Sechs Fragen an Jamieson Pearce

Interview: Im Gespräch mit dem australischen Filmemacher Jamieson Pearce konnten wir mehr über seinen einfühlsamen Kurzfilm „Strangers“, gesehen auf den dualen Lesbisch Schwulen Filmtagen, erfahren, dessen Entstehung und wie er diese romantische, Tabu-Thema ansprechende Geschichte umgesetzt hat.   

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir zur Entstehung Deines Kurzfilms „Strangers“ erzählen? Mit welcher Idee hat alles angefangen?

Die Idee für den Film kam mir, als ich einen Teilzeitjob als Korrekturleser für Forschungsstipendienanträge an einer Universität hatte. Ich las von einer Studie über das

Melissa Jaffer

Sexualverhalten älterer Menschen, insbesondere in Altenpflegeheimen. Diese vorgeschlagene Studie stellte das Sexualverhalten älterer Menschen gänzlich als ein Problem dar, das es zu bewältigen galt. Ich recherchierte weiter und stieß in Regierungspapieren und Forschungszeitschriften auf die gleiche Haltung. Aus meiner nicht-akademischen Perspektive erschien mir die Tatsache, dass alte Menschen Sex haben, großartig, und so fand ich diese Betonung der Risiken von Sex traurig, aber auch interessant. Als ich weiter forschte, stieß ich auf eine Anekdote über zwei Frauen mit Demenz, die in einem Altenpflegeheim glücklich eine Beziehung begannen, obwohl sie zu Lebzeiten angeblich heterosexuell waren. Und von da an wuchs die Geschichte weiter.

Wie hast Du die weitere Realisierung angepackt? Wo habt ihr gedreht und wie lange?

Jo Turner

Wir haben den Film über drei Tage hinweg gedreht, und obwohl der Film vollständig im Altenpflegeheim stattfindet, mussten wir an drei verschiedenen Orten filmen. Es war schwierig, ein Altenpflegeheim zu finden, das nicht nur ästhetisch und praktisch für den Film geeignet war, sondern auch bereit war, ein kleines Filmteam hinein zu lassen, um eine Geschichte über eine lesbische Liebesaffäre zu erzählen, welche durch die Politik des Altenpflegeheims zunichte gemacht wird. 

Wir hatten das große Glück, die Unterstützung der Organisation Uniting zu gewinnen, einem progressiven, liberalen Zweig des Christentums in Australien, der viele Altenpflegeheime in Australien leitet. Wir drehten die Gemeinschaftsräume und den Flur in einem ihrer Altenpflegeheime, aber da die eigentlichen Schlafzimmer von Bewohnern bewohnt waren, drehten wir das Schlafzimmer in einem Hotel und die Büroszene in einem Gemeindezentrum.

Dein Film ist warmherzig, auch sehr ernst, aber gleichzeitig auch humorvoll – wie hast Du es geschafft die richtige Balance zu finden?

Irfan Hussein und Lucia Mastrantone

In der australischen Kultur – und vielleicht auch in angelsächsischen Kulturen im weiteren Sinne – wird die Sexualität eines alten Menschen oft als Witz oder als etwas Tabuisiertes angesehen. 

Ich verstehe, warum das so ist – wir haben Generationsbarrieren, und für viele von uns ist die Vorstellung, dass unsere Eltern oder Großeltern sexuell aktiv sind, unangenehm – aber ich halte es auch für albern und kurzsichtig. Deshalb wollte ich dieses Unbehagen ausnutzen, denn daher rührt der Humor, ohne dabei die emotionale Essenz des Films zu vernachlässigen, in dem es um die Suche einer Frau nach Intimität und Verbindung geht.

Ich bin wirklich froh, dass du das Gefühl hattest, dass es diese tonale Mischung gab. Das versuche ich in all meinen Werken zu erreichen. 

Ich denke der Authentizitätsanspruch stand im Vordergrund bei der Ausgestaltung, oder? Was lag Dir visuell (noch) am Herzen?

Jo Turner, Melissa Jaffer und Angie Milliken

Es ist schön, das von Ihnen zu hören, denn, wie bereits erwähnt, wird nur ein Teil des Films tatsächlich in einem Altenpflegeheim gedreht. Aber du hast Recht, es war wirklich wichtig, dass wir einen Teil des Films in einem echten Altenpflegeheim gedreht haben, denn diese Authentizität erlaubte es uns, auch die anderen Räume als authentisch zu verkaufen. Wir haben uns jedoch die kreative Freiheit bei der Beleuchtung genommen, um eine Atmosphäre größerer Spannung zu erzeugen. Die Räume in Altenpflegeheimen sind im Allgemeinen viel stärker beleuchtet. Das war für mich und meinen Kameramann wichtig, damit der Film einen filmischen ‚Look‘ hatte.

Es war mir auch besonders wichtig, die Eröffnungssequenz auf Film zu filmen, während wir den Rest des Films digital drehten. Die haptische Qualität des 16-mm-Filmmaterials trug dazu bei, die warme Intimität der beiden Frauen darzustellen, die im Gegensatz zu dem kühleren Look des digitalen Filmmaterials stand.

Wunderbar ist Deine Hauptdarstellerin Melissa Jaffer – wie hast Du Deinen Cast zusammengestellt und wie hast Du die perfekte Darstellerin gefunden?

Melissa Jaffer

Ich bin sehr glücklich, dass ich mit Melissa arbeiten konnte. Zum Glück gefiel ihr ein früherer Kurzfilm, den ich gemacht hatte und der „Adult“ heißt, und so freute sie sich, sich mit mir zu treffen. Wir sprachen über das Projekt, teilten unsere Eindrücke und Visionen und dann ging es weiter. 

