42. Filmfestival Max Ophüls Preis 2021

17.-24. Januar 2021 / Online

Festivalbericht: Das renommierte Filmfestival Max Ophüls Preis, was seit 42 Jahren eine feste Größe der deutschen Festivallandschaft ist, ist das perfekte Sprungbrett für viele deutschsprachige Talente, welche hier ihre Filme vorstellen und im Idealfall prämiert werden. Aufgrund der weiter bestehenden Corona-Pandemie haben sich die Veranstalter früh dafür entschieden, das Festival online durchzuführen. So konnte man an sieben Tagen 98 Filme in verschiedenen Wettbewerben und Filmreihen als Stream sehen, welche am Ende der Woche mit 16 Preisen ausgezeichnet wurde. Dabei gab es viel zu entdecken, ob Spiel- oder Dokumentarfilme oder Kurz-, Mittellang- und Langfilme sowie Filme aus vielen verschiedenen Genren, so dass das Festival für jeden was parat hielt.

Auch beim Filmfestival Max Ophüls Preis sind das Herzstück die Wettbewerbe. In vier Kategorien – Spielfilm, Dokumentation, Mittellanger Film und Kurzfilm wurden Preise im Wert von insgesamt 115.500 € an 50 möglichen Filme, welche allesamt ihr ein Ur- oder Deutschlandpremiere hier feierten, vergeben. Im Wettbewerb Spielfilm traten zwölf Filme gegeneinander an und hatten die Möglichkeit neun Auszeichnungen zu gewinnen. Der Film „Borga“ war der große Gewinner des Festivals. Es erzählt die Geschichte eines jungen Ghanaers, den es nach Deutschland verschlägt, um das große Geld zu machen. Der Film unter der Regie von York-Fabian Raabe gewann nicht nur den Preis als ‚Bester Spielfilm‘, sondern auch den Publikumspreis, den ‚Preis für den gesellschaftlich relevanten Film‘ und den ‚Preis der ökumenischen Jury‘. Auch der österreichische Film „Fuchs im Bau“, der authentisch das Leben von Jugendlichen im Knast schildert, konnte drei Preise gewinnen, u.a. der Regisseur Arman T. Riahi für die ‚Beste Regie‘. Der starke Film „Nico“ von Eline Gehring gewann die Auszeichnung ‚Bester Schauspielnachwuchs‚‘ für Schauspielerin Sara Fazilat. Der Film lebt von ihrer starken Energie, setzt mit ihr und den Nebencharakteren Frauen ins Zentrum ihrer Geschichte und war der stärkste Beitrag des Wettbewerbs. Die gleiche Auszeichnung gewann auch Jonas Holdenrieder für seine Rolle in „Trübe Wolken“. Neben den Preisträgern fiel noch die mainstream-taugliche Tragikomödie „Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen“ von Nadine Heinze und Marc Dietschreit auf. Der mit Emilia Schüle prominent besetzte Film behandelt das oft absichtlich übersehene Thema der Altenpflege durch osteuropäische Arbeiterinnen. Ganz anders dagegen der Spielfilm „Das Massaker von Anröchte“ von Hannah Dörr, der eine durchkomponierten Bildsprache, übertriebenen Humor und eine starke Nähe zum Theater aufwies und als einer der außergewöhnlichsten Film im Wettbewerb auffiel.

Oliver Dietze

Eröffnung

Im Wettbewerb wurden drei Dokumentarfilme mit Preisen ausgezeichnet. „Stollen“ von Laura Reichwald, der von der Veränderungen des weg bleibenden Bergbaus in einer sächsischen Provinz berichtet, erhielt die Auszeichnung als ‚Bester Dokumentarfilm‘. Die Dokumentation „Dear Future Children“ portraitiert drei junge Aktivistinnen, die sich für ihre Belange stark machen und damit ein leuchtendes Beispiel sind, und konnte damit den Publikumspreis gewinnen. Der aus einem persönlichen Standpunkt heraus entstandene Film „The Case You“ war einer der stärksten Beiträge des Wettbewerbs Dokumentarfilm. Die Regisseurin Alison Kuhn arbeitete zusammen mit fünf Schauspielerinnen deren Erfahrungen mit dem Missbrauch bei einem Casting auf und konnte das Publikum sowohl mit ihrer intensiven Darstellung als auch mit dem geschehenen Unrecht bewegen. Dabei wird der Film wunderbar von der herausragenden Musik der Komponistin Dascha Dauenhauer („Berlin Alexanderplatz“ (2020)) unterstützt, welche dafür auch die Auszeichnung ‚Beste Musik in einem Dokumentarfilm‘ gewann. Unter den zehn Beiträgen des Wettbewerbs Dokumentarfilm stachen noch die beiden Dokumentationen „Väter unser“ von Sophie Linnenbaum („Pix“ (2017)) sowie „Mein Vietnam“ von Thi Hien Mai und Tim Ellrich („Am Fenster“ (2016), „Sara the dancer“ (2017)) hervor, welche sich mit familiären Themen beschäftigten. Linnenbaums Film wählt dabei die Form eines reinen Interview-Films, in dem die Portraitierten von ihren Vätern bericht, wohingegen Thi Hien Mai ihre eigenen Eltern bei ihrem Alltag begleitet und gleichzeitig die Schwierigkeiten eines neuen Lebens fernab der Heimat einfängt. In den beiden Filmen „Wir alle. Das Dorf“ und „Wem gehört mein Dorf“ wird das gemeinschaftliche Leben thematisiert. Im ersten Film wird ein ganzes neues Dorf mit einem zeitgemäßen Ansatz aufgebaut. Im zweiten Film geht der Regisseur der Frage nach, inwieweit bauliche Veränderungen zu einer Stadtentwicklung dazu gehören.    

