinlagen in einer gefühlten Retro-Welt. Erzähl mir zu Deinem visuellen Konzept. Hattest Du bestimmte Vorbilder auch im Sinn? Stellenweise erinnert der Look an klassische Highschool-Filme a la „The Breakfast Club“. 

Danke! Meine Vision war ein surrealer Over-the-Top-Ritt mit leuchtenden Comicfarben, die hervorstechen. Trotzdem sollte es in der Realität verwurzelt sein. Nachdem der Film fertig war, erzählten mir viele Leute, dass sie einen John-Waters-Einfluss sehen. Ich fühlte mich geschmeichelt – ich liebe Waters. Es ist lustig, wer uns beeinflusst, ohne dass wir es merken. Hat er aber! Waters Filme haben einen surrealen, übertriebenen Wahnsinn, der jedoch in der Realität verwurzelt ist.

Ich finde es toll, dass du „The Breakfast Club“ erwähnst. Ich bin ein RIESIGER Fan von John Hughes und auf jeden Fall von ihm beeinflusst. Tatsächlich wollten sowohl JM als auch ich eine Typ John Hughes Schule der Oberschicht, aber ich konnte keine finden, die uns filmen ließ. Die Schule, in der wir drehen konnten war nicht so, aber sie hat sich dennoch als perfekt erwiesen. JM hatte die geniale Idee, der Schule ein Ostblock-Feeling zu geben, und er ließ die Bühnenbildner Alicia und Ray Ho (die fantastisch waren!) die russischen Plakate an den Wänden gestalten und rote Tabletts als Farbtupfer verwenden. Aber die 80er Hughes Stimmung ist immer noch da, weil das Drehbuch Einfluss hat und durch die stilisierte Art wie gefilmt wurde.

Erzähl mir von den Dreharbeiten. Wie und wo habt ihre eure Location gefunden? Und aus was genau habt ihr das Standard-Essen gemacht. Es sieht überzeugend widerlich aus.

Donna Pieroni und Mary Manofsky

Ich habe über hundert Schulen angerufen, niemand hat uns filmen lassen. Wir hatten eine, von der wir dachten, dass wir sie uns lassen würden, aber dann haben sie das Drehbuch gelesen und wir wurden mit Verweis auf die ermordeten Schüler abgelehnt. Ich war sehr nervös – wenn ich keine Schule finden würde, wäre es unmöglich zu filmen. 

Glücklicherweise hatte JM einen Freund, der vorschlug eine katholische Schule anzurufen und sie ließen uns drehen!

Was das überzeugend ekelhafte Essen angeht, so war ein Teil davon echt, ein anderer Teil nicht. Susan Boyle war die Food-Stylistin. Sie machte einen unglaublichen Job, der das ganze eklige Essen in meinem Drehbuch entstehen ließ. Überbackene grüne Bohnen, flüssiger Schokoladenpudding und für den Hackbraten besorgte sie das billigste Fettfleisch, das sie finden konnte, und goss SpaghettiOs [Anm. d. Red.: O-förmige Nudeln in Tomtensoße] und Nudeln hinein, damit es so aussah, als ob seltsame Sachen darin schwammen, dann kochte sie es und ließ es sitzen in all seinem Fett. Yummm. Sie machte auch viele Pot Pies. Echte für die Leute zu essen und die falschen hatten nur eine gebackene Oberseite – das Innere war mit getrockneten Erbsen gefüllt. Der pinke und grüne Schleim wurde von Matt Falletta, der der SFX-Supervisor war, gekocht. Ich habe keine Ahnung, woher er das Zeug hat, aber es war furchtbar abstoßend.

Wird es mehr von den „Lunch Ladies“ geben? Ich würde mir das gern länger anschauen. Du hast geschafft zwei sehr originelle Charaktere zu schaffen.

Donna Pieroni und Mary Manofsky

Dankeschön. Ich hoffe es wird mehr von den „Lunch Ladies“ geben! Ich habe die Kurzfassung als Proof-of-Concept für meinen Langfilm erstellt. In dem Langfilm gibt es einen Home-Ec-Lehrer und Leiter des Crock-Pot-Clubs, der ihr Erzfeind ist, und es gibt noch viel mehr Johnny Depp. Es braucht einen Produzenten und eine Finanzierung. Ich arbeite daran!

