„Can you ever forgive me?“ (2018)

Filmkritik: Einer der Filme abseits der großen Oscar-Favoriten in diesem Jahr war die Literaturverfilmung „Can you ever forgive me“ aus der Hand von Marielle Heller. Mit drei Nominierungen ging er ins Oscar-Rennen und ging aber leider leer aus, obwohl die beiden Darsteller Melissa McCarthy und Richard E. Grant die Preise mehr als verdient hätten.

Die 51-jährige Schriftstellerin Lee Israel (Melissa McCarthy) ist Anfang der 90er Jahre in einer misslichen Lage. Sie ist dem Alkohol stark zugeneigt, von ihrer Freundin verlassen wurden und zu alledem auch noch chronisch pleite, da sich ihre Bücher nicht verkaufen. Als sie aus Verzweiflung einen wertvollen Brief von Katherine Hepburn? verkauft, kommt sie auf die Idee, ihrem Glück etwas auf die Sprünge zu helfen und verfasst Briefe u.a. von Fanny Price, Noel Coward und Marlene Dietrich. In dem homosexuellen Lebemann Jack Hock (Richard E. Grant) findet sie nicht nur einen Trinkkumpanen und Freund, sondern auch einen Mittäter. Doch irgendwann scheint das Ganze zu groß für die beiden zu werden.

Dolly Wells und Melissa McCarthy
© Fox Searchlight

Der Film basiert auf den Memoiren „Can you ever forgive me“ (2008) von Lee Israel (1939-2014). Sie schaffte es, sich mit ihren Artikeln und ihren Büchern in den 1960er Jahren einen Namen zu machen und landete sogar mit ihrer Biographie über die Journalistin und Moderatorin Dorothy Kilgallen (1979) auf der Bestsellerliste der New York Times. Danach begann die Flaute und fälschte daraufhin circa 400 Briefe, zudem stahl sie in den späteren Jahren auch welche aus Archiven und Bibliotheken. Dieser Coup gilt als einer der großen Fälschungsfälle der Literaturgeschichte. Die Regisseurin Marielle Heller, die zuvor nur den Film „The Diary of a Teenage Girl“ (2015) verwirklicht hatte, nahm sich zusammen mit den beiden Drehbuchautoren Nicole Holofcener und Jeff Whitty des Stoffes an. In diesem Film zeigt die Regisseurin überzeugend ihr Gespür für die Zeit, aber vor allem für die Personen selbst. Die Geschichte fügt sich in kein schwarz-weißes Muster ein, sondern erzählt von einer sperrigen Frau, die nicht unbedingt alle Sympathien auf ihrer Seite hat. Aber trotzdem genügend, um mit ihr mitzufühlen. Heller und ihr Team fangen die Geschehnisse mit der richtige Mischung aus Realismus, Drama-Elementen und Humor ein. So schaffen sie es auf unpathetische Weise die Zuschauer zu berühren. Hinzu kommen die Seitenhiebe auf die elitäre Literaturszene, die stark im Kapitalismus verwurzelt ist und Außenseitern auch das Gefühl gibt, ausgegrenzt zu sein. Die Geschichten der beiden Hauptpersonen sind zudem noch ein Zeitprotrait, vor allem des queeren Lebens in einer noch immer nicht offenen Gesellschaft. All das zusammen macht „Can you ever forgive me?“ zu einem starken Film, der zu Recht die Nominierung für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ erhielt, aber gegen den ebenfalls starken „BlacKkKlansman“ (2018) unterlag.

Melissa McCarthy und Richard E. Grant
© Fox Searchlight

Die anderen beiden Oscar-Nominierungen bekamen die beiden Darsteller Melissa McCarthy als ‘Beste Hauptdarstellerin’ (ging an Olivia Coleman in „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ (2019))  und Richard E. Grant als ‘Bester Nebendarsteller’ (ging an Mahershala Ali in „Green Book“ (2018)). Neben dem gelungenen Zeitkolorit, welches einen in das New York der 90er Jahre zurückversetzt, und der passenden inszenatorischen Mitteln, ist der Film vor allem großartiges Schauspielerkino. Die Geschichte und der Rahmen geben den Charakteren genug Raum zu atmen und die Bühne für die Darsteller frei, welche bis in die kleinsten Nebenrollen gut ausgewählt wurden. Die zwei Nominierten stechen dabei aber besonders hervor. Melissa McCarthy (*1970), welche man zuerst in „Gilmore Girls“ (2000-2007) sah und danach in vielen Blödelfilmen u.a. von ihrem Ehemann Ben Falcone (bsw. „How to Party with Mom“ (2018)), gab man hier die Chance eine erwachsene Rolle zu spielen, die sie mit einer Bandbreite von Gefühlen und Widersprüchen füttert und diesen Charakter so in vollen Zügen auslebt. Richard E. Grant bildet ihren wunderbaren Gegenpart. Ihn hat man seit „Gosford Park“ (2001) auf den großen Leinwänden längere Zeit nur in kleinen Nebenrollen gesehen. Auch er gibt seiner Figur ein facettenreiches Bild und schafft es, die Sympathien der Zuschauer, trotz äußerst unsympathischer Züge, für sich zu gewinnen. Dieses Gespann, welches erfrischenderweise mal kein Liebespaar ist, funktioniert wunderbar und trägt das meiste zum Film bei. Die auf wahren Tatsachen beruhende Geschichte bekommt durch die beiden ein Gesicht, welches die Geschichten zwischenn bitterböser Komik und Realismus verortet.

Richard E. Grant und Melissa McCarthy
© Fox Searchlight

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Can you ever forgive me“ von Marielle Heller ist ein berührendes, aber keineswegs sentimentales Drama, über zwei Figuren am Rande der Gesellschaft und der Norm. Der Film schafft es durch seine gut gewählten Darsteller und das überzeugende Setting scheinbar mühelos, Spannung, dramatische Elemente und schwarzen Humor miteinander zu vereinen. Auf den 91. Oscars war der Film zwar kein Favorit, schafft es aber trotzdem sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen und beweist, was großartiges Schauspielerkino leisten kann.  

Bewertung: 9/10

Kinostart: 21.Februar 2019 / DVD-Start: 11. Juli 2019

Trailer zum Kurzfilm „Can you ever forgive me?“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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