Sechs Fragen an Jorge Moneo Quintana

Interview: Im Gespräch mit dem spanischen Filmemacher Jorge Moneo Quintana konnten wir mehr über seine Dokumentation „In Ictu Oculi“ erfahren, der seine Weltpremiere auf dem 63. DOK Leipzig feierte, wie die Idee zu seiner Geschichte entstand, wie viel Recherchearbeit notwendig war und warum ihm der Ton genauso wichtig ist, wie die Bilder. 

The original english language interview is also available.

Wie hat alles begonnen? Was gab den Impuls die Geschichte eines Platzes über Archivaufnahmen zu erzählen?

Die Idee, diesen Kurzfilm zu machen, begann mit einem Fund. Ich untersuchte Archivmaterial für ein zukünftiges Projekt und fand einen Haufen Bilder von einem nicht mehr existierenden Gebäude in meiner Heimatstadt (Vitoria-Gasteiz). Das erste, was mir auffiel, war, wie ein so schönes Gebäude (um es oberflächlich zu sagen, denn ich bin mir der Tatsache bewusst, dass Schönheit eine relative Sache ist) von der Oberfläche verschwunden sein konnte, wie konnten die heutigen Bürger dieser Stadt keine Ahnung von der vergangenen Existenz eines solchen Gebäudes haben. Der zweite interessante Aspekt war, dass diese fotografischen Bilder (eigentlich Glasplatten) akribische Dokumente des Todes dieses Gebäudes waren, und die Tatsache, dass ich an diesem Tag genug Bilder fand, um ein Puzzle zu beginnen, um eine Art Autopsie dessen, was mit diesem Gebäude geschah, starten zu können. Meine Neugierde als Bürger dieser Stadt war also ein wichtiger Impuls, mit den Bildern zu spielen.

Kannst Du mir mehr zur Recherche selbst erzählen – wie lange hat sie gedauert, wie viele Archive hast Du besucht und wie oft hast Du Neues oder Unerwartetes gefunden?

Mir wurde klar, dass ich an diesem Tag bereits eine recht gute Anzahl von Bildern gefunden hatte. Ich dachte, vielleicht könnte ich einen Film nur über diese eine Ecke meiner Stadt machen. Also fing ich an, nach mehr Material zu suchen, zunächst so viel, wie ich finden konnte, von dem Gebäude vor dem Abriss, während des Abrisses und was danach an die Stelle dieses Gebäudes getreten war. Diese fieberhafte Suche nach mehr Bildern von dieser Ecke brachte mich zu fünf Archivinstitutionen – vier davon in der Stadt und eine weitere auch im Baskenland – und zu verschiedenen Sammlungen und Autoren innerhalb dieser Archive.

Was lag Dir bei der Zusammenstellung des Materials am Herzen? Was war Dir wichtig mit den Bildern einzufangen?

Der erste Impuls war der Versuch, ein Rätsel zu vervollständigen. Es war wichtig für mich, herauszufinden, wie sich die Ereignisse entwickelt haben, was vorher in dieser Ecke war, was danach kam und so weiter. Es war ein langer Prozess, das Material in eine kohärente Abfolge von Ereignissen zu organisieren, denn Fotos können zu Verwirrung führen, besonders wenn sie einen bereits verschwundenen Ort abbilden.

Aber das war nur ein persönliches Interesse, und dieses Stadium muss man überwinden, wenn man einen Film machen will, denn der Zuschauer teilt vielleicht nicht dasselbe Objekt des Interesses wie man selbst. Auf diese Weise muss man die Dinge also auf eine universellere Ebene bringen, auf eine allegorische Ebene, wenn ich das so sagen darf. Ich persönlich, und zwar ganz allgemein, bin nicht an Dokumentarfilmen interessiert, die versuchen, die Realität so zu zeigen, wie sie ist. Zunächst einmal ist das ein unmögliches Ziel, denn Kino ist Manipulation und ein Film ist das Produkt einer Reihe von Entscheidungen und Verwerfungen. Wenn man sich dieser Tatsache bewusst ist, kann man das Material und die Montage ein bisschen weiter treiben, auf diese universellere und mehrdeutige Ebene, die ich allegorisch nenne. Aus diesem Grund bietet der Film wenig Kontextualisierung der Ereignisse und keine Kommentare oder Dialoge. In diesem Sinne ist auch die Rede, die am Anfang und am Ende des Films angeboten wird, ein manipuliertes Archivmaterial, eine Mischung aus verschiedenen historischen Reden des Königs Alfonso XIII.

