„Chernobyl“ (2019)

Serienkritik: Die Miniserie „Chernobyl“ (OT: „Chernobyl“, USA/UK, 2019), bestehend aus fünf Folgen, beschäftigt sich minutiös mit der Nuklearkatastrophe, welche im April 1986 im Tschernobyl-Kraftwerk in der Ukraine zugetragen hat, mit deren Folgen und mit den Personen, welche darin auf viele Arten involviert waren.

Am 26. April 1986 explodierte der sowjetische Reaktor Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat. Um die Lage richtig einzuschätzen und vor allem den Ursachen auf den Grund zu gehen, wird der Wissenschaftler Waleri Legassow (Jared Harris) hinzugezogen. Diesem wird schnell klar, dass menschliches Versagen dazu geführt haben muss. Doch zunächst geht es ihm nicht darum die Schuldigen auszumachen, sondern die katastrophalen Folgen zu verhindern oder zumindest einzudämmen. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam auch wenn er mit Apparatschik Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård), einen sowjetische Parteifunktionär, jemanden auf seiner Seite hat. Auch von der russischen Wissenschaftlerin Ulana Chomjuk (Emily Watson) bekommt er Hilfe und gemeinsam versuchen sie das Schlimmste zu verhindern und auch die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

Stellan Skarsgård, Jared Harris und Emily Watson

Der Autor Craig Mazin (*1971), der bisher nur Bücher zu Filmen wie „Scary Movie 3“ (2003) oder „The Hangover: Part 2“ (2011) geschrieben hat, und der schwedische Regisseur Johan Renck (*1966) schufen mit ihrer 5-teiligen Miniserie eine starke Geschichtsstunde. Die Katastrophe von Tschernobyl gehört noch heute zu den schlimmsten der neueren Zeit. In dieser zeigte sich nicht nur, dass die geglaubte Macht über die Natur nur eine Illusion ist, sondern auch, wie ein Staatsapparat mit so einer Krise umgeht und welche Mechanismen dabei alles in Kraft treten. Die Geschichte bleibt dabei stets nah dran an den wahren Begebenheiten, auch wenn Charaktere wie Legassow und Chomjuk dazu erdacht wurden, um den vielen beteiligten Wissenschaftlern ein Gesicht zu geben und gleichzeitig dem Zuschauer Identifikationsfiguren zu bieten, durch deren Augen sie die Katastrophe in ihrem ganzen Ausmaß wahrnehmen können. Dabei schreckt die Serie auch nicht vor drastischen Bildern zurück, u.a. zeigt es die körperlichen Veränderungen durch die Strahlenkrankheit. In den 330 Minuten der gesamten Serie werden aber nicht nur die Vorgänge sehr akkurat geschildert, so dass man diese auch im Unterricht zeigen könnte, sondern auch viel Gefühl eingebracht. Das soll vor allem dazu dienen, an die menschliche Vernunft zu appellieren, den Schrecken vor Augen zu führen, so dass sowas nicht wieder passiert und einen anderen Umgang mit der Natur zu fordern. In erster Linie hat der große Erfolg der Serie – u.a. wurde sie mit zehn Emmys ausgezeichnet – dazu geführt, dass der Touristenstrom in der ukrainischen Stadt zugenommen hat. Doch trotzdem zeigt die Serie, einen möglichen, effektiven Umgang mit zeitgeschichtlich relevanten Themen umzugehen und es so einem großen Publikum auch auf unterhaltsame und spannende Weise näher zu bringen. 

Die Akribie in der Darstellung der Ereignisse wurde auch für die formale Umsetzung angewendet. Auch wenn es hier und da einen Patzer gibt, haben die Serienmacher sich stets um eine authentische Zeit- und Landeswiedergabe bemüht. Das funktioniert so gut, dass man sich als Zuschauer in die Zeit zurückversetzt fühlt, was durch einen entsprechenden Farbfilter noch unterstützt wird. Gedreht wurde das ganze vor allem in Vilnius, der Hauptstadt von Lettland. Diese bot die perfekten Straßenzüge und Gebäude u.a. eine Plattenbausiedlung, um Prypjat wieder aufleben zu lassen. Zudem hatte das Team die Möglichkeit in dem stillgelegten Kraftwerk Ignalina, welches oft als Schwesterkraftwerk von Tschernobyl bezeichnet wurde, die Innenaufnahmen zu drehen. Neben weiteren Außendrehs u.a. in der Ukraine, nahm man dann CGI zur Hilfe – gerade für die Aufnahmen des explodierten Reaktors. Auch wenn man diesen Szenen den computerbasierten Ursprung ansieht, schmälert es nicht die Wirkung der Serie, die auch durch das grandiose Spiel aller Darsteller*innen befeuert wird. Dabei überzeugen nicht nur die bekannten Gesichter von Harris („Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (2011)) und Skarsgård („Mamma Mia!“ (2008)), sondern auch die Nebenrollen spielen mit der richtigen Mischung aus Menschlichkeit und vor allem Authentizität. Im Gesamten ist die stimmige Optik und die hervorragende Schauspieler*innen-wahl der gelungene Mantel für die Geschichte, so dass diese fünf Episoden unterhaltsam, anschaulich, lehrreich und bewegend sind. Hier hat sich das Konzept der Miniserie mehr als bezahlt gemacht, denn dieses Material in einen Zwei-Stunden-Film zu pressen, wäre Verschwendung gewesen.

Fazit: Die US-amerikanisch-britische Serie „Chernobyl“, die nur aus fünf Episoden und einer Gesamtlänge von über 330 Minuten besteht, erzählt die Geschichte der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Akribisch und korrekt werden dabei die Abläufe, Hintergründe, Auswirkungen und Maßnahmen dargelegt. Mit der richtigen Mischung aus sachlichen Informationen und Gefühl erlebt der Zuschauer die Katastrophe hautnah mit und ist sofort involviert, was auch der hervorragenden Umsetzung durch den Regisseur Craig Mazin zu verdanken ist. Im Gesamten ist diese Miniserie ein wunderbares Beispiel, wie man das Serien-Medium ganz wie nebenbei in eine Geschichtsstunde umwandeln kann und nicht nur als bloße Unterhaltung dienen muss.  

Bewertung: 5/5

Trailer zur Staffel 1 der Serie „Chernobyl“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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