Außerdem arbeiteten wir mit einem Casting-Agenten in Australien zusammen, um eine so hochkarätige Besetzung anzuziehen.

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen?

Ich habe in Sydney studiert, lebe aber seit ein paar Jahren wieder in meiner Heimatstadt Melbourne. Ich versuche, den Übergang vom Kurzfilm- zum Langfilmschaffen zu erreichen.

Ich arbeite auch als Englischlehrer, und wenn ich das nicht tue, verbringe ich die meiste Zeit – ziemlich vorhersehbar – damit, Filme zu sehen, zu lesen und Musik zu hören. 

Angie Milliken

Abgesehen davon habe ich gerade eine Woche mit WWOOFing (Freiwilligenarbeit auf einer Bio-Farm) verbracht, und da der Sommer in Australien beginnt, freue ich mich darauf, meinen Hintern hochzukriegen und ein bisschen mehr in die Natur zu gehen, bevor alles verbrennt!

Gibt es bereits neue Projektideen?

Gewiss. Ich habe einen Kurzfilm über einen Online-Romanzenbetrug geschrieben, den ich verfilmen und dann zu einem Spielfilm umarbeiten möchte. Ich würde auch gerne australische Kurzgeschichten oder Novellen adaptieren, und deshalb lese ich viel und suche nach dem richtigen Film. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Strangers


Interview: In conversation with the Australian filmmaker Jamieson Pearce, we were able to learn more about his empathic short film “Strangers“, seen at the International Queer Film Festival Hamburg, how it was made and how he implemented this romantic, taboo-themed appealing story.

Can you tell me about the making of your short film “Strangers“? With which idea did it all begin?

The idea for the film came to me when I had a part time job proof-reading research grant proposals for a university. 

I read about a study into the sexual behaviours of the elderly, particularly in aged care homes. This proposed study framed sexual behaviour of the elderly wholly as a problem that needed to be managed. I did further research and encountered this same attitude in government papers and research journals. From my non-academic perspective, the fact that old people were having sex seemed great, and so I found this emphasis on the risks of sex sad but also interesting. As I was researching further, I came across an anecdote about two women with dementia who happily started a relationship in an aged care home, despite having been ostensibly heterosexual in their lifetimes. And the story grew from there.

How did you approach the further realization? Where did you film and for how long?

We shot the film over three days, and although the film takes place entirely in the aged care home, we had to film across three different locations. It was difficult to find an aged care home that was not only aesthetically and practically suitable for the film, but also willing to let in a small film crew to tell a story about a lesbian love affair that is being quashed by the policies of the aged care home. 

We were very lucky to gain the support of the Uniting organisation, a progressive, liberal branch of Christianity in Australia, which manages a lot of aged care homes in Australia. We shot the common spaces and corridor at one of their aged care homes, but as the actual bedrooms were occupied by residents, we shot the bedroom at a hotel and we shot the office scene in a community centre.

Your film is warm, also very serious, but at the same time humorous – how did you manage to find the right balance?

In the Australian culture – and perhaps in Anglo-Saxon cultures more broadly – an old person’s sexuality is often seen as a joke, or as something taboo. 

I understand why this is the case – we have generational barriers and for many of us, the idea of our parents or grandparents being sexual is uncomfortable – but I also think it’s silly and short-sighted. And so, I wanted to exploit that discomfort, which is where the humour comes from, while never letting go of the emotional essence of the film, which is about a woman’s search for intimacy and connection.

I’m really glad you felt that there was this tonal mix. I try to achieve that in all my writing. 

It seems to me as though authenticity was the main focus of the production design, right? What else was important to you visually?

It’s great to hear you say that because, as mentioned above, only a portion of the film is actually shot in an aged care home. But you’re right, it was really important that we shot some of the film in an actual aged care home, because this authenticity allowed us to sell the other spaces as authentic too. However, we did take creative license in the lighting to create a mood of greater intrigue. The spaces in aged care homes are generally much more illuminated. This was important to me and my cinematographer so that the film had a ‘look’ that was cinematic.

It was also particularly important to me to film the opening sequence on film, while we shot the rest of the film digitally. The tactile quality of the 16mm film stock helped represent the warm intimacy of the two women, which contrasted with the cooler look of the digital footage.

Your leading actress Melissa Jaffer is wonderful – how did you put together your cast and how did you find the perfect actress?

Oh, I’m very lucky to have been able to work with Melissa. Thankfully, she liked a previous short that I made called ‘Adult’, and so she was happy to meet with me. We talked through the project, shared our impressions and vision and it went from there. 

Also, we worked with a casting agent in Australia to attract such a high quality cast.

Can you tell me a bit more about yourself

I studied in Sydney but I’ve been living back in my hometown of Melbourne for a couple of years. I’m trying to make the transition from short form filmmaking into long form filmmaking.

I also work as an English teacher and when I’m not doing that, I spend most of my time – rather predictably – watching movies, reading and listening to music. 

Having said that, I have just spent a week WWOOFing (volunteering on an organic farm) and as summer is beginning in Australia I’m looking forward to getting off my bum and out into nature a bit more, before it all burns!

Are there already new project ideas?

Certainly. I’ve written a short film about an online romance scam which I want to film and then rework into a feature film. I’d also love to adapt Australian short stories or novellas and so I’m reading a lot, looking for the right one. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Strangers

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