Durch deine Tonkulisse bekommt Dein Film eine weitere Ebene. Kannst Du mir bitte mehr davon erzählen?

Für mich ist der Ton genauso wichtig wie das Bild in einem Film, und es macht mir persönlich sehr viel Spaß, daran zu arbeiten. Außerdem arbeite ich fast von Beginn der Montage an mit Ton. Ich habe nicht eine Montage von Bildern und füge dann den Ton hinzu. Für mich ist die Montage der Schreibprozess eines Films in dem Moment, in dem Bilder und Töne aufeinander treffen. Ich versuche nicht, die in den Bildern dargestellten Ereignisse durch den Ton zu illustrieren, sondern Kontrapunkte, Rhythmen, Stimmungen, Brüche zu schaffen, ebenso wie ich versuche, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf einen Teil des Bildes zu fokussieren oder sie auf einen anderen umzulenken.

Ich habe auch mit archiviertem Tonmaterial gearbeitet, vor allem mit dem Schmutz verschiedener alter Tonaufnahmen, von denen man sie reinigen oder befreien würde. Ich benutzte sie, um Unterschiede zwischen Bildern und Momenten zu schaffen, um das Gefühl von Kontinuität zu erzeugen, das durch Zeitfragmente und Ellipsen entsteht. Ich habe auch mit einigen Feldaufnahmen gearbeitet, die ich selbst gemacht habe, und in Zusammenarbeit mit Benito Macías – der auch für die Tonmischung verantwortlich ist – habe ich einige Soundeffekte und Computersynthesizer verwendet.

Kannst Du zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film kamst?

Ich bin nur ein Typ, der im Jahr 2021 lebt und versucht, mit Hilfe des Kinos einen Blick auf die Welt zu werfen, die mich umgibt. Deshalb sehe ich mehr und mehr nicht die Notwendigkeit, in ferne Länder zu reisen, um einen Dokumentarfilm zu machen. Ich finde es relevanter, auf den Ort zu schauen, an dem ich lebe, wo ich herkomme und auf das, was mich betrifft und mich als Mensch ausmacht.

Ich finde, dass das Kino ein mächtiges Medium ist, um Fragen zu stellen und sie mit dem Publikum zu teilen, mehr als zu versuchen, Antworten auf große Probleme zu geben. Wir können die Welt nicht durch Filme verändern, aber wir können sie hinterfragen und herausfordern.

Ich fand es wichtig, diesen Film zu machen, weil Städte, wie wir sie kennen und erlebt haben, überall verschwinden, zumindest im alten Europa. Und ich fand es wichtig, dieses archivarische und dokumentarische Material zu nutzen, um einen Film auf eine subtilere und subjektivere Weise zu schreiben, ohne die Notwendigkeit von Worten und Erklärungen, nur mit den reinen Elementen des Filmemachens: Bild, Ton und Montage.

Wie wird es weitergehen – bleibst Du dem Dokumentarfilm treu? Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich habe gesagt, dass ich kein Interesse daran habe, in diesem Film Worte zu verwenden, aber jetzt muss ich verraten, dass mein nächstes Projekt eine Menge davon verwenden wird. Jeder Film ist eine neue Herausforderung, eine ganz andere Sache, und er steht immer im Dialog mit dem vorherigen. In diesem Sinne möchte ich wieder mit Archivmaterial arbeiten, auch mit Standbildern, die zu bewegten Bildern werden, und das Element des Erzählers ausnutzen. Natürlich wird dieser Erzähler kein typischer sein, er wird die Bilder nicht instrumentalisieren oder genaue Informationen über die in ihnen dargestellten Ereignisse geben. Im Gegenteil, er wird mit den Bildern spielen und er wird bewusst lügen, um etwas über deren Wahrheit zu sagen. Viel mehr möchte ich aber nicht verraten, denn es ist noch ein fragiles Projekt in der Entwicklung. Aber ich hoffe wirklich, dass du bald davon hören wirst.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „In Ictu Oculi


Interview: In our interview with Spanish filmmaker Jorge Moneo Quintana, we were able to learn more about his documentary “In Ictu Oculi“, which celebrated its world premiere at the 63rd DOK Leipzig, how the idea for his film came about, how much research work was necessary and why sound is just as important to him as images. 