Oliver Dietze

Preise

Unter den zehn Beiträgen des ‚Wettbewerbs Mittellanger Film‘ stachen verschiedene Geschichten über junge Frauen, welche ihren (neuen) Platz finden, hervor, u.a. die Filme „Jackfruit“, „Magda fährt Motorrad“ und „Rotten Candy“, Auch in den beiden Filmen „Intermezzo“ und „Adisa“ geht es um persönliche Weiterentwicklungen, aber hier unter besonderen Bedingungen. Die beiden Preise, welche es in diesem Wettbewerb zu gewinnen gab, gingen beide an den deutsch-jordanischen Film „Tala’Vision“ von Murad Abu Eisheh. In seinem 27-minütigen Film erzählt er von einer durch Krieg und Terror gezeichneten Kindheit und der Liebe zum Fußball, die ungeahnte Probleme mit sich bringt. Dieser Film gewann nicht nur den Preis als ‚Bester Mittellanger Film‘ sondern war auch der Publikumsliebling. 

Auch bei den 18 Kurzfilmen des Wettbewerbs gab es viel zu entdecken. Unter den Beiträgen war auch der neueste Film von Jannis Alexander Kiefer („Comments“ (2018)) – „Kollegen“ – der sich humorvoll einem Teil der deutschen Geschichte nähert. Besonders fielen die genre-lastigen Filme ins Auge, wie „I am“, der sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz beschäftigt, sowie die Filme „Waid“ und „Götterdämmerung“ in denen merkwürdige Dinge im Verborgenen passieren. Amüsant und schlagfertig war der Kurzfilm „Handbook for a privileged european Woman“ von Alma Buddecke („Hot Dog“ (2019)), welche man gern als Langfilm weitererzählt bekommen möchte. Das kurze Drama „Fische“ gewann den Wettbewerb und skizziert mit knackigen Dialogen und gelungenen Bildern eine schwierige Geschwisterbeziehung. Der Sieger der Herzen des Publikums war der Kurzfilm „Trumpet“ von Kevin Haefelin, der spürbar machte, wie es sich in der Fremde manchmal anfühlt und wie wunderbar heilsam Musik sein kann.   

Oliver Dietze

Festivalleiterin Svenja Böttger

Neben den Wettbewerben hatte man auch die Möglichkeit in weiteren Filmreihen Werke deutschsprachiger Filmemacher zu entdecken. Zum einen gab es die MOP-Watchlist, in der Langfilme präsentiert wurden, bevorzugt von FilmemacherInnen, deren Schaffen das Festival bereits verfolgt. Hier fiel besonders die starke Coming-of-Age-Geschichte „Freak City“ von Andreas Kannengießer auf, der von der Annäherung eines orientierungslosen Teenager und einer kämpferischen Gehörlosen erzählt. Auch in der MOP-Shortlist, in der 21 Kurzfilme gezeigt wurden, gab es viele interessante dokumentarische und fiktive Filme zu entdecken. Besonders berühren konnte die Doku „Die Frau ohne Eigenschaften“ von Siwei Li, welche von den Erfahrungen einer chinesischen, jungen Frau in Deutschland erzählt. Auf ehrliche Weise mit der Realität beschäftigten sich auch die Kurzfilme „Bambirak“ und „Fischstäbchen“. In beiden Filmen kommt es zu einer Annäherung von Vater und Kind. Wer noch mehr Kurzfilme sehen wollte, hatte die Möglichkeit die jeweils neun Minuten langen Filme des Atelier Ludwigsburg-Paris zusehen, wo es u.a. eine bitterböse Komödie („Die Katze von nebenan“) und einen dystopischen Pandemiefilm („Zawal – Vor dem Ende“) zu entdecken gab. Rundherum hatte das nur online verfügbare 42. Filmfestival Max Ophüls Preis viel zu bieten und konnte damit auch glücklicherweise sein Publikum erreichen. Das Festival verzeichnete über 39.000 Filmsichtungen sowie eine rege Teilnahme an den Live-Angebote wie der Eröffnung und Preisverleihung. Damit war auch diese Ausgabe ein voller Erfolg und bot einen wunderbaren Einblick in das junge, deutsche Filmschaffen.

