Acht Fragen an Moritz Müller-Preißer

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Moritz Müller-Preißer konnten wir mehr über seine 29-minütige Dokumentation „Haeberli“, welcher auf dem 63. DOK Leipzig lief, erfahren, wie er Adolf Haeberli, die Hauptfigur des Films kennenlernte, wie das Projekt schlussendlich umgesetzt wurde und warum dokumentarische Stoffe ihn mehr reizen als Spielfilme.  

Wie bist Du auf Adolf Haeberli aufmerksam geworden? Wie hat eure gemeinsame Geschichte begonnen?

Adolf Haeberli habe ich vor vier Jahren das erste Mal zufällig kennen gelernt. Ich war in St. Moritz bei einem Journalismus-Workshop und bin auf einer Erkundungstour durchs Dorf auf sein merkwürdig aussehendes Haus gestoßen. Zusammen mit einer Workshopteilnehmerin wollten wir mehr erfahren und haben dort einfach angeklopft und Adolf getroffen. Er und seine Geschichte sind mir daraufhin nie aus dem Kopf gegangen und so habe ich mich zwei Jahre später erneut auf den Weg gemacht und Adolf für einen Film begeistern können.

Euer Verhältnis scheint sehr offen zu sein und es wirkt nicht so als, ob er Bedenken bezüglich des Filmprojekts hatte. War das so?

Adolf ist von sich aus ein sehr offener Mensch, der gerne über alles Mögliche ausführlichst erzählt, auch über persönliche Themen. Ihm ging es bei dem Film natürlich auch darum, Aufmerksamkeit für sich und seinen Fall zu generieren. Ich habe ihm gesagt, dass das nicht mein Hauptaugenmerk ist, weil ich im Film Adolf Haeberli als Menschen näher kommen wollte. Darauf haben wir uns geeinigt. Und ein weiterer Grund ist natürlich, dass er einfach zu gerne im Rampenlicht steht.

Wie hat er den schlussendlichen Film aufgenommen? Und wie geht es ihm jetzt?

Er hat große Freude gehabt den Film zu sehen und beim Schauen oftmals über sich selbst lachen müssen, was ich schön fand. Natürlich konnte der Film nicht seinen Fall lösen, so hat er mich auch direkt im Anschluss gefragt, ob es einen zweiten Teil geben wird. (Der ist bis auf Weiteres nicht geplant.)

Adolf geht es gut soweit, wir führen immer noch Briefkontakt. Er schreibt täglich weiter [Anm. d. Red.: Briefe an die Behörden].

Wie haben die anderen Interviewpartner auf Deine Anfrage reagiert?

Einige Interviewpartner konnten wir leider nicht gewinnen, wie z.B. den ehemaligen Gemeindepräsidenten, der sicherlich mehr zur Causa Haeberli sagen könnte. Alle anderen haben wir recht problemlos und spontan anfragen können.

Was war Dir bei der Umsetzung wichtig? Worauf wolltest Du Dein Augenmerk legen?

© Holger Jungnickel

Mein Augenmerk galt ganz klar der Person Adolf Haeberli gerecht zu werden. Ich kann mich für diesen Menschen sehr begeistern und wollte diese Begeisterung mit dem Publikum teilen. Dazu gehören natürlich auch, alle Facetten seiner Person, die ihn allzu menschlich und berührbar machen und die wichtig sind, zu verstehen. Deswegen gibt es auch mitten im Film diese Art Zäsur, die sein Bruder einläutet. Die anscheinend ironische Leichtigkeit seines Lebens wird dadurch klar durchbrochen und macht seine Person fraglich. Was genau passiert ist und wer Recht hat, weiß aber schlussendlich keiner. Letztlich gebe ich ihm zum Ende hin aber eine positive Note, weil ich diesen Menschen in mein Herz geschlossen habe. 

Die Musik ist sehr auffällig und macht den kurzen Dokumentarfilm sehr beschwingt. Kannst Du mir bitte mehr zur Musikauswahl erzählen?

Sebastian Fillenberg hat diese wunderschöne Musik eigens für den Film komponiert. Er hat sich auf die Suche nach Klängen und Rhythmen begeben, die das widersprüchliche und schräge Leben Adolf Haeberlis widerspiegeln sollten. Da Adolf selber viel klassisches Klavier über seine vielen Radios hört, stand eine Klaviermusik dabei schon immer im Vordergrund. Sebastian kam dann auf die Idee ein Klavier zu präparieren, also mit Nägeln, Münzen, Tischtennisbällen und noch vielen anderen Dingen. Auf diese Weise wurden dann diese wundersamen Klänge erzeugt, die zusammen mit einem luftig-lockeren Blues diese typische Haeberli-Melodie geschaffen haben, die ich sehr gern mag.

Zum Schluss würde ich gerne noch mehr über Dich erfahren. Wie bist Du zum Film und vor allem zum Dokumentarfilm gekommen?

© Holger Jungnickel

Film hat mich schon immer begeistern können, damals schon als Teenager mit einer Mini-DV-Kamera, aber ohne Ahnung von Storytelling. Mit der Abiturzeit wurde dann mein filmisches Interesse zementiert, als ich zusammen mit Mitschülern einen für damalige Verhältnisse anspruchsvollen Spielfilm gedreht habe, in den mein ganzes Herzblut geflossen ist. Es folgten einige Praktika bei Dokumentarfilmproduktionen und Studienjahre in anderen Fächern, bevor ich mich dazu entschieden habe an der HFF München zu bewerben. Es ist nicht so einfach, sich für diesen unsicheren Weg zu entscheiden. Dazu muss ich sagen, dass ich schon immer sowohl Dokumentar- als auch Spielfilm spannend finde. Jedoch mag ich einfach zu gern mit Realitäten arbeiten, die es da draußen schon gibt und nur entdeckt werden müssen, da bin ich einfach zu neugierig. Es gibt doch kein schöneres Gefühl als aus einem Film herauszukommen und zu wissen: Ja, das gibt es wirklich! Jedoch verfolge ich eher den Ansatz, dass es beim Filmemachen primär darum geht eine Geschichte zu erzählen, dazu können auch spielfilmartige Mittel im Dokumentarfilm auftreten, oder andersrum.

Sind bereits neue Projekte geplant? 

Neue Projekte waren in Planung, wurden jedoch Corona-bedingt aufgeschoben und sind hoffentlich nächstes Jahr drehbar. Hierbei ging es um ein Dokumentarfilmprojekt über ein schwules Ex-Mormonenpärchen im konservativen Utah/USA, das nun Nachwuchs plant, wobei die Ex-Frau des einen Partners Leihmutter werden soll. Hier interessiert mich vor allem die Frage nach der Zukunft von „Familie“.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Haeberli

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