How did it all begin? What gave you the impulse to tell the story of a place through archival photographs?

The idea of making this short film started with a finding. I was investigating archival materials for a future project and I found a bunch of images of an extinct building of my hometown (Vitoria-Gasteiz). The first thing that struck me was how such a beautiful building (to say it superficially, because I am aware of the fact that beauty is a relative thing) could have disappeared from the surface, how could the contemporary citizens of this town not have any idea about the past existence of such a building. The second interesting aspect was that those photographic images (actually glass plates) were meticulous documents of this building’s death, and the fact that that day I found enough images to start a puzzle, to be able to start a sort of autopsy of what happened with this building. So my curiosity as a citizen of this town was one important impulse to start playing with the images.

Can you tell me more about the research itself – how long did it take, how many archives did you visit and how often did you find new or unexpected things?

I realized that I had already found a quite good number of images that day. I thought maybe I could make a film just about this single corner of my town. So I started to search for more materials, at first as many as I could find, of the building before being demolished, while being demolished and what had after replaced this building. This feverish search for more images of this corner brought me to five archival institutions -four of them located in town, and another one also in the Basque Country region- and to different collections and authors within this archives.

What was important to you in compiling the material? What was important to you to capture with the images?

The first impulse was to try to complete a puzzle. It was important for me to figure out how the events developed, what was in that corner before, what came after, etcetera. It was a long process to organize the materials into a coherent sequence of events because photographs can lead to confusion, especially when they portray an already disappeared place.

But this was just a personal interest and you have to overcome this stage if you are willing to make a film, because the viewer may not share the same object of interest as you. So this way, you have to bring things to a more universal level, to an allegorical level if I can say so. Personally, and in a general way, I am not interested in documentaries that try to show you reality as it is. First of all this is an impossible goal since cinema is manipulation and a film is a product of a number of choices and rejections. So being aware of this fact, you can push the materials and the montage a bit further, to this more universal and ambiguous level that I call allegorical. That is why the film offers few contextualization of the events and no comments or dialogues. In this sense the speech offered at the beginning and at the end of the film is also a manipulated archive material, a blend of different historical speeches of the king Alfonso XIII.

Your soundscape adds another layer to your film. Can you please tell me more about that?

For me sound is just as important as image in a film, and I enjoy a lot working personally on it. Moreover I work with sound almost since the beginning of the montage. I don’t have a montage of images and then I add the sound. For me montage is the writing process of a film in the moment of images and sounds meeting each other. I don’t try to illustrate the events depicted in the images through sound, but to create counterpoints, rhythms, moods, ruptures, as much as I try to focus the attention of the viewer into a part of the image or divert it to another one.

I worked with archival sound materials too, especially with the dirt of different old sound recordings, of this that you would clean or refuse. I used it to create differences between images and moments, to create a sensation of continuity being made by fragments of time and ellipses. I also worked with some field recordings made by myself and I also worked in collaboration with Benito Macías -also responsible for the sound mix- in some sound effects and computer synthesizers.

Finally, can you tell me a bit more about yourself and how you came to make the film?

I am just a guy living in 2021 that tries to use cinema to look at the world that surrounds me. That is why more and more I don’t find the necessity of travelling to remote lands in order to make a documentary. I find it more pertinent to look at the place I am living in, to where I am from and to that which affects me and constitutes me as a human being.

I find that cinema is a powerful media to place questions and share them with the audience, more than trying to give answers to big problems. We can’t change the world through films but we can question it and challenge it.

I found it important to make this film because cities, as we have known and experienced them, are disappearing all over, or at least in old Europe. And I found it important to use this archival and documentary materials to write a film in a more subtle and subjective way, without the need of words and explanations, just with the pure elements of filmmaking: image, sound and montage.

What will happen next – will you stay true to documentary film? Are there already new projects planned?

I said that I was not interested in using words in this film but now I have to reveal that my next project is going to use a lot of them. Every film is a new challenge, a whole different thing, and it is always in dialogue with the previous one. In this sense I want to work again with archival materials, also still images that will become moving images, and to exploit the element of the narrator. Of course this narrator won’t be a typical one, he won’t instrumentalize the images or give accurate information about the events depicted in them. On the contrary he will play with the images and he will deliberately lie in order so say something about their truth. But I don’t want to advance much more because it is still a fragile project in development. But I really hope you hear about it soon.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „In Ictu Oculi“ 

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