Sieben Fragen an Dorian Barbera

Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Dorian Barbera konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Pakeha“ erfahren, der auf dem 42. Filmfestival Max Ophüls Preis seine Premiere feierte, wie er zu dem Projekt kam, warum ein Perspektivwechsel auch im Dokumentarfilm notwendig ist, wie der Dreh in Neuseeland verlief und wie Corona beinahe die Umsetzung scheitern ließ. 

Wie kam es zu der Idee nach Neuseeland zu fliegen und die Maori zu portraitieren? 

Ich hatte vor ein paar Jahren in Australien sehr viel Bevormundung der dortigen Aborigines durch Weiße, auch durch Touristen, miterlebt. Auf diese Problematik wollte ich eine privilegierte weiße Zuschauerschaft aufmerksam machen. 

Im Studium habe ich dann viel über das Thema der Perspektive im Dokumentarfilm lernen dürfen. 2020 hatte ich die Möglichkeit, ein Auslandssemester zu machen und entschied mich, dies mit der Produktion meines Abschlussfilms zu verbinden. Dank meiner Erfahrungen in Australien war ich mit dem Gebiet von Commonwealth-Ozeanien bereits vertraut. Anstatt einfach nach Australien zurückzukehren, entschied ich mich aber für Neuseeland, zum einen, weil das Land unter Europäern noch mehr als ‚Paradiesinsel‘ gilt als Australien. Ich sah mehr dramatisches Potenzial darin, Probleme hinter der Fassade des vermeintlichen ‚Traumziels‘ zu enthüllen. Außerdem ist in Neuseeland die Māori-Kultur stärker in das moderne kulturelle Leben integriert und lebendiger als in Australien. In Australien war mir damals klar geworden, wie unsichtbar die Kultur der Aborigines leider bereits geworden war. Im Gegensatz dazu ist Te Reo Māori die offizielle Sprache von Neuseeland und meine Austauschuniversität hatte eine Māori-Fakultät. Das machte es einfacher, Interviewpartner sowie Settings zu finden, in denen ich die Interaktion zwischen kolonialen und indigenen Menschen zeigen konnte.

Wie viel Recherche hast Du vor dem eigentlichen Dreh unternommen?

Viel und wenig zugleich. Auf der einen Seite hatte ich mir bereits vor der Reise nach Neuseeland Gedanken zum Perspektiv-Wechsel, zum Aufbau der Handlung meines Films und zu den Bildern gemacht, die meine Message transportieren sollten.

Auf der anderen Seite hatte ich mit Absicht wenig über die Maori-Kultur selbst recherchiert. „Pakeha“ ist aus der Sicht eines naiven Reisenden erzählt, der erst durch seine Begegnungen mit den Menschen in Neuseeland ein gewisses Bewusstsein für die Kultur und schließlich für seinen eigenen Eurozentrismus bekommt. Diese Sicht wollte ich mir bewahren, um meinen Prozess des Kennenlernens dieses Landes und seiner Menschen dann möglichst authentisch zeigen zu können. 

Allerdings habe ich dann vor Ort doch sehr viel über die Kultur gelernt, viel mehr als im Film zu sehen ist. Ich belegte an der Universität Kurse zu Maori-Kultur und zur Repräsentanz der Maori in den Medien, lernte den Haka-Tanz und ging auf Urwald-Expedition mit Tihini Grant, der auch im Film zu sehen ist.

Wie viel Zeit hast Du dann in Neuseeland verbracht? Wie hast Du Deine Protagonisten und Drehorte gefunden? Wie haben sie auf Dein Filmprojekt im Allgemeinen reagiert?

Ich war von Januar bis Juli 2020 in Neuseeland, habe also den Corona-Ausbruch dort miterlebt. Mein Projekt wäre auch fast gescheitert weil ich bis Mitte März noch kaum gedreht hatte. Ich musste dann spontan 80% meines Materials an einem Wochenende drehen, dann kam der Lockdown. Das war sehr stressig.

Heinz, den Schweizer, der am Anfang des Films zu sehen war, hatte ich auf einem Campingplatz getroffen und habe ihn dort auch direkt interviewt. Ein Kommilitone hatte mir die Nummer von Tihini Grant gegeben. Das ist der Maori, der am Ende die Kamera herumdreht. Dr. Teena Brown Pulu war meine Dozentin im Kurs „Media of the Pacific“ und die Maori-Performer, den Tourguide und das ältere Ehepaar habe ich in Whakarewarewa Village kennen gelernt. Für dieses „Living Maori Village“ hatte ich mir schon ein paar Wochen zuvor eine Drehgenehmigung besorgt und die Bewohner sind es gewohnt, ständig gefilmt zu werden. Die Shots in der Natur und in der Innenstadt von Auckland sind recht spontan entstanden, da bin ich einfach zu Fuß oder mit dem Auto losgezogen und was mir gefallen hat, das habe ich gefilmt. 

Die ProtagonistInnen waren dabei alle sehr entspannt, was ich nicht erwartet hätte. Kaum jemand hatte sich an meiner Arbeit gestört. Ich hatte aber auch niemandem die wahre Idee hinter meinem Projekt offenbart, denn ich wünschte mir möglichst unvoreingenommene Antworten. Den meisten hatte ich nur gesagt, dass ich einen kleinen Film über meine Zeit in Neuseeland drehte. 

Überraschend ist der plötzliche Perspektivwechsel. Wie war es, auf einmal selbst Teil Deiner Dokumentation zu sein? 