Du hast auch die perfekten Darsteller für die zwei gefunden. Hast Du sie über den klassischen Weg gecastet?

Danke und nein!

Ich habe das Drehbuch für Donna Pieroni geschrieben, also hat sie natürlich die Hauptrolle übernommen. J. M. kannte Mary Manofsky und schlug sie für die andere Lunch Lady vor. Donna und sie waren perfekt. In der Tat, die Mehrheit der Besetzung und Crew kannte ich und brachte ich mit ins Projekt.

Wie wird es bei Dir weitergehen? Schreibst Du schon an neue Idee oder wirst Du auch mal als Regisseurin ausprobieren? 

Clarissa Jacobson

Ich schreibe immer; Es ist meine erste Liebe! Gegenwärtig habe ich zwei Drehbücher zur Auswahl – Stella by Starlight, eine süße Coming of Age Roadtrip-Geschichte, und Land Of Milk And Honey in Historical Horror, basierend auf Elizabeth Bathory. Ich habe auch gerade einen weiteren Kurzfilm mit dem Titel „A Very Important Film“ gedreht. Er ist eine Mockumentary und handelt von einer Frau namens Clarissa, die einen Film namens „Lunch Ladies“ gedreht hat und herausfindet, dass er nicht bemerkenswert war und jetzt etwas Bemerkenswertes machen will. 

Was das Regie führen betrifft, so möchte ich die Feature-Version von „Lunch Ladies“ drehen und plane, einen weiteren Kurzfilm mit Shayna Weber zu schreiben und zu drehen. Schließlich habe ich ein Buch geschrieben, das gerade herauskam – I Made A Short Film Now WTF Do I Do With It (a guide to film festivals, promotion and surviving the ride). 

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Lunch Ladies


Interview: At the 20th Landshut Short Film Festival the audience award of the ‚Shock Block‘ went to the great short film „Lunch Ladies“ by director J.M. Logan. The film was produced and written by filmmaker Clarissa Jacobson. In an interview she tells us about the origin of the original idea, how they created the perfect look and why Johnny Depp plays such a prominent role.

Your short film „Lunch Ladies“ is about the title-giving lunch ladies. How did you come to write a script about this profession?

Several years ago, I was out to dinner with Donna Pieroni who plays the lead in the film. Donna and I had been in a play many years ago. Donna was telling me that she would go on auditions and was always up against the same woman. There was only one role, so obviously only one or the other would get cast – so it was competitive. 

She said she wished someone would write a movie about Lunch Ladies because they both could get cast. That sparked the idea! Then, Donna had been in the play Sweeney Todd which inspired me further. It’s my favorite musical and I thought (spoiler alert) it would be funny to do a spoof on it. 

Why did you choose Johnny Depp as your idol? Was it the movie „Sweeney Todd“? The parallels are obvious … 

I came up with the Johnny Depp angle because so many films spoof Sweeney Todd and I thought I might as well admit I was stealing the idea and wink at it – so I decided the best way to do this was to have a movie about two fan obsessed Lunch Ladies who get the idea to do what they do because Johnny Depp was in Sweeney Todd. 

Do you have a favourite Johnny Depp film of your own?’

Edward Scissorhands! He has a lot of movies I’ve enjoyed, but Edward Scissorhands has a wonderful whimsical place in my heart.

Do you know if he got to see your film? I would like to know what he would say.

I know he has heard about the film, but he hasn’t seen it. I would love to know what he would say too. I think he would like it. I hope – as it has a lot of love for him in it.

The film is your baby, so to speak. You produced and wrote the script. How did the collaboration with director J.M. Logan come about? And had you thought about taking this into your own hands?

I never thought about directing the short. First, I was not passionate about directing. Second, I was already working a full-time job. It was too much to write, produce, work full-time AND direct… the film would’ve suffered. Third, I had worked the script (both the feature version and the short) very hard in my writing class – Twin Bridges – and I wasn’t going to allow anyone to mess with it. So, I was confident it would be the way I wanted it to be if I could just find the right director. 