Oliver Dietze

Eröffnung

Fazit: Die 42. Ausgabe eines der wichtigsten deutschen Nachwuchs-Filmfestivals – das Filmfestival Max Ophüls Preis – konnte in diesem Jahr nur als Online-Format stattfinden. Trotz dieser großer Einschränkung präsentierte das Festival ein umfangreiches Filmangebot, was hervorragend das aktuelle deutsche Filmschaffen von vielen jungen, kreativen Köpfen einfing und in vielen Genres zuhause war. Dabei bestach das abwechslungsreiche Angebot mit vielen authentischen Stoffen und zudem mit guten Dokumentarfilmen. Doch neben diesen meist härteren Stoffen hatten auch Genrestoffe sowie Komödien ihren Platz, so dass für jede ZuschauerIn definitiv etwas dabei war und man eine Woche voller guter Filme genießen konnte.

Trailer des 42. Filmfestivals Max Ophüls Preis 2021

Liste aller erwähnten Filme

  • „Adisa“ (Kenia/Deutschland, 2021, Regie: Simon Denda)
  • „Bambirak“ (USA/Deutschland, 2020, Regie: Zamarin Wahdat)
  • „Borga“ (Ghana/Deutschland, 2021, Regie: York-Fabian Raabe)
  • „Das Massaker von Anröchte“ (Deutschland, 2021, Regie: Hannah Dörr)
  • „Dear Future Children“ (Deutschland/UK/Österreich, 2021, Regie: Franz Böhm)
  • „Die Frau ohne Eigenschaften“ (Deutschland, 2020, Regie: Siwei Li)
  • „Die Katze von nebenan“ (OT: „Le chat d’à Côté“, 2020, Regie: Lisa Sallustio)
  • „Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen“ (Deutschland, 2020, Regie: Nadine Heinze und Marc Dietschreit)
  • „Fische“ (Österreich, 2020, Regie: Raphaela Schmid)
  • „Fischstäbchen“ (Österreich, 2020, Regie: Adriana Mrnjavac)
  • „Freak City“ (Deutschland, 2020, Regie: Andreas Kannengießer)
  • „Fuchs im Bau“ (Österreich, 2020, Regie: Arman T. Riahi)
  • „Götterdämmerung“ (Deutschland, England, Kroatien, Slowenien, 2021, Regie: David Uzochukwu und Faraz Shariat)
  • „Handbook for a privileged european Woman“ (Deutschland, 2021, Regie: Alma Buddecke)
  • „I am“ (Deutschland, 2021, Regie: Jerry Hoffmann)
  • „Intermezzo“ (Deutschland, 2021, Regie: Kim Lêa Sakkal)
  • „Jackfruit“ (Deutschland, 2021, Regie: Thùy Trang Nguyễn)
  • „Kollegen“ (Deutschland, 2020, Regie: Jannis Alexander Kiefer)
  • „Magda fährt Motorrad“ (Österreich, 2021, Regie: Lisa Hasenhütl)
  • „Mein Vietnam“ (Deutschland, 2020, Regie: Thi Hien Mai und Tim Ellrich)
  • „Nico“ (Deutschland, 2021, Regie: Eline Gehring)
  • „Rotten Candy“ (Deutschland, 2021, Regie: Jade Li)
  • „Stollen“ (Deutschland, 2020, Regie: Laura Reichwald)
  • „Tala’Vision“ (Deutschland/Jordanien, 2020, Murad Abu Eisheh)
  • „The Case You“ (Deutschland, 2020, Regie: Alison Kuhn)
  • „Trumpet“ (Schweiz, 2020, Regie: Kevin Haefelin)
  • „Trübe Wolken“ (Deutschland, 2021, Regie: Christian Schäfer)
  • „Väter unser“ (Deutschland, 2021, Regie: Sophie Linnenbaum)
  • „Waid“ (Deutschland, 2021, Regie: Lorenz Piehl)
  • „Wem gehört mein Dorf“ (Deutschland, 2021, Regie: Christoph Eder)
  • „Wir alle. Das Dorf“ (Deutschland, 2021, Regie: Antonia Traulsen und Claire Roggan)
  • „Zawal – Vor dem Ende“ (Deutschland/Frankreich, 2020, Regie: Mujtaba Saeed)

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen

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