Für mich war das nicht überraschend. Auch wenn es nicht so wirkt, hatte ich das Stilmittel der Kamera-Drehung von Anfang an so geplant. Natürlich hatte ich Tihini meine Intention dahinter erklärt und er fand die Idee sehr gut und auch beim Publikum erreichte das die gewünschte Wirkung. Trotzdem ist gerade der Teil, an dem ich die Macht über die Geschichte scheinbar verliere, die am stärksten von mir kontrollierte Sequenz im ganzen Film und die, die eigentlich am wenigsten „empowering“ für Maori ist. Wenn man das weiß, bekommt die ganze Frage der Bevormundung natürlich nochmal eine neue Ebene. 

Wenn ich den Film nochmal machen würde, würde ich von Anfang an mit einem Maori auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Nur so kann man die eigene privilegierte Position nämlich wirklich verlassen: Indem man sie erst gar nicht einnimmt. 

Welche visuellen Leitlinien hattest Du für Deine Dokumentation?

Ich wollte Perspektiven sichtbar machen. Inhaltlich mache ich das, indem ich Abbilder und Realitäten gegenüberstelle. Gleich zu Beginn sieht man tanzende Maori, dann Statuen, also deren Abbilder und dann Touristen, die durch ihre Fotos wiederum Abbilder von diesen schaffen. Auf der visuellen Ebene nutze ich den Wechsel verschiedener Einstellungen, um Perspektiven und ihre Unzulänglichkeiten sichtbar zu machen. Auf eine nahe Einstellung des Sees am Anfang des Films folgt zum Beispiel eine mehr totale Einstellung. Die zeigt, dass die erste, engere Einstellung nur das Ergebnis eines begrenzten Blickwinkels war, der die ganze Wahrheit der unansehnlichen Straßenszenerie ausblendet. Am klarsten sollte die Kamera-Drehung den Perspektivenwechsel zeigen. Dass die Geschichte darauf zusteuert, wird zuvor mehrfach angedeutet, zum Beispiel als ich einmal um den Maori-Tourguide herum gehe, um den Blick statt auf ihn auf die Touristengruppe zu richten. Er weist mich aber zurück, denn der Akt des Perspektivwechsels muss von einem Maori ausgehen.

Kannst Du zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Geschichten habe ich schon erzählt, bevor ich schreiben konnte. Ich habe mich dann ländliche Teenagerjahre lang mit Romanprojekten verkrümelt und nebenbei meine Freunde gezwungen mit mir und einer steinzeitlichen Digitalkamera Sketche zu drehen obwohl ich eigentlich Stadtplaner werden wollte. Irgendwann ist mir dann klar geworden, dass für mich Planen, Erzählen und Drehen nirgends mehr als im Film zusammenfinden. Seitdem durfte ich das Handwerkszeug zum Filmemachen durch mein multidisziplinäres Bachelorstudium mit Film-Schwerpunkt kennenlernen. Ich schrieb Drehbücher und führte Regie für studentischen Kurzspielfilme, die auf einigen Festivals liefen, Beim BR habe ich als Produktionshelfer gearbeitet, realisiere Image-Filme und journalistische Beiträge und unterstütze studentische Drehs als Aufnahmeleiter, Sound-Designer und Drehbuch-Lektor. „Pakeha“ und die theoretische Reflexion darüber waren mein Abschluss-Projekt und ich freue mich sehr, dass ich mit dem Film zum ersten Mal beim Filmfestival Max Ophüls Preis dabei sein durfte!

Trotzdem fühlt es sich für mich nicht so an, als wäre ich ‚beim Film‘. Das klingt für mich so als würde ich mit aufgeknöpftem Hemd und Pilotenbrille auf einem Regiestuhl sitzen, während um mich herum das Set eines Blockbusters aufgebaut wird. So stelle ich mir diese Menschen ‚beim Film‘ vor. Momentan jobbe ich als Corona-Contact-Tracer im Gesundheitsamt und bewerbe mich gemeinsam mit hunderten Anderen auf einen Studienplatz an einer Filmhochschule, damit ich hoffentlich irgendwann mal da hin komme: ‚Zum Film‘.

Wie geht es jetzt weiter? Wirst Du dem Dokumentarfilm treu bleiben? Sind bereits neue Projekte geplant oder wirst Du Dich weiter mit den Maori beschäftigen?

Pakeha“ war mein erster Film im Doku-Stil, mein letzter Kurzspielfilm „Villa” hatte aber auch schon einen sehr naturalistischen Stil. Eine klare Trennung zwischen Dokumentation und Fiktion gibt es ja sowieso nicht, denn der Inhalt jedes filmischen Werks, auch von sogenannten Dokumentationen, ist immer von der Sichtweise eines Autors oder einer Protagonistin abhängig. Das ist es auch, was ich weiterhin sehr interessant finde. Daher möchte ich ZuschauerInnen auf die Macht von Perspektive aufmerksam machen. Ich will verschiedene (Erzähl-)Perspektiven kontrastieren, die Grenzenlosigkeit zwischen Fiktion und Dokumentarfilm aufzeigen und mit den Diskrepanzen zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Realität Spannungsmomente schaffen. Das geht mit vielen interessanten Themen. Die Maori-Thematik ist für mich nach zwei Jahren, die mich „Pakeha“ nun beschäftigt, erst einmal abgeschlossen. Meine konkreten zukünftigen Projekte hängen jetzt stark davon ab, wohin es mich verschlägt. Wenn ich ein Regie- oder Drehbuchstudium beginnen kann, ist mein Wunsch, einmal einen Langspielfilm umzusetzen, am liebsten eine Coming-Of-Age-Tragikomödie über deutsche Backpacker in Australien. Es geht mir gar nicht darum, einmal mit aufgeknöpftem Hemd auf einem Regiestuhl zu sitzen aber ich habe da ein paar Ideen für Geschichten, die ich der Welt einfach nicht vorenthalten will!

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Pakeha

 

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