It’s a long story how I found J.M. Logan, but I finally found him through recommendations on LinkedIn. 

When I interviewed him, I told him how I wanted it to look. He was 100% on the same page, and he had the skills to achieve what I wanted. Further, he had great ideas that supported my vision. I knew he was the one. I chose wisely! We only disagreed maybe twice on the whole production. It was a great working relationship.

I really like the look of the movie. It has modern splatter interludes in a perceived retro world. Tell me about your visual concept. Did you also have certain role models in mind? At times the look is reminiscent of classic high school films like „The Breakfast Club“. 

Thank you! My vision was a surreal over-the-top ride, with bright comic book colors that pop. Yet, I wanted it somewhat rooted in reality. After the film was done, a lot of people would tell me there was a John Waters influence. I was flattered – I love Waters. It is funny who influences us without us even knowing. But he did! Waters films have that surreal, over-the-top insanity, yet it’s rooted in reality. 

I love that you picked up on “The Breakfast Club.” I am a HUGE fan of John Hughes and am definitely influenced by him as well. In fact, both JM and I wanted an upper-class John Hughes type of school, but I couldn’t find one to let us film. The school we got was not like that, but it ended up being perfect. JM came up with the brilliant idea to make it have an Eastern Block feel, and he had the set designers, Alicia and Ray Ho (who were fantastic!) create the Russian posters on the walls and have red trays as the pop of color. But, the 80s Hughes vibe is still there because of the script which has that influence, and the stylized way it was filmed.

Tell me about the shooting. How and where did you find your location? And what exactly did you make the standard food out of? It looks convincingly disgusting.

I called over one-hundred schools, no one would let us film. We had one we thought was going to let us, then they read the script and were like no way, kids get murdered forget it. So, I was really nervous – if I couldn’t find a school it was going to be next to impossible to film. Luckily, JM had a friend who suggested a Catholic School to call and they let us! 

As for the convincingly disgusting food, some of it was real some of it wasn’t. Susan Boyle was the food stylist. She did an incredible job creating all the gross food I had in the script – over-cooked green beans, runny chocolate pudding and for the meatloaf, she got the cheapest fattiest meat she could find and poured SpaghettiOs and pasta in it to make it look like it had weird stuff floating in it, then she cooked it and let it sit in all its grease. Yummm. She also made a lot of pot pies. Real ones for people to eat and the fake ones just had the tops cooked – the insides were filled with dried peas. The pink and green goo was whipped up by Matt Falletta who was the SFX Supervisor. I have no idea where he got that stuff, but it was awesomely repulsive.

Will there be more of the „Lunch Ladies„? I’d like to continue following them. You managed to create two very original characters.

Thank you! I hope there will be more „Lunch Ladies„! I made the short as a proof-of-concept for my feature. In the feature, there’s a Home-Ec Teacher and head of the crock-pot club who is their arch enemy and there’s a lot more Johnny Depp. It needs a producer and financing. I am working on it!

You also found the perfect actors for the two. Did you cast them the classical way?

Thank you, and no!

I wrote this for Donna Pieroni, so she of course got the lead. J.M. knew Mary Manofsky and suggested her for the other Lunch Lady. We brought her into read with Donna and she was perfect. In fact, the majority of the cast and crew I knew and brought in.

How will it continue with you? Are you already writing on new ideas or will you also try out as a director? 

I am always writing; it is my number one love! 

Currently I have two optioned screenplays – Stella by Starlight, a sweet coming of age road trip story, and Land Of Milk And Honey a Historical Horror based on Elizabeth Bathory. I also just filmed another short called “A Very Important Film.” It’s a mockumentary about a woman named Clarissa who made a film named „Lunch Ladies“ and realized it wasn’t important and has now made something important.

As for directing, I would like to direct the feature version of „Lunch Ladies“ and plan to write and direct another short with Shayna Weber. Lastly, I wrote a book that just came out – I Made A Short Film Now WTF Do I Do With It (a guide to film festivals, promotion and surviving the ride). 

Thank you for the interview! 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Lunch Ladies